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12.02.2015

10:49 Uhr

Flucht von der Börse

Rückschlag für die deutsche Aktienkultur

VonJessica Schwarzer

Schon wieder haben sich eine halbe Millionen Menschen von der Börse verabschiedet. Und das, obwohl es an der Börse zuletzt bergauf ging und mit Zinsanlagen nichts mehr zu holen ist. Es ist Zeit, umzudenken.

Auch in Zeiten von Niedrigzinsen und steigender Börsenkurse entdecken die Deutschen die Aktien nicht für sich. AFP

Auch in Zeiten von Niedrigzinsen und steigender Börsenkurse entdecken die Deutschen die Aktien nicht für sich.

DüsseldorfNur noch 8,4 Millionen Deutsche sind am Aktienmarkt engagiert. Das sind gerade mal rund 13 Prozent der Bevölkerung. Es ist ein alarmierendes Ergebnis, dass die jüngste Untersuchung des Deutschen Aktieninstituts zur Anzahl der Aktienbesitzer bringt. Damit haben sich im vergangenen Jahr wieder rund eine halbe Millionen Menschen von der Börse verabschiedet.

Das Paradoxe: Die Zahl der Aktienanleger sinkt trotz steigender Kurse an der Börse das zweite Jahr in Folge. Eine Entwicklung, die schon seit einigen Jahren zu beobachten ist. Seit dem Höchststand im Jahr 2001 trennten sich damit fast 4,4 Millionen Anleger von Aktien und Aktienfonds. Für  Christine Bortenlänger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, ist das ein „herber Rückschlag“ für die deutsche Aktienkultur.

Von der nun schon mehr als sechs Jahre laufenden Rally an den Märkten haben die wenigstens Deutschen Anleger profitiert. Denn nur noch gut sieben Prozent ihrer Ersparnisse investieren die Deutschen in Aktien. Im Vergleich dazu machen Spareinlagen auf Girokonten, Tagesgeldkonten und anderen Einlageformen der Banken und Sparkassen rund 39 Prozent aus. Und das, obwohl es praktisch keine Zinsen mehr gibt. Diese falsche Anlagegewichtung führt dazu, dass die fleißigen deutschen Sparer langfristig Geld verlieren. In Zeiten von Minizinsen werfen die wenigsten Sparanlagen nach Abzug von Inflation und Steuern überhaupt noch etwas ab. Im Gegenteil: die Renditen sind negativ, das Vermögen wird quasi täglich weniger.

Eine höhere Aktienquote würde die negativen Auswirkungen der Niedrigzinsphase auf die Vermögensbildung und Altersvorsorge abfedern. Die Dividendenrenditen von Aktien sind schon längst höher, als die Zinsen auf dem Sparbuch. Auch die Renditen von vielen Unternehmensanleihen schlagen sie. Doch die Deutschen bleiben ihren homöopathisch verzinsten Produkten treu.

Aktienkultur in Deutschland

Aktienbesitz

Menschen mit Aktieninvestments im Jahr 2014: 8,4 Millionen

Vorjahr: 8,9 Millionen

Anteil der Bevölkerung über 14 Jahren im Jahr 2014: 13,1 Prozent

Vorjahr: 13,8 Prozent

Investitionsarten

Wie die deutschen Aktionäre investiert sind:

4,3 Millionen Menschen besitzen nur Aktienfonds.

1,6 Millionen Menschen besitzen Aktien und Aktienfonds.

2,5 Millionen Menschen besitzen nur Aktien.

Langfristige Entwicklung

Seit 2001 haben rund 4,4 Millionen Menschen dem Aktienmarkt den Rücken gekehrt.

Aktionärsanzahl 2001: 12,8 Millionen

Aktionärsanzahl 2014: 8,4 Millionen

Aktienbesitz nach Altersgruppen

Das Interesse an Aktien hat in den vergangenen Jahren besonders bei den Jüngeren stark nachgelassen.

Anteil der Aktien- und Aktienfondsbesitzer nach Altersgruppen:

20-29 Jährige: 7,2 Prozent (2001: 17,5 Prozent)

30-39 Jährige: 12,1 Prozent (2001: 27,9 Prozent)

40-49 Jährige: 17,2 Prozent (2001: 25,5 Prozent)

50-59 Jährige: 17,1 Prozent (2001: 24,5 Prozent)

60-69 Jährige: 13,6 Prozent (2001: 14,4 Prozent)

Aktienbesitz nach Beruf

Anteil von Aktienbesitzer nach beruflicher Position:

Leitende Angestellte: 28,4 Prozent

Leitende Beamte: 30,1 Prozent

Selbstständige/Freie Berufe: 26,0 Prozent

Sonstige Beamte: 29,5 Prozent

Öffentlicher Dienst: 22,7 Prozent

Sonstige Angestellte: 14,8 Prozent

Rentner/Pensionäre: 12,3 Prozent

Studenten: 4,3 Prozent

Facharbeiter: 8,9 Prozent

Selbstständige Landwirte: 23,5 Prozent

Schüler: 1,9 Prozent

Sonstige Arbeiter: 4,2 Prozent

Auszubildende: 4,6 Prozent

Aktienbesitz nach Einkommen

Menschen mit höherem Einkommen, haben ein höhere Interesse an Aktien.

Anteil von Aktien und Aktienfondsbesitzern nach Nettohaushaltseinkommen:

750-1.250 Euro: 2,5 Prozent

1.250-2.000 Euro: 6,9 Prozent

2.000-3.000 Euro: 24,6 Prozent

3.000-4.000 Euro: 18,5 Prozent

Über 4.000 Euro: 34,3 Prozent

Aktienbesitz nach Bundesländern

Alte Bundesländer: 13,8 Prozent besitzen Aktieninvestments

Neue Bundesländer: 10,3 Prozent besitzen Aktieninvestments

Gesamt: 13,1 Prozent

Ein Fehler, wie auch das Deutsche Aktieninstitut nicht müde wird zu betonen. „Wenn die deutschen Haushalte nur ein wenig von ihrer konservativen Geldanlagestrategie abrückten, würden sie der negativen Vermögensentwicklung einen soliden Riegel vorschieben“, sagt Bortenlänger. „Hätten die Anleger seit 2001 beispielsweise nur jeden vierten Euro, den sie Jahr für Jahr in Bankeinlagen gesteckt haben, in Aktien investiert, wäre das Geldvermögen aller Deutschen heute grob geschätzte 106 Milliarden Euro höher“. Pro Haushalt sind dies immerhin 2.600 Euro mehr. „Um es einmal ganz praktisch zu sagen: Mit diesem Geld hätten die Deutschen etwa zwei Jahre lang das Benzin für ihre Autos bezahlen können“, so Bortenlänger. Wäre stattdessen jeder dritte Euro in Aktien geflossen, gäbe es sogar rund drei Jahre freie Fahrt für Deutschlands Autofahrer.

Argumente, die leider immer wieder verpuffen. Die Deutschen vernichten durch ihre falsche Anlagepolitik sehenden Auges Geld. Da die Zinsen aber noch einige Jahre niedrig bleiben werden, ist es dringend nötig, umzudenken. Langfristig sind Aktien die erfolgreichste Anlageklasse überhaupt – das war schon zu Zeiten so, als es noch Zinsen gab. Heute stimmt das mehr denn je. Zumindest eine Beimischung von Aktien tut Not, auch in den Depots sehr konservativer Anleger.

Börse am Mittag

Dax in Rekordlaune

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Kommentare (14)

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Herr Frank Bauer

12.02.2015, 10:56 Uhr

sollen mal lieber weg bleiben ... solange niemand dabei ist gehts risikolos nach oben :-)

Herr Matthias Moser

12.02.2015, 10:56 Uhr

Wer es bis heute noch nicht gemerkt hat, dem ist nicht zu helfen

Herr Markus Gerle

12.02.2015, 11:37 Uhr

Hallo Herr Bauer, stimmt. Es fehlte noch, dass wieder irgendwelche Tatort-Kommissare Werbung für Aktien ehem. Staatsunternehmen machen.
Der dumme Michel hat immer noch nicht bemerkt, dass aufgrund der extremen Besteuerung von Arbeitseinkommen in Deutschland und der unsozialen Euro-Politik der etablierten Parteien, Arbeitseinkommen immer weiter entwertet werden. Im Gegenzug steigt der Wert von Sachanlagen. Und da die Deutschen das nicht begreifen, öffnet sich halt weiter die Schere zwischen arm und reich. Skurril ist, dass dann ausgerechnet die dafür verantwortlichen sozialistischen Parteien im Bundestag darüber wieder lamentieren.
Die meisten Leute, die hart arbeiten und richtig fett Steuern zahlen, wählen immer noch die etablierten Parteien und lassen ihr Geld weginflationieren. Einfach unfassbar.

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