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22.10.2015

16:13 Uhr

EZB und die lockere Geldpolitik

Draghi erinnert sich an die Bazooka

Die EZB lässt den Leitzins im Euro-Raum auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent. Doch zugleich öffnet EZB-Chef Mario Draghi die Tür für eine noch expansivere Geldpolitik weit. Noch in diesem Jahr dürfte es soweit sein.

Mario Draghi: Der Präsident der Europäischen Zentralbank lässt den Leitzins unverändert auf Rekordtief. dpa

EZB - Mario Draghi

Mario Draghi: Der Präsident der Europäischen Zentralbank lässt den Leitzins unverändert auf Rekordtief.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank hat am Donnerstag die Zinsen unverändert belassen – gleichzeitig aber klar gemacht, dass sie zu weiteren Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft des Euro-Raums bereit ist. Die 25 Mitglieder des EZB-Rates behielten den Hauptrefinanzierungssatz auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent beibehalten, der Einlagensatz und der Spitzenrefinanzierungssatz blieb unverändert bei minus 0,2 Prozent, beziehungsweise 0,3 Prozent. Allerdings: Auf der Zinssitzung im Dezember wird geprüft, ob die Geldpolitik die Konjunktur auch ausreichend stimuliert, sagte Notenbank-Chef Mario Draghi am Donnerstag auf Malta.

„Der EZB-Rat ist gewillt und in der Lage zu handeln, indem er alle Instrumente nutzt.“ Das Programm solle bis September 2016 laufen, notfalls auch länger. Zuletzt waren am Finanzmarkt wegen der niedrigen Inflation Spekulationen aufgekommen, die Europäische Zentralbank (EZB) könne die Maßnahmen ausweiten.

Die Macht und die Mittel der EZB

Ziele

Die Europäische Zentralbank (EZB) soll Preisstabilität wahren, die Wirtschaftspolitik unterstützen und Finanzstabilität sichern.

Leitzinsanpassung

Leitzinsanpassungen sind das traditionelle Mittel, um die Wirtschaft und die Arbeitsnachfrage zu dämpfen oder zu stimulieren, und so die Lohnentwicklung und die Inflation stabil zu halten.

Negativzinsen

Negativzinsen von 0,1 Prozent berechnet die EZB den Banken für deren Guthaben bei der Notenbank. Jede Bank will ihre überzähligen Guthaben zu einer anderen Bank schieben, indem sie Wertpapiere kauft oder Kredite vergibt.

Langfristkredite

Langfristkredite vergibt die EZB seit Ende 2011 und ergänzt damit die normalen kurzfristigen Kredite. Das hilft den Banken bei der Finanzierung, da Bankanleihen teurer und für manche gar nicht mehr zu haben waren.

Pfandbriefe

Pfandbriefe und Kreditverbriefungen kauft die EZB den Banken seit Herbst 2014 ab. Auch das hilft bei der Refinanzierung und sorgt für mehr Bankguthaben bei der EZB, was die Bereitschaft zur Kreditvergabe erhöhen soll.

Käufe von Staatsanleihen

Käufe von Staatsanleihen als Mittel der Geldpolitik setzte die EZB erstmals 2010 ein, um die Renditen von Anleihen der Peripherieländer zu drücken, die damals kräftig nach oben schossen. Das gelang mit dem relativ kleinen Programm nur bedingt. Im September 2012 ersetzte die EZB dieses SMP-Programm durch das OMT-Programm. Sie erklärte sich dabei unter Bedingungen bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Bisher kam das Programm nicht zum Einsatz. Seit März 2015 erwirbt sie mit einem erweiterten Kaufprogramm im großen Stil Staatsanleihen. Der Gegenwert landet als Bankguthaben bei den Verkäufern, zum Beispiel Fonds, und als überschüssiges Guthaben auf den Zentralbankkonten der Banken. Das treibt vor allem die Kurse von Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen und Immobilien in die Höhe. Indirekt soll das die Wirtschaft ankurbeln.

Notkredite

Notkredite (ELA) können nationale Zentralbanken des Euro-Raums ihren heimischen Banken gewähren, wenn diese nicht mehr genug gute Sicherheiten für normale EZB-Kredite haben. Die EZB muss diese ELA-Kredite genehmigen. Untersagt sie sie, etwa wenn Griechenland sich nicht mit den Gläubigern einigen kann, haben die Banken keinen Zugang zu Euro-Guthaben und Euro-Bargeld mehr, was zur Schließung und letztlich zum erzwungenen Austritt aus der Währungsunion führen kann.

Experten haben Draghis Worten gespannt gelauscht: „Für die Sitzung am 3. Dezember hat die EZB die Erwartungen massiv geschürt. Weitere expansive Maßnahmen sind damit vorprogrammiert“, sagt Jan Holthusen, Leiter Zins- und Anleihenresearch der DZ Bank. „Am wahrscheinlichsten ist für uns, dass das Anleihekaufprogramm verlängert wird, ohne dass die EZB ein Enddatum kommunizieren wird.“ Auch eine Erweiterung des Katalogs der kaufbaren Anleihen sei nach Einschätzung des Experten zu erwarten.

Auch andere Finanzprofis interpretieren Mario Draghis Aussagen ähnlich: Der heutige Tag sei richtungsweisend für das, was kommen werde, zeigt sich etwa Luke Bartholomew überzeugt, Portfolio Manager beim Vermögensverwalter Aberdeen Asset Management. „Draghi hat stark signalisiert, dass das QE-Programm der EZB im Dezember ausgeweitet und verbreitet werden wird“, so der Fachmann.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

Mit den Wertpapier-Käufen will die EZB die Banken zur Vergabe von mehr Krediten an die Wirtschaft bewegen, was die Konjunktur anschieben und die Inflation anheizen soll. Die Zentralbank hat ihr umstrittenes Programm im März gestartet. Es soll ein Volumen von 1,14 Billionen Euro haben.

Kommentare (33)

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Frau Bärbel Meier

22.10.2015, 16:19 Uhr

Dumm nur das der deutsche Verbraucher nicht so blöd ist wie der amerikanische und sich bis über die Hutschnurr verschuldet, denn Schulden müssen auch rückzahlbar sein und das weiß der deutsche Verbraucher. Herr Draghi kann also versuchen den Banken in den Hintern zu treten wie er will, wenn der Verbraucher nicht mitmacht nützt im das alles nichts und das ist auch gut so.
Herr Draghi treten sie den Staaten in den reformunwilligen Hintern, aber machen sie den Verbraucher nicht noch ärmer!!!!!!

Herr Marc Otto

22.10.2015, 16:26 Uhr

Danke, Senor Draghi das hat sich echt gelohnt
Danke an lalle Medien, die das vorher gesagt haben

Herr walter rehm

22.10.2015, 16:27 Uhr

Was hier abgeht im Dax ist meiner Meinung nach eine wesentlich größere "Manipulation" als bei VW. Die Futuremaschinen sorgen täglich VOR des normalen
Xetrahandels für Kurse im Dax die es nicht gibt. Und noch wesentlich auffälliger ist
heute das um 14.29.20 Uhr die Futures hochgelaufen sind, obwohl eigentlich um 14.30 Uhr erst die Konjunkturdaten veröffentlich wurden. Was hier abgeht, hat 0 und nichts mit einer realen Finanzwelt zu tun. Hier verdienen sich ein paar große Finanzadressen MIlliarden auf Kosten der kleinen Sparer. Das Wochentief das Jahrestief und auch das Tagestief im Dax ausschliesslich auf FUTURESBASIS diese "Daxkurse" werden nur ausserbörslich in dieser Höhe berechnet. Was hier ausserhalb des geregelten Marktes abgeht, ist ein Geschäft ausser Kontrolle. Computerprogramme, die früher oder später wieder einmal das komplette Finanzsystem zum Zusammenbruch bringen. Die Bankenrettung hat Milliarden gekostet, aber was sie jetzt treiben ist wesentlich "dubioser".

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