Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.07.2016

01:02 Uhr

Fed-Entscheidung

Eine Spur Optimismus

VonFrank Wiebe

Die Fed lässt den Leitzins unverändert, aber hält die Tür offen für eine Anhebung in den kommenden Monaten. Ihr Spielraum ist vor allem durch Einflüsse von außen eingeschränkt.

Die Fed-Chefin gibt sich vorsichtig optimistisch. AFP; Files; Francois Guillot

Janet Yellen

Die Fed-Chefin gibt sich vorsichtig optimistisch.

New YorkWährend das Lesen von Statements der US-Notenbank (Fed) sonst manchmal dem Entziffern von Hieroglyphen gleicht, waren sich am Mittwoch die Experten einig: Hier schwang ein Hauch Optimismus mit.

„Das Statement war etwas besser gestimmt als das nach der Juni-Sitzung“, schreibt JP-Morgan-Ökonom Michael Feroli, „die Veränderungen waren überschaubar, aber sie gingen in die optimistische Richtung“. Wie andere Experten auch findet er vor allem den Satz wichtig: „Die kurzfristigen Risiken für den wirtschaftlichen Ausblick sind gesunken“.

Es ist etwas Spannung von der Fed gewichen seit der Juni-Sitzung, die kurz vor der Abstimmung über den Brexit, den Austritt der Briten aus der Europäischen Union, und kurz nach dem Bekanntwerden sehr schwacher Zahlen vom Arbeitsmarkt stattgefunden hatte. Seither hat der Brexit die Märkte verschreckt, aber sie haben sich wieder beruhigt. Und vom US-Arbeitsmarkt kamen wieder bessere Zahlen.

Feroli hält nach wie vor eine Zinserhöhung im Dezember für wahrscheinlich. Die Fed hatte erstmals nach Jahren im Dezember 2015 den Leitzins angehoben, um einen Viertel Prozentpunkt in eine Spanne zwischen 0,25 Prozent und 0,5 Prozent hinein. Seither blieben die Zinsen unverändert, wie auch am Mittwoch nach der Juli-Sitzung der Fed.

Die Ökonomen der Beratungsgesellschaft IHS meinen, Fed-Chefin Janet Yellen halte die Tür für eine Erhöhung im September offen, lassen aber auch Zweifel anklingen, dass es in dem Monat wirklich schon weitergeht.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Relativ ausführlich äußerte sich Christopher Probyn, der Chefvolkswirt von State Street: „Letztendlich dominieren nach wie vor die Ungewissheit durch den Brexit und die schwachen globalen Aussichten. Sollte sich das US-Wirtschaftswachstum jedoch weiterhin nahe der zwei Prozent bewegen, die Arbeitslosenquote abschwächen und die Inflation auf den Zielwert von zwei Prozent ansteigen, wäre die die Fed in der Lage, die Zinsen anzuheben, wahrscheinlich im Dezember.“ Laut Probyn könnten weitere Zinsschritte im Juni und im Dezember 2017 folgen.

Der Experte Win Thin der US-Bank Brown Brothers Harriman findet, dass die Fed genau das getan hat, was die Märkte erwarteten. Die Wall Street schloss am Mittwoch ganz leicht im Minus.

Die Fed versucht seit langem, die geldpolitischen Zügel anzuziehen – auch, um bei einer neuen wirtschaftlichen Krise mehr Handlungsspielraum zu haben. Sie steckt aber in einer schwierigen Situation. Zwar sind die Zahlen der US-Wirtschaft recht gut. Sie sind aber nicht so stark, dass eine Erhöhung der Zinsen wirklich dringend wäre.

Außerdem gibt es starke Einflüsse von außen. Von Europa geht Unsicherheit aus. Die Schwellenländer leiden unter einem zu starken Dollar, wenn die Fed zu schnell die Zügel anzieht. Ausländische Käufer stürzen sich auf langfristige US-Staatsanleihen und halten deren Renditen niedrig. Wenn die Fed die kurzfristigen Zinsen nicht über die langfristigen hinaus anheben will, wird sie allein dadurch schon gebremst.

Hinzu kommt, dass sie vor der US-Präsidentschaftswahl im November wahrscheinlich lieber still hält, um nicht in das politische Hick-Hack hineingezogen zu werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×