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28.08.2014

15:13 Uhr

EZB und Bundesbank

Herr Weidmann, wo sind Sie?

VonJan Mallien

Jens Weidmann war der wichtigste Kritiker von EZB-Chef Draghi. Als Einziger stimmte er gegen den Kauf von Anleihen. Nun begeht Draghi den nächsten Tabubruch – doch Weidmann hält sich zurück. Er steckt in einem Dilemma.

Erst Kritiker von OMT, jetzt schweigt er: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Reuters

Erst Kritiker von OMT, jetzt schweigt er: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

DüsseldorfVor genau zwei Jahren hatte Jens Weidmann beim Notenbanker-Treffen im amerikanischen Jackson Hole seinen großen Auftritt. Damals war er der Einzige prominente Vertreter aus dem EZB-Rat. Denn dessen Chef Mario Draghi und die gesamte EZB-Spitze hatten damals Wichtigeres zu tun: Sie arbeiteten an den Details für das Anleihekaufprogramm OMT. Jens Weidmanns Rat war dabei nicht gefragt. Als Einziger von 23 Mitgliedern im EZB-Rat stimmte er gegen Draghis Pläne. Weidmann galt als einsamer Kämpfer. Deutsche Zeitungen feierten ihn deshalb als Gralshüter der Stabilitätskultur. Inzwischen ist von dem rebellischen Geist nicht mehr viel geblieben, denn der Bundesbank-Chef steckt in einem Dilemma.

Dieses Jahr nutzte Draghi die Bühne in Jackson Hole am vergangenen Wochenende für den nächsten Tabubruch. Er rief die Mitgliedsländer offen zu mehr Flexibilität in der Haushaltspolitik auf. Sprich: Sie sollen mit mehr Schulden die Wirtschaft ankurbeln. Außerdem stellte Draghi deutlicher als je zuvor großangelegte Anleihekäufe in Aussicht. Er sagte, die EZB werde sich notfalls „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln" gegen eine Deflationsspirale stemmen.

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

Außerdem sickerten neue Details zum geplanten EZB-Kaufprogramm für Kreditverbriefungen (ABS) durch. Die Zentralbank will sich dabei vom weltgrößten Vermögenverwalter Blackrock beraten lassen. Durch Verbriefungen können Kredite verschiedener Risikoklassen gebündelt und handelbar gemacht werden.

Geschäfte mit solchen Kreditpaketen sind allerdings hoch umstritten, da sie als Mitauslöser der Finanzkrise 2007/2008 gelten. Die Gefahr besteht darin, dass die Mischung von Krediten die Risiken verschleiert. Dennoch könnte die EZB gezielt Kreditverbriefungen kaufen. Das würde Geschäftsbanken entlasten, die dann Freiräume für neue Kredite hätten.

Zu alldem ist von Weidmann nicht mehr viel Kritisches zu hören. Vor zwei Jahren noch hatte er das Anleihekaufprogramm der EZB mit markigen Worten kritisiert. „Der Geldsegen der Zentralbanken würde anhaltende Begehrlichkeiten wecken“, sagte er damals dem „Spiegel“. „Wir sollten die Gefahr nicht unterschätzen, dass Notenbankfinanzierung süchtig machen kann wie eine Droge.“ Damals warnten manche Ökonomen sogar vor einer drohenden Hyperinflation.

Kommentare (20)

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28.08.2014, 15:20 Uhr

Es wird höchste zeit für eine Neue Partei im deutschen Bundestag und in den Landtagen...Zeit für AfD.

Frau Helga Trauen

28.08.2014, 15:32 Uhr

Wer den Euro will, muss die Kosten bezahlen. Da die Deutschen extrem devot in der EU sind, werden sie eben enteignet. Vollständig. Kadavergehorsam. Etwas Anderes können die Deutschen nicht.
Und, Herr Mallien, Sie trommeln doch immer so schön für den Euro. Dann erklären Sie den Deutschen die Enteignung. Und fabulieren bitte dringend dazu, dass die Deutschen schließlich am meisten vom Euro haben. Die Ersparnisse der europäischen Nationen im Vergleich pro Kopf zeigen es ja ganz deutlich!

Herr Johnny Ringo

28.08.2014, 15:35 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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