Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2015

17:01 Uhr

EZB und die Krisenpolitik

Vier Folgen von Draghis Geldschwemme

VonJan Mallien

Am Donnerstag könnte die EZB massive Anleihekäufe beschließen. Sie gelten als Mittel gegen sinkende Preise. Doch damit sind auch eine Reihe von Nebenwirkungen verbunden. Einige könnten gefährlich werden.

Mario Draghi, der Chef der EZB, hat viel vor – vielleicht schon am Donnerstag könnte er massive Anleihekäufe beschließen.

Mario Draghi, der Chef der EZB, hat viel vor – vielleicht schon am Donnerstag könnte er massive Anleihekäufe beschließen.

DüsseldorfGeldpolitik ist wie Medizin: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Das weiß auch Mario Draghi. Nach der EZB-Sitzung im Dezember lobte er die positiven Effekte von Staatsanleihekäufen (QE) in den USA und Großbritannien. Dort wächst die Wirtschaft seitdem wieder und die Preise steigen. Doch der EZB-Chef schickte eine Warnung hinterher: Der Fall Japans sei „schwieriger zu beurteilen“. Dort intervenierte die Notenbank sogar noch massiver, doch Impulse für das Wachstum sind schon nach wenigen Quartalen nicht mehr spürbar. 

Trotzdem wird Draghi wohl das Risiko eingehen. Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass der EZB-Rat am Donnerstag massive Staatsanleihekäufe beschließt. Damit könnten die Währungshüter gegen sinkende Preise im Euroraum kämpfen. Im Dezember fiel die jährliche Inflationsrate auf minus 0,2 Prozent – und liegt damit meilenweit weg vom Zielwert von knapp zwei Prozent. Da die EZB die Preise nicht direkt beeinflussen kann, bleiben ihr nur indirekte Möglichkeiten. Sie muss hoffen, dass sich die Anleihekäufe über Wechselkurse, Finanzierungskosten, Vermögenspreise und Inflationserwartungen indirekt auf die Preisentwicklung auswirken. Handelsblatt Online analysiert die vier wichtigsten Wirkungskanäle von Anleihekäufen.

EZB steht vor weiteren historischen Schritten

EZB-Rat

Das Führungsgremium der Notenbank entscheidet ab Januar 2015 nur noch alle sechs Wochen über die Geldpolitik im Euroraum, erster Termin dafür ist der 22. Januar. Bisher gab es in der Regel am ersten Donnerstag jedes Monats eine Zinsentscheidung der EZB. Draghi begründete den neuen Turnus mit überzogenen Erwartungen der Märkte: Würden diese enttäuscht, komme es zu Konsequenzen – ohne dass es dafür einen ökonomischen Grund gebe. „Die EZB sollte aber nicht jeden Monat handeln. Deshalb haben wir uns entschieden, dass der Sitzungskalender mit monatlichen Treffen zu eng ist“, erklärte der Italiener Anfang Juli.

Neubau

Ihre neue Zentrale im Frankfurter Ostend hat die EZB bereits im November bezogen, am 18. März 2015 soll sie feierlich eröffnet werden. Das Ensemble aus zwei gläsernen Türmen - 165 und 185 Meter hoch - sowie der denkmalgeschützten ehemaligen Großmarkthalle bietet Platz für 2900 Mitarbeiter. Die Kosten für den Neubau am Mainufer waren mehrfach nach oben korrigiert worden, jüngste Schätzung: 1,3 Milliarden Euro. Die Endabrechnung soll Ende 2015 vorliegen.

Protokolle

Ein weiteres Novum: Die Notenbank wird ab 2015 regelmäßig Zusammenfassungen der Beratungen des EZB-Rates veröffentlichen – und zwar jeweils vor der folgenden Sitzung. Bislang lagen die Mitschriften für 30 Jahre unter Verschluss. Die neue Transparenz sei „ein weiterer Weg, um unsere Maßnahmen und die ihnen zugrundeliegenden Erörterungen zu erläutern“, erklärte Draghi. Schließlich sei das Vertrauen der Bevölkerung in die Geldpolitik immens wichtig.

Stimmrechte

Im EZB-Rat galt bisher das Prinzip: ein Land, eine Stimme. Mit dem Euro-Beitritt Litauens ändert sich das. Ab 2015 wird rotiert. Im Mai darf Bundesbank-Präsident Jens Weidmann deshalb erstmals keine Stimme bei den geldpolitischen Entscheidungen abgeben. Hintergrund ist ein EU-Beschluss von 2003, wonach das Stimmrecht in dem Gremium rotiert, sobald die Eurogruppe mehr als 18 Mitglieder hat. Das soll sicherstellen, dass auch dann rasch und effizient entschieden werden kann, wenn die Währungsunion größer wird. Das System tritt mit dem Eurobeitritt Litauens zum 1. Januar in Kraft.

Anleihenkäufe

Die Inflation ist gefährlich niedrig, das viele billige Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) bringt die Wirtschaft bislang nicht wie von den Währungshütern gewünscht in Schwung. Viele Ökonomen rechnen deshalb damit, dass die Notenbank Anfang 2015 den Weg für Anleihenkäufe in großem Stil freimachen wird („Quantitative Easing“, QE). Befürworter hoffen, dass der Erwerb von Unternehmens- und Staatsanleihen durch die Notenbank die Wirtschaft ankurbelt – und zugleich die Inflation wieder in Richtung des EZB-Zieles befördert. EZB-Präsident Mario Draghi betont, dass die Vorbereitungen für neue Eingriffe weit fortgeschritten seien. Ausdrücklich nannte er dabei QE, wobei auch Staatsanleihenkäufe im Rahmen des Mandats der EZB möglich seien.

Zinsen

„Die Zinsen werden niedrig, niedrig, niedrig bleiben. Die Geldflut der Zentralbanken wird anhalten“, prognostizierte Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau im Dezember. Europas Währungshüter selbst haben immer wieder bekräftigt, dass sie die Zinsen auf absehbare Zeit nahe Null halten werden. Dass der Leitzins im Euroraum noch unter das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt wird, gilt allgemein als unwahrscheinlich. Draghi selbst hatte eingeräumt, beim Leitzins sei „der untere Rand erreicht“.

Manche dieser Effekte haben sich schon eingestellt, bevor die EZB auch nur eine Anleihe gekauft hat: So ist der Wechselkurs des Euros zum Jahresanfang auf ein Elf-Jahres-Tief gegenüber dem US-Dollar gefallen. Andere Impulse brauchen möglicherweise länger. Ein Überblick über die Wirkung von Staatsanleihe-Käufen:

Kommentare (65)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Vittorio Queri

20.01.2015, 17:11 Uhr

>> Am Donnerstag könnte die EZB massive Anleihekäufe beschließen. >>

Und damit setzt die EZB den Anfang des Endes des € an.

Auch der "klammheimliche" Rückzug bzw. die Umwälzung der Aktion auf die Nationalen Notenbanken ist eine Verfassungswidrige Aktion !

Keine Notenbank DARF laut ihren Statuten eine Finanzwirtschaft betreiben und ist nur für Belange der Monetären Angelegenheiten zuständig !

Draghi verleitet mit der Aktion zum Anleihenankauf die Notenbanken zu verbotenen kriminellen Handlungen !

Es wird WIDERSTAND geben !

Herr Werner Wilhelm

20.01.2015, 17:12 Uhr

Ich habe da mal eine Frage: Haftet der deutsche Steuerzahler für Verluste der EZB? Nach Artikel 33 EZB-Gesetz werden Verluste auf die nationalen Zentralbanken verteilt, aber nur in maximaler Höhe der dort angefallenen Gewinne. Das heisst, der Bund müsste maximal auf die Gewinnzuteilung der Deutschen Bundesbank verzichten, was ja in der Vergangenheit keine Besonderheit war.

Selbst wenn die Deutsche Bundesbank Verluste machen würde, haftet der Bund gemäß BBankG dafür nicht. Weiss jemand etwas Genaueres/Anderes?

Herr Henry Wuttke

20.01.2015, 17:23 Uhr

Die Gemeinschaftswährung mit dem Euro passt nicht zur Politik, zum Souverän und nicht zu den einzelnen Wirtschaftsleistungen in der EU. Der Anfang vom Ende ist nicht mehr fern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×