Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.05.2015

10:54 Uhr

EZB-Studie

Geldpolitik hat langfristig keinen Einfluss auf Zinsen

Geldpolitik kann den Zins allenfalls über einen kurzen Zeitraum beeinflussen. Das ist das Ergebnis einer Studie der EZB. Entscheidend sei vielmehr das Wachstum einer Volkswirtschaft.

Laut EZB-Studie sind über einen längeren Zeitraum nur reale Faktoren für den Zins entscheidend. AFP

EZB-Präsident Mario Draghi

Laut EZB-Studie sind über einen längeren Zeitraum nur reale Faktoren für den Zins entscheidend.

In einer am Montag veröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt und der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos vorab vorliegt, argumentiert die Europäische Zentralbank (EZB), dass die Geldpolitik langfristig keinen Einfluss auf den Zins hat. Entscheidend sei vielmehr das Wachstum einer Volkswirtschaft.

„Die EZB kann die inflationsbereinigte reale Verzinsung allenfalls über einen kurzen Zeitraum beeinflussen“, sagte der Studienautor und EZB-Generaldirektor für Marktoperationen, Ulrich Bindseil, dem Handelsblatt. Über einen längeren Zeitraum seien hingegen allein reale Faktoren für den Zins entscheidend. Etwa die Flexibilität des Arbeitsmarktes oder das Niveau an Zuwanderung in einer Gesellschaft. „Wenn es zu wenige profitable Investitionsmöglichkeiten für die vorhandenen Ersparnisse in einer Volkswirtschaft gibt, muss der Zins sinken“, sagte Bindseil.

EZB-Anleihekäufe: Wem hilft Draghi?

Warum startet die EZB umfangreiche Anleihenkäufe?

Die Preisentwicklung im Euroraum bereitet den Notenbankern Sorgen. Im Januar und Februar sind die Verbraucherpreise auf Jahressicht jeweils gesunken. Deshalb befürchten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Das könnte dazu führen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmt. Dies will die EZB mit den Käufen verhindern: Das Programm soll dazu beitragen, die Inflation wieder auf ein Niveau zurückzuführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht. Die EZB strebt eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an.

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für die Zinsen, mit denen die Geldpolitiker eigentlich die Inflation steuern: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft. „Gäbe es noch Spielraum, so hätte die EZB die Leitzinsen bereits gesenkt. Da diese Möglichkeit aber nicht mehr bestand, war das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten das einzig geeignete Instrument, mit dessen Hilfe die EZB ein ähnliches Ergebnis erreichen konnte“, erklärt die EZB.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere am Sekundärmarkt - also nicht direkt bei Staaten, sondern bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm den Unternehmen in ganz Europa helfen wird, leichter Zugang zu Krediten zu erhalten. Das werde die Investitionstätigkeit steigern, Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum insgesamt stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Gibt es Kritik an den EZB-Käufen von Staatsanleihen?

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann befürchtet, dass der Reformeifer in Krisenländern nachlassen könnte - schließlich wird das Schuldenmachen billiger, wenn die EZB als großer Akteur auf den Plan tritt. Kritiker werfen der EZB zudem vor, sie finanziere letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit.

Wie wirkt die Geldflut?

Bislang vor allem wie ein Schmierstoff für Aktienmärkte. Da viele andere Geldanlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen, stecken Investoren ihr Geld in Aktien. Die Kurse steigen. Experten warnen, dass dadurch Blasen an den Aktienmärkten entstehen können. Ähnliches gilt für Immobilienmärkte. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret sieht die Gefahr, dass viele Anleger auf der Suche nach Rendite zu Vermögenswerten greifen, die sie bisher wegen deren Risiken gemieden haben: „Die Entstehung von Preisblasen wird damit wahrscheinlicher, und das könnte zu einem Problem für die Stabilität des Finanzsystems werden.“

Wie reagiert der Euro?

Der Euro verliert wegen der lockeren Geldpolitik massiv an Wert gegenüber dem Dollar. Das hilft der Exportwirtschaft: Produkte „made in Germany“ sind auf den Weltmärkten in Dollar billiger. Das kann die Konjunktur beflügeln. Allerdings: Für Verbraucher begrenzt der schwache Euro die Effekte gesunkener Ölpreise, weil Rohöl und Benzin international in Dollar gehandelt werden. Mit anderen Worten: Wäre der Euro stärker, wäre Sprit in Deutschland billiger. Und: Reisen in Nicht-Euroländer wie die Schweiz oder die USA werden teurer.

Welche Papiere kauft die EZB?

Die EZB will Papiere von Eurostaaten, von internationalen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) oder von nationalen Förderbanken wie der KfW kaufen. Bei Staatsanleihen gilt: Gekauft werden nur auf Papiere von guter Bonität. Anleihen, die von Ratingagenturen als Ramsch gewertet werden, sind außen vor - es sei denn, das Land befindet sich in einem Sanierungsprogramm der EU und erfüllt alle Sparauflagen. Die Überprüfung des Programms muss abgeschlossen sein. Damit ist im Moment ausgeschlossen, dass die EZB Anleihen Zyperns oder Griechenlands kauft.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Allerdings dürfte die EZB die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das milliardenschwere Programm läuft. Die Zeiten bleiben also noch eine ganze Weile hart für Sparer. Die Deutsche Kreditwirtschaft kritisiert schon länger, dass die Geldpolitik der EZB die Sparer belastet und die private Altersvorsorge gefährdet. Die Renditen auf Staatsbonds wie Bundesanleihen dürften hingegen durch die Käufe direkt weiter nach unten gedrückt werden. Das trifft Besitzer von Anleihen oder Anleger, die Geld in Anleihenfonds investiert haben. Auch das Geld der Lebensversicherer steckt vor allem in Staatsanleihen. Hingegen profitieren Staaten. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dürfte sich freuen: Die EZB erhöht die Nachfrage nach den Schuldpapieren, Deutschland kann sich noch günstiger Geld am Kapitalmarkt besorgen.

Langfristig zeigt der Trend sowohl bei Realzinsen und Wirtschaftswachstum nach unten: Seit den 1960er Jahren sind sie stetig gefallen. Auch in Zukunft könnte dieser Trend anhalten. „Wir haben es in Deutschland und Europa außerdem mit einer schrumpfenden Bevölkerung zu tun.“ Dies werde auch in Zukunft grundsätzlich das Wachstum dämpfen, sagte Bindseil. Ob sich daran etwas ändere, hänge von der Politik ab.
„Die Geldpolitik kann dieses Problem nicht lösen“, sagte Bindseil. Die Politik habe jedoch Einfluss, um das zu ändern. Zum Beispiel, indem sie mehr Zuwanderer ins Land hole oder über Bildung und Forschung in die zukünftige Produktivität investiere. Wichtig seien außerdem bessere Investitionsbedingungen für die Unternehmen.

Von

jam

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

aza azaziel

18.05.2015, 11:11 Uhr

Solange die Zentralbank private und staatliche Anleihen in unbegrenzter Hoehe aufkaufen kann, solange kann sie auch den Zins niedrig und sogar im negativen Bereich halten. Unabhaengig von der Inflationsrate! Die Zentralbank wuerde dann allerdings alle anderen Kaeufer aus dem Markt draengen. Das kann die Zentralbank solange machen, wie das Geld noch seine konventionellen Funktionen als Zahlungsmittel erfuellen kann und dann nicht mehr. Dann haetten wir einen Kollaps.

Herr Joly Joker

18.05.2015, 11:14 Uhr

Häää? langfristig fallender Zins seit den 60igern? In den 70igern hatte ich Zinsen von dt Staatspapieren von 6.5% bis 8.5%. In den 80igern gar von 13%. Das war die Brandt/Schmidt- Zeit. Seitdem geht es abwärts - weil die Politik das so will. Und die Zentralbank hat natürlich einen erheblichen Einfluss auf den Zins. Was Dragi macht , ist mehr Geld ins System zu schleusen als Waren- und Dienstleistungswachstum und Inflationsausgleich zusammen . Auch ohne VWL Studium weiß man was da passiert. Das hatten wir schon etliche Male . Sehr oft sogar schon - seit es Papiergeld gibt.

Herr Helmut Metz

18.05.2015, 11:51 Uhr

NEIN, da früher oder später das Unvermeidliche passiert: die Flucht aus der Währung, die die betreffende Zentralbank emittiert.
Und das wird bei der EZB genauso geschehen müssen, wie bei zahlreichen anderen Notenbanken in der Geschichte zuvor.
Besonders fulminant sah man das übrigens um 1980 herum bei der FED: es setzte damls eine Flucht aus dem sich immer schneller entwertenden US-Dollar ein, worauf der damalige FED-Chef Paul Volcker den Leitzins auf bis zu >20% hinauf katapultierte. Damit war der Dollar wieder stabilisiert, das Geld war wieder etwas "wert", weil man reichlich Zinsen dafür bekam.
Da die Staatsverschuldungskurve jedoch ein exponentielles Wachstum zeigt, und wir bei vielen Staaten (inklusive USA) bereits am letzten Teil der Kurve angelangt sind, sitzen die Zentralbanken nun in der Tat in der Falle: eine Zinserhöhung wie damals bringt die Staaten um, erfolgt sie nicht, stirbt jedoch die betreffende Währung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×