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21.01.2016

17:22 Uhr

EZB und Geldpolitik

Im März könnte es noch mehr Zentralbank-Geld geben

EZB-Präsident Mario Draghi hat auf der Sitzung der Notenbanker weitere Schritte für März angekündigt. Wenn nötig, werde man die Geldpolitik anpassen. Die Börsen legten daraufhin zu, der Euro verlor zum Dollar.

Draghi zu EZB-Politik

EZB kauft weiter Anleihen

Draghi zu EZB-Politik: EZB kauft weiter Anleihen

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FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) bereitet Europa auf mögliche weitere Schritte im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche vor. „Wir werden bei unserer nächsten Sitzung im März unsere Geldpolitik überprüfen und möglicherweise anpassen“, sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt. Seit Jahresbeginn hätten die Abwärtsrisiken für die Konjunktur wieder zugenommen. Die Umstände hätten sich seit Dezember „grundlegend“ geändert. „Wir kapitulieren nicht“, betonte Draghi. „Der EZB-Rat ist fähig, entschlossen und willens zu handeln.“

Die europäischen Aktienmärkte erholten sich nicht zuletzt wegen der Aussicht auf weitere Stützungsmaßnahmen der EZB. Der Dax lag zuletzt mit 2,07 Prozent im Plus bei 9.586 Punkten. Der Euro verzeichnete die stärksten Verluste zum Dollar seit mehr als zwei Wochen. In der Spitze verlor der Euro ein Prozent, zuletzt lag er 0,5 Prozent im Minus bei 1,0832 Dollar.

Fünf Fragen an Mario Draghi

1. Wie stark wirkt sich Öl auf die Inflation aus?

Der Einbruch bei Öl hat den Preis des Rohstoffes unter die jüngsten Prognosen der EZB gedrückt. Ein Barrel Brent- Rohölnotiert nun bei Hälfte dessen, was im Dezember erwartet wurde, so dass die Prognose der Notenbank, dass die Inflation in diesem Jahr bei durchschnittlich 1 Prozent liegen würde, veraltet ist.

Tatsächlich rechnen einige Banken im Euroraum mit Preisrückgängen in den nächsten Monaten, und Barclays sieht die durchschnittliche Teuerung 2016 bei lediglich 0,1 Prozent. Noch besorgniserregender ist für die EZB, dass die Inflationserwartungen in jüngster Zeit der Bewegung bei Öl gefolgt sind -- ein Zeichen, dass die Märkte anfangen, die Fähigkeit der Notenbank zu bezweifeln, die Preissteigerungen wieder in Einklang mit ihrem Mandat zu bringen.

2. Was bedeutet das für die EZB-Politik?

Eine schwächere Inflation, ein steigender Euro und die Aussichten auf ein schwächeres globales Wachstum erhöhen den Druck auf Draghi, erneut die Geldpolitik zu lockern. In einer Bloomberg-Umfrage prognostizierten die meisten Analysten, dass weitere Maßnahmen im März kommen werden - wenn die EZB aktualisierte Prognosen veröffentlichen wird - oder im Juni. Diese Stimuli könnten in Form einer weiteren Senkung des Einlagensatzes oder einer Ausweitung der monatlichen Anleihe-Käufe erfolgen.

Bei der ersten geldpolitischen Entscheidung der EZB in diesem Jahr hielt Mario Draghi an ihrem Kurs des extrem billigen Geldes fest. Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Strafzins für Geld, das Banken über Nacht bei der Notenbank parken, beträgt weiterhin 0,3 Prozent.

3. Kann Draghi eine Mehrheit für mehr Aktionen zustande bringen?

Die Zusammenfassung der geldpolitischen Sitzung des EZB- Rates vom 3. Dezember zeigte zunehmend unterschiedliche Meinungen der Währungshüter über den geldpolitischen Kurs der EZB. Einige Gouverneure waren gegen sämtliche neue Stimuli, andere wollten ein noch aggressiveres Vorgehen, während andere insgesamt dazu tendierten, eher einen negativen Einlagensatz als weitere Aktivakäufe zu unterstützen.

Das könnte für Draghi eine Herausforderung sein, wenn weitere Stimuli nötig werden. In ihren Debatten werden die Notenbanker die Kerninflation - die um volatile Posten wie Energie und Lebensmittel bereinigt ist - stärker und genauer ansehen, um zu beurteilen, ob der Ölpreisrutsch sich in der breiteren Wirtschaft niederschlägt.

4. Wie abhängig ist die EZB vom Rest der Welt?

Der Internationale Währungsfonds hat angesichts der schwächeren Schwellenländer seine Prognose für das weltweite Wachstum 2016 von 3,6 Prozent auf 3,4 Prozent reduziert. Eine erheblich Abschwächung in China, das 2015 das niedrigste Wachstum seit 25 Jahren verzeichnete, ist eines der Hauptrisiken für die Exporteure im Euroraum.

Gleichzeitig erweist sich der kräftige Rückgang beim Ölpreis als Segen für die Verbraucher der Region, und da Öl keinerlei Anzeichen für eine bedeutende Rally zeigt, dürfte die Binnennachfrage weiterhin das Wachstum anschieben.

5. Wie sieht es mit der Bankenunion aus?

Während die Banken weiter langsam die Kredite ausweiten, um die konjunkturelle Erholung in Europa zu stützen, haben Bankaktien sich schwächer als andere Aktien entwickelt - ein Anzeichen, dass die Branche anfällig bleibt.

Die EZB, die 2014 die Bankenaufsicht in der Euro-Zone übernahm, hat auf ein Einlagensicherungskonzept für den Euroraum gedrängt, aber die Politik hat bisher wenig Bereitschaft gezeigt, neue Reformen durchzusetzen. Auch haben verschiedene Länder versucht, die Tragweite der jüngst verabschiedeten Vorschriften zu Bail-In und Abwicklung zu begrenzen. Draghi dürfte seine Forderung nach einer Stärkung des institutionellen Rahmens für die Gemeinschaftswährung wiederholen - etwas, das er in den vergangenen Monaten wiederholt gefordert hat, bisher mit wenig Erfolg.

Die Währungshüter machen sich vor allem wegen des rasanten Ölpreis-Verfalls, der Wirtschaftsschwäche vieler Schwellenländer und der Schwankungen an den Finanzmärkten Sorgen. „Mit dem Start des neuen Jahres haben sich die Risiken noch einmal verstärkt“, sagte Draghi. Der Ölpreissturz sei kein kurzzeitiges Phänomen mehr, über das die Euro-Wächter hinwegsehen könnten. Die Gefahr bestehe, dass dadurch eine wirtschaftliche Abwärtsspirale in Gang kommen könne. „Bislang haben wir das nicht. Aber wir müssen sehr wachsam sein.“

Die Inflation im Euroraum ist trotz der erst im Dezember ausgeweiteten Geldflut der EZB weiterhin weit entfernt vom EZB-Ziel einer jährlichen Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent. Für Dezember errechnete das EU-Statistikamt Eurostat eine Jahresrate von 0,2 Prozent. Der Ölpreisrutsch spricht zusätzlich gegen rasch steigende Verbraucherpreise. Dauerhaft niedrige Preise könnten die Konjunktur abwürgen, weil Verbraucher und Unternehmen Investitionen in Erwartung weiter sinkender Preise aufschieben.

Im März legt die EZB ihre neuesten Prognosen zur Entwicklung von Teuerungsrate und Wachstum vor. Ökonomen erwarten, dass die Prognosen nach unten korrigiert werden. Das könnte die Notenbank zu weiteren Schritten veranlassen. „Unsere Geldpolitik kennt innerhalb unseres Mandats keine technischen Grenzen“, betonte Draghi. Bei Anlegern kam die Hoffnung auf weiteres Billiggeld gut an.

Die Zentralbanker rütteln nicht am Leitzins. dpa

EZB in Frankfurt am Main

Die Zentralbanker rütteln nicht am Leitzins.

Bei ihrer Sitzung am Donnerstag beließen die Währungshüter den wichtigsten Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Strafzins für Geld, das Banken über Nacht bei der Notenbank parken, beträgt weiterhin 0,3 Prozent.

Erst im Dezember hatten die Währungshüter ihren Kurs verschärft. Das vor allem in Deutschland umstrittene Programm zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren („Quantitative Easing“/QE) wurde um ein halbes Jahr verlängert. Die EZB will nun bis mindestens März 2017 monatlich 60 Milliarden Euro in die Märkte pumpen. Zudem verschärfte die EZB den Strafzins für Bankeinlagen, das soll die Kreditvergabe ankurbeln.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet, „dass die EZB 2016 die Geldpolitik noch einmal lockert, weil die Kernteuerungsrate anders als von der Notenbank erhofft nicht anziehen wird und die EZB auch hinsichtlich der Konjunktur zu optimistisch ist“.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Das viele billige Geld soll über Banken als Kredite bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen und die Wirtschaft anschieben. Zudem soll die Geldflut die Inflation wieder in Richtung der Zwei-Prozent-Marke treiben, bei der die EZB die Preisstabilität gewahrt sieht.

Die Politik der EZB ist insbesondere in Deutschland umstritten. Krämer forderte in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ (Donnerstag), die EZB müsse zumindest einen Plan zum Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik vorlegen. Die Notenbank solle akzeptieren, dass die Inflation nach dem Platzen der Schuldenblase im Euroraum 2007 „nur langsam Richtung zwei Prozent steigt“, mahnte Krämer.

Der Chefvolkswirt der Targobank, Otmar Lang, kritisierte, weitere geldpolitische Schritte würden der Inflation angesichts der niedrigen Rohstoffpreise nicht auf die Beine helfen: „Grundsätzlich wird die Wirkung einer Medizin mit zunehmender Dosis nicht besser.“ Auch Jan Holthusen von der DZ Bank hält weitere Maßnahmen nicht für notwendig: „Niedrigere Ölpreise stützen Konsumenten und Unternehmen, niedrige Inflationsraten, die aus Ölpreisrückgängen resultieren, kann die EZB nicht bekämpfen. Sie kämpft dabei gegen Windmühlen.“

Kommentare (6)

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Lothar dM

21.01.2016, 19:07 Uhr

Es ist schon erstaunlich und bedrückend zugleich zu sehen, wie unfähige Eliten Europa immer weiter in Scheisse reiten, seit 2008 wird der nicht allein überlebensfähige EUR mit Steuerbillionen "gerettet", zulasten von zig Millionen Bürgern in der gesamten EUR-Zone. Wer wird hier eigentlich "gerettet"? Man findet die Antwort, wenn man die wenigen Profiteure des EUR sucht .... kleiner Tipp: schaut mal in der Großfinanz, und im sozialen Umfeld eines zB Herrn Draghi nach ...

Frau Sabine Schmid

21.01.2016, 19:33 Uhr

@ Lothar dM
Zitat Ihres Kommentars: 'Wer wird hier eigentlich "gerettet"?' In der Tat die zentrale Frage, betrifft mit einiger Sicherheit nicht nur Privatleute und Staaten sondern wohl schon auch richtig große top-ten Banken von bedeutenden EURO-Mitgliedsländern, über die man derzeit kaum was vernimmt..

Herr Helmut Metz

21.01.2016, 19:38 Uhr

INFLATE OR DIE.
Etwas anderes können Zentralbanker nicht.
Und Drucki kann halt auch nur drucken - oder untergehen.
Was niemals öffentlich zugegeben wird: tatsächlich "kämpfen" die Zentralbanken nicht gegen Deflation im Sinne sinkender Preise, wie sie gerne öffentlichkeitswirksam und volllmundig erklären, sondern gegen die eigentliche Deflation im Sinne einer Kontraktion der Geldmenge. Und einzig und alleine in unserem ungedeckten Schuldgeldsystem MUSS die Geldmenge zwangsläufig steigen (!!). Der Zwang zur Expansion der Geldmenge ist also systemimmanent, nur das soll möglichst niemand verstehen. Mit ihrem "Kampf gegen die Deflation" machen sie jedoch die zwangsläufige Bereinigungskrise immer schlimmer.
Zudem führten die gigantischen Gelddruckprogramme der Zentralbanken zwar zur Explosion der Basis-Geldmenge und zum Aufpumpen von monströsen Asset-Blasen, aber es gelang immer weniger, "die Wirtschaft zu stimulieren", da der Zusammenbruch der Geldumlaufgeschwindigkeit und des Kreditmultiplikators der Geschäftsbanken hier diametral entgegen wirkt. Und dieser Kreditmultiplikator macht tatsächlich den Großteil der Kreditexpansion (Giralgeldschöpfung via Fractional Reserve Banking) aus. Die Zentralbanken haben daher nur noch die Möglichkeit, auf Teufel komm raus zu (hyper-)inflationieren, d.h. also in letzter Konsequenz ihre Währung zu zerstören.

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