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15.04.2015

10:05 Uhr

EZB-Vorschau

Kriegt Draghi kalte Füße?

VonJan Mallien

Seit fünf Wochen kauft die EZB massiv Anleihen. Über die heftige Reaktion der Märkte dürfte selbst Mario Draghi überrascht sein. Erste Ökonomen fordern ein nahes Ende der Käufe. Für Draghi kommt die Debatte zur Unzeit.

Zwischenbilanz

„Das Anleihekaufprogramm verursacht schädliche Nebeneffekte!“

Zwischenbilanz: „Das Anleihekaufprogramm verursacht schädliche Nebeneffekte!“

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FrankfurtMario Draghi ist normalerweise wenig zurückhaltend, wenn es darum geht, die Erfolge seiner Geldpolitik herauszustellen. Auf der heutigen Ratssitzung allerdings muss er sich in Acht nehmen. Allzu viel Euphorie über die seit fünf Wochen laufenden Anleihekäufe der EZB könnte die Debatte über einen Ausstieg befeuern. Daran aber dürfte Draghi zum jetzigen Zeitpunkt kein Interesse haben.

Kürzlich hatte EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch im Interview mit der Börsen-Zeitung signalisiert, dass die Notenbank ihr Kaufprogramm ändern könnte, falls die Inflation stärker steigt als bisher erwartet. „Wenn wir sehen, dass wir überziehen, wäre es natürlich angebracht, sich zu fragen, ob wir unseren Plan anpassen müssen“, sagte Mersch.

Wichtige Begriffe in der griechischen Schuldenkrise

Grexit

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für „Griechenland“ (Greece) und „Ausstieg“ (Exit) gebildet - gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten.

Graccident

Neuerdings wird auch vor einem unbeabsichtigten Euro-Aus der Griechen gewarnt. Das Kunstwort dafür besteht aus Greece und dem englischen Wort für „Unfall“ (Accident) - wobei das Wort im Englischen auch für „Zufall“ stehen kann. Gemeint ist ein eher versehentliches Schlittern in den Euro-Ausstieg, den eigentlich niemand will - der aber unvermeidbar ist, weil Athen das Geld ausgeht.

Anleihe

Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

T-Bill

Im Grunde handelt es sich ebenfalls um Anleihen - allerdings mit deutlich kürzerer Laufzeit. Während Anleihen für Zeiträume von fünf oder zehn oder noch mehr Jahren ausgegeben werden, geht es bei T-Bills um kurzfristige Finanzierungen. Die Laufzeit solcher Papiere beträgt in der Regel nur einige Monate.

Schuldenschnitt

Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Rettungsschirm

Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

Primärüberschuss

Griechenlands Schuldenberg ist - gemessen an der Wirtschaftsleistung - der höchste in der Eurozone. Das sind nicht nur Altlasten, auch im laufenden Betrieb kommt das Land wegen der hohen Zinsbürde nicht ohne neue Schulden aus. In den Verhandlungen mit den Geldgebern musste Athen aber versprechen, zumindest unter Ausblendung der Zinsen weniger auszugeben als einzunehmen. Das nennt man Primärüberschuss.

Troika

In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Einige Ökonomen gehen sogar noch weiter. Der Chefvolkswirt der DZ-Bank, Stefan Bielmeier, erwartet, dass die EZB im Juni ihre Inflationsprognose anheben und das monatliche Kaufvolumen um zehn Milliarden Euro drosseln wird. Momentan kauft die EZB für monatlich 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und Wertpapiere der Euro-Länder auf. Die Käufe sollen bis September 2016 laufen.

Nicht nur Bielmeier spekuliert über ein vorzeitiges Ende der Anleihekäufe. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise rechnet damit sogar noch in diesem Jahr, falls der Ölpreis nicht weiter sinkt und die Konjunktur weiter so gut läuft wie bisher. Bielmeier und Heise stehen den Anleihekäufen der EZB kritisch gegenüber.

Selbst wenn die EZB die Anleihekäufe schon vor September 2016 reduzieren wollte, käme eine Debatte darüber jetzt zur Unzeit. In EZB-Kreisen wird darauf verwiesen, dass man keine Zweifel an der eigenen Entschlossenheit aufkommen lassen werde.

Dies sei eine Lehre aus Erfahrungen anderer Länder. In Japan beispielsweise habe die Notenbank mit ihren Anleihekäufen zunächst kein klares Ziel verfolgt, deshalb sei das Programm dort weniger erfolgreich gewesen. Die EZB hat deshalb ihre Anleihekäufe klar und deutlich an das Inflationsziel von knapp zwei Prozent gebunden.

Kommentare (20)

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Herr Alexander Berg

15.04.2015, 10:32 Uhr

Mehrheitliche Aktionismen zielen darauf ab, die heimischen Strukturen – wesentlich die ökonomischen mit Geldmitteln, mehr Arbeitseinsatz, mehr natürlich Ressourcen und mehr Energie aufrechterhalten zu wollen.

Die "Welt" ist hierbei getragen von der klassischen Hierarchie, die wiederum künstliche Macht- und Befehlsstrukturen erfordert. Die alte Weltordnung.

Jedoch haben wir uns durch eine unvollständige Vorstellung über die Welt, verbunden mit monokausalem Agieren bei der Entwicklung und Umsetzung von Lösung kollektiv vereinbarter "Probleme" (die in Wirklichkeit nur Symptome sind) eine immer komplexere Ordnung geschaffen, die man getrost als insuffizient bezeichnen kann.

Umdenken ist gefordert. Doch von wo nach wo umdenken?

Wir lernten die Welt als eine Ansammlung von Dingen, Teilen und scheinbar unabhängig voneinander existierenden "Problemen" wahrzunehmen.

In Wirklichkeit haben wir es mit einer Welt dynamischer Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu tun, deren Prinzipien sich durch Begriffe Kybernetik, Symbiotik, Synergetik, Kausalität und Energetik begreifbar machen lassen.

Ein Lösungsschritt ist die schrittweise Reorganisation der ökonomischen Teilsysteme (Unternehmen) nach diesen Prinzipien.

Dazu bedarf es einer interdisziplinären Herangehensweise, basierend auf praktischen Wissensgrundlagen zur Gestaltung dynamischer Systemstrukturen.

Herr Thomas Albers

15.04.2015, 10:33 Uhr

"Berenberg-Chefvolkswirt Schmieding geht jedoch davon aus, dass sich damit die Spekulationen allenfalls kurzzeitig dämpfen lassen. "

Diese Ängste muss man nicht haben. Schließlich ist die ausbleibende Inflation lediglich ein Grund - sozusagen das Feigenblatt - gewesen, um QE betreiben zu dürfen. Die waren Gründe liegen schließlich wo anders. Sollte die Inflation dann doch trotz des irreal hoch gesteckten Ziels gefährlich anziehen werden die "zu hohen Risikoaufschläge" auf italienische oder französische Staatspapiere als Grund herhalten. In der Vergangenheit war dies für Draghi bereits genug um QE in Aussicht zu stellen.

Draghi wird über 2017 hinaus QE bieten müssen, wenn er einen Finanzcrash in seiner Amtszeit verhindern will. Jedenfalls haben wir ihn so Finanzmarkt orientiert kennengelernt. Die Spekulation auf ein baldiges Ende von QE sind ohne Grundlage. Höchstens geeignet um etwas Vola zu erzeugen. Aber wirklich ernst nehmen wird das niemand. Draghi und die EZB sind - wie man an Griechenland sieht- nicht glaubwürdig, was das durchsetzen unpopuläre technischer Ziele geht, sofern Marktturbulenzen die Folge sind. Draghi hat die Hosen diesbezüglich stets gestrichen voll.

Account gelöscht!

15.04.2015, 10:51 Uhr

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