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22.01.2015

12:18 Uhr

EZB und Anleihekäufe

Katastrophenschutz für Ihr Depot

VonJens Hagen

Die Finanzmärkte spielen verrückt. Anleger schauen auf die Europäische Zentralbank und fragen sich: Wann kommt die nächste extreme Verwerfung. Welche Gefahren Ihrem Vermögen drohen und wie Sie reagieren sollten.

Rettungsring fürs Vermögen: Zahlreiche Krisen bedrohen das Vermögen. Getty Images

Rettungsring fürs Vermögen: Zahlreiche Krisen bedrohen das Vermögen.

Die Einschläge an den Finanzmärkten kommen derzeit ebenso häufig wie unerwartet. Wer hätte noch vor einem halben Jahr damit gerechnet, dass sich der Ölpreis in diesem Zeitraum halbiert? Und wer hätte noch vor zwei Wochen darauf spekuliert, dass sich die Schweizer Notenbank vom Euro lossagt und den Schweizer Leitindex SMI innerhalb von zwei Tagen um fast 15 Prozent in die Tiefe jagt?

Schon drohen neuen Szenarien am Horizont, die Anleger mindestens ebenso fordern dürften wie diese beiden Ereignisse. „Die US-amerikanische Notenbank schickt sich an, das größte geldpolitische Experiment der jüngeren Geschichte zu beenden“, sagt Wolfgang Leoni, Vorsitzender des Vorstands der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim. In den Vereinigten Staaten stehen die Erhöhung der Leitzinsen und eine restriktivere Geldpolitik bevor. „Dies alleine schon wird die Kapitalmärkte in Unruhe versetzen“, sagt Leoni.

Wie Mario Draghi die Märkte mit Geld fluten kann

Die EZB übernimmt die Risiken

Die EZB könnte massenhaft Anleihen aufkaufen und selbst das Risiko in ihre Bücher nehmen. Sie würde sich dabei am Anteil der jeweiligen Notenbanken am Grundkapital der EZB orientieren, das je nach Bevölkerungszahl und Wirtschaftsleistung der Länder unterschiedlich hoch ist. Draghi vermied es bislang, eine konkrete Zahl für die Käufe ins Schaufenster zu stellen. Doch strebt der EZB-Rat eine Ausweitung der Bilanz auf das Volumen von Anfang 2012 an. Damit müsste die EZB rund eine Billion Euro in die Hand nehmen. Mit dem eingeleiteten Kauf von Hypothekenpapieren und Pfandbriefen dürfte diese Summe nicht annähernd zu erreichen sein. Allerdings könnte die EZB das Spektrum um private Anleihen erweitern.

Was die Kritiker dazu sagen

Kritiker befürchten, dass solide wirtschaftende Länder am Ende für Krisenstaaten haften müssen. Sollten Papiere – etwa von Griechenland – ausfallen, müsste auch der deutsche Steuerzahler bluten. Der niederländische Notenbank-Chef Klaas Knot sieht darin ein Problem: „Wir müssen vermeiden, dass über die Hintertür der EZB-Bilanz Entscheidungen getroffen werden, die den demokratisch legitimierten Politikern der Euroländer vorbehalten bleiben müssen.“ Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma wäre eine Ankauf durch die jeweiligen Notenbanken der Euro-Staaten.

Notenbanken übernehmen den Kauf – und das Risiko

Bei diesem Modell verbliebe das Risiko bei den einzelnen Staaten. Die EZB würde den Beschluss fassen, dass die Zentralbanken von Portugal bis Finnland Papiere erwerben können und ihnen dafür ein Limit setzen. Der französische Notenbank-Chef Christian Noyer ist für „eine prozentuale Obergrenze“. Private Anleger müssten weiterhin die Mehrheit der Anleihen halten. Dies würde theoretisch bedeuten, dass die einzelnen Notenbanken insgesamt bis zu 49,9 Prozent der ausstehenden Verbindlichkeiten des jeweiligen Landes aufkaufen dürften. Da der Schuldenberg der Euro-Staaten insgesamt mehr als neun Billionen Euro groß ist, wäre ein solches Programm jedoch überdimensioniert. Die Obergrenze, falls sie überhaupt kommuniziert wird, dürfte weit niedriger liegen.

Was, wenn sich die EZB raushalten würde?

Würde sich die EZB selbst heraushalten, könnte ihr dies als Führungsschwäche ausgelegt werden: „Das wäre keine einheitliche Geldpolitik mehr“, warnt der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Auch ein Modell, wonach sich die Ankäufe an der Summe der ausstehenden Staatsanleihen eines Landes orientieren würde, gilt als heikel: Dann wäre Italien, das Heimatland Draghis, der größte Nutznießer. Rund ein Viertel aller ausstehenden Staatsanleihen im Euro-Raum wurde von der Regierung in Rom ausgegeben.

Was hält Jens Weidmann vom EZB-Programm?

Gegner des Programms wie etwa Bundesbank-Chef Jens Weidmann befürchten, dass die EZB den Staaten „Fehlanreize“ bieten würde, ihre Reformanstrengungen zu vermindern. Denn durch den massenhaften Ankauf von Verbindlichkeiten der Staaten kommen diese Länder am Markt günstiger an frisches Geld.

Die Kompromisslösung

Draghi könnte den Bedenken gegen eine zu große Haftungsübernahme durch die EZB mit einer Kompromisslösung Rechnung tragen: Die EZB würde demnach nur einen Teil der Ankäufe übernehmen und es den Notenbanken der einzelnen Länder überlassen, bis zu einem gewissen Limit auf eigenes Risiko am Markt aktiv zu werden. Damit würde Draghi womöglich die Bundesbank und andere Gegner besänftigen. Ob eine solche Aufgabenteilung aber reibungslos funktioniert und ein ausreichend großes Volumen zustande kommt, ist offen. Genauso wie die Frage, ob die EZB am Donnerstag tatsächlich bereits den Knopf drücken wird.

Erst Grundsatzentscheidung, Details werden nachgereicht

Ökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe erwartet zum Beispiel, dass sich der EZB-Rat noch nicht auf Umfang, Dauer und Zusammensetzung der Käufe durchringen kann. Dann würde die EZB nur einen Grundsatzbeschluss fassen. Draghi müsste im März alle Details nachliefern. Bis dann dürfte sich auch der Rauch nach den Parlamentswahlen in Griechenland verzogen haben. Denn das von IWF und EU vor der Pleite gerettete Land könnte eine Kehrtwende einleiten. Die zentrale Frage lautet: Bleibt es auf Reformkurs oder kommt es zur Abkehr von den Rettungsprogrammen? Ein Ankauf griechischer Staatspapiere dürfte sich bei der letzten Variante für die EZB verbieten.

Gleichzeitig marschiert die Europäische Zentralbank (EZB) heute in die Gegenrichtung. Die EZB wird ihre Bilanz massiv ausweiten und im großen Stil Staatsanleihen kaufen. Damit wird sich die Zinsschere zwischen den USA und der Europäischen Währungsunion weit öffnen. Der Ausgang dieses weltumspannenden Finanz-Experiments ist offen.

Diese Zinsklippe ist nicht das einzige Risiko für Vermögende. Handelsblatt Online erklärt auf den nächsten Seiten, womit Geldanleger rechnen müssen. Basis sind fünf Szenarien, für die die Volkswirte von Sal. Oppenheim die Auswirkungen auf Anleger berechnet haben.

Kommentare (13)

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Herr Assi Holli

22.01.2015, 12:40 Uhr

Warum ersetzt man "Anleger" nicht mit "Zocker"?
Es wäre die richtige Bezeichnung

Herr Daniel Huber

22.01.2015, 12:46 Uhr

Heute müssten Millionen von Deutschen in Berlin und Frankfurt gegen diese Geldschwemme protestieren.
Landsleute, was ist los mit euch?
Wollt ihr euch wirklich kampflos wie willfähige Lämmer zur Schlachtbank führen lassen, oder seid ihr zu doof um zu verstehen, was diese EZB-Entscheidung für den Normalbürger bedeutet?!

Herr Jürgen Bertram

22.01.2015, 13:01 Uhr

die größte Gefahr für die Geldanlage/Altersvorsorge des "Normalbürgers" ist Mutti Merkel im Zusammenspiel mit EU-Juncker und Gelddrucker-Draghi

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