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14.10.2015

16:44 Uhr

Fed, EZB und Schwellenländer

Das Weltwachstum welkt dahin

VonJan Mallien

Die US-Investmentbank Goldman Sachs warnt in einer Studie vor einer dritten Welle der Finanzkrise – mit ganz besonderen Merkmalen. Die Welt stehe an einem Scheideweg. Eine Rückkehr zu höherem Wachstum sei ungewiss.

Top-Ökonom Larry Summers befürchtet, dass das Wirtschaftswachstum wie ein Pflänzchen absterben könnte.

Top-Ökonom Larry Summers befürchtet, dass das Wirtschaftswachstum wie ein Pflänzchen absterben könnte.

FrankfurtDer frühere Chef der Pleite-Bank Lehman Brothers, Richard Fuld, war ein großer Optimist. Im Juni 2008, drei Monate bevor seine Bank Insolvenz beantragen musste, sagte er über die Finanzkrise: „Das Schlimmste ist überstanden.”

Tatsächlich ist die Krise auch sieben Jahre später noch nicht ausgestanden. Im Gegenteil: In einer neuen Studie warnt die US-Investmentbank Goldman Sachs sogar vor einer dritten Welle der Finanzkrise. Ihre Kennzeichen: Eine Talfahrt der Rohstoffpreise, mickriges Wachstum in den Schwellenländern und  ein globaler Trend zu sehr niedriger Inflation oder sogar fallenden Preisen.

In der Studie unterscheidet der Goldman-Analyst Peter Oppenheimer drei Wellen der Finanzkrise. Die erste sei durch den Kollaps am US-Häusermarkt und die Kreditkrise gekennzeichnet gewesen. Darauf habe die US-Notenbank Fed mit drastischen Zinssenkungen sowie dem massiven Ankauf von Anleihen und Vermögenswerten reagiert.

Wie es nach dem Fed-Entscheid weitergeht

Zinswende bleibt vorerst aus

Noch scheuen sich die Geldpolitiker um Fed-Chefin Janet Yellen, erstmals seit Jahren wieder am Geldhahn zu drehen. Allerdings könnte die US-Notenbank noch in diesem Jahr handeln – und damit auch die Konjunktur im Euroraum anschieben. Seit Ende 2008 liegen die Zinsen in den USA, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, auf dem Tief zwischen null und 0,25 Prozent.

Warum hat die Fed die Zinsen diesmal nicht angehoben?

Ein Hauptgrund sind die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten. Im August hatte ein Kurssturz in China Europas Börsen in einen Abwärtsstrudel gezogen und an der Wall Street für massive Verluste gesorgt. „Wir achten insbesondere auf China und aufstrebende Märkte“, sagt Yellen. Die Fed spricht von „globalen wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen“, die den Aufschwung gefährden könnten.

Spielt das die Hauptrolle für die Entscheidung der Notenbanker?

Nein. Am wichtigsten sind hohe Beschäftigung und ein stabiles Preisniveau. Die Inflation liegt aber noch deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent, und vom Arbeitsmarkt kommen trotz hoffnungsvoller Zeichen zwiespältige Signale. Aus Sicht von Ökonomen wie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau ist eine Zinserhöhung angesichts der US-Konjunktur aber schon lange überfällig: „Die US-Wirtschaft dürfte weiter kräftig wachsen, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und die Inflation, obwohl auf niedrigem Niveau, sollte sich in Richtung Zielwert der Fed von zwei Prozent bewegen.“ Die aktuelle US-Konjunkturlage verlange eine Bewegung hin zu Leitzinsen zwischen 2 und 3 Prozent.

Also geht die Spekulation um die Zinswende weiter?

Die Mehrzahl der Notenbanker ist nach wie vor der Meinung, dass die Fed das Ende ihre Nullzinspolitik noch dieses Jahr einläuten sollte. Der Offenmarktausschuss tagt bis Jahresende nur noch zweimal: Ende Oktober und am 16. Dezember. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erwartet spätestens im Dezember die Zinswende: „Reagieren Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit.“

Ist die Fed zu zaghaft?

Nach Einschätzung vieler Beobachter schon. „Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben“, warnt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Das Problem ist, dass der Druck mit jedem Aufschub zunimmt. Schließlich soll beim ersten Zinsschritt nicht der Eindruck entstehen, dass die Ära des ultrabilligen Geldes schlagartig vorüber ist. „Die Haltung der Geldpolitik wird vermutlich noch für einige Zeit nach der anfänglichen Erhöhung der Leitzinsrate hochexpansiv bleiben“, versichert Yellen deshalb.

Warum sind die Zinsen überhaupt auf dem Rekordtief?

Mit den Mini-Zinsen hatte die Fed auf die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession reagiert. Bei niedrigen Zinsen investieren Unternehmen tendenziell mehr, Verbraucher geben mehr Geld aus. Das schiebt die Konjunktur an.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung?

Höhere Zinsen verhindern Blasen etwa an Immobilien- und Aktienmärkten sowie eine zu hohe Inflation. Banken verleihen mehr Geld, statt es zu parken. Für viele Sparer sind Zinserträge auch eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings würde der Dollar an Wert gewinnen, wenn gleichzeitig andere Notenbanken auf Null-Zins-Kurs bleiben. Das hätte zwei Konsequenzen, betont Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang: „Zum einen brächen die US-Exporte weg, zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen.“

Wird die EZB die Zügel im Euroraum bald anziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Geldschleusen noch lange weit geöffnet und den Zins nahe der Nulllinie lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sogar weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Liane Buchholz vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) rechnet frühestens 2017 mit einem ersten Zinsschritt: „Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns noch länger begleiten.“ Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was würde eine frühere Zinserhöhung in den USA für Europa bedeuten?

Steigen die Zinsen in den USA, aber nicht in Europa, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro an Wert. In Dollar gehandelte Importe wie Rohstoffe werden so im Euroraum teurer. Das stärkt den mickrigen Preisauftrieb. Gleichzeitig werden hiesige Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Das befeuert den Export und die Konjunktur im Euroraum.

Die zweite Welle habe die Eurozone erfasst. Die Probleme mit Staatsschulden und maroden Banken legten Schwächen in der Architektur der Eurozone offen. Investoren hätten deshalb am Fortbestand des Euro gezweifelt.  Für Beruhigung sorgte erst EZB-Chef Mario Draghi mit seiner „Whatever it takes”-Rede und der Ankündigung, im Notfall unbegrenzt Anleihen der Euro-Krisenländer zu kaufen.

Die dritte Welle, die jetzt die jetzt die Schwellenländer erfasst hat, hängt laut Studie eng mit den vorherigen zusammen. Die Zentralbanken in den USA und der Europa hätten als Reaktion auf die Krise die Zinsen massiv gedrückt und dadurch eine stärkere Verschuldung in den Schwellenländern begünstigt.

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