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23.05.2012

19:19 Uhr

Folgen beherrschbar

Euro-Zone und EZB bereiten Griechenlands Austritt vor

Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone rückt offenbar näher: EZB und Bundesbank richten Krisenstäbe ein, die Regierungen arbeiten an nationalen Notfallplänen - das griechische Finanzministerium dementiert aber.

Werbung für den Ankauf von Gold in Athen. dpa

Werbung für den Ankauf von Gold in Athen.

FrankfurtEine Arbeitsgruppe der Euro-Länder hat Kreisen zufolge die Regierungen aufgefordert, nationale Notfallpläne für den Fall eines Austritt Griechenlands aus der Währungsgemeinschaft auszuarbeiten. Jeder einzelne Staat müsse seinen eigenen Plan vorbereiten, sagten Vertreter der Währungsunion am Mittwoch. Dies sei am Montag während einer Telefonkonferenz der Arbeitsgruppe, die aus Vertretern aller 17 Euro-Länder besteht und die Treffen der Finanzminister vorbereitet, verabredet worden.

Das griechische Finanzministerium dementierte am Mittwoch entsprechende Berichte. „Das Ministerium dementiert kategorisch Veröffentlichungen, nach denen im Rahmen der Telekonferenz der Eurogruppe (Euro Working Group) von den Mitgliederstaaten gefordert wurde, Pläne für einen möglichen Austritt Griechenlands aus dem Euro auszuarbeiten“, teilte das Ministerium schriftlich mit. Solche Pläne hätten nichts mit der Realität zu tun, sie schadeten lediglich den Bemühungen des Landes, „sich mit seinen Problemen zu befassen“, hieß es.
Ein Vertreter der Eurogruppe, sagte aber: „Die Arbeitsgruppe vereinbarte, dass jedes Euro-Land einen Notfallplan vorbereiten sollte für die möglichen Folgen eines griechischen Abschieds vom Euro.“ Bislang würde noch nichts vorbereitet auf Ebene der Euro-Zone, aus Angst, dass dies durchsickern könnte. Ein zweiter Vertreter bestätigte die Angaben.

Die Notpläne seien Teil des notwendigen Risikomanagements, sagte ein EU-Diplomat dem Handelsblatt in Brüssel. Wer sich nicht auf diesen Fall vorbereite, handele fahrlässig.

„Geuro“ und „Neue Drachme“: Chancen und Risiken einer Zweitwährung für Griechenland

Wie soll der „Geuro“ funktionieren?

In seinem Modell geht Deutsche-Bank-Ökonom Mayer davon aus, dass der griechischen Regierung das Geld ausgeht, die internationalen Geldgeber aber weiterhin für die Schulden des Landes geradestehen und den Bankensektor stützen. In diesem Fall könnte Athen Staatsangestellten wie etwa Polizisten Schuldscheine geben, statt sie nicht zu bezahlen. Der Beamte könne diese Schuldscheine (Geuro) gegen Euro tauschen.

Was bringt eine Parallelwährung?

Allmählich würde eine Zweitwährung entstehen, deren Kurs zum Euro sinkt. In der Folge könnten griechische Exporteure ihre Preise in Euro senken und so wieder besser ins Geschäft mit Partnern im Ausland kommen. Die Ökonomen Lucke/Neumann erklären: „Unser Vorschlag, die ND als eine zweite, gleichberechtigte Landeswährung einzuführen, soll es Griechenland erleichtern, durch einen Kurs größerer Flexibilität den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erreichen. Aber es geht auch um den politisch-psychologischen Aspekt, dem Land die Rückkehr zur vollen Mitgliedschaft in der Euro-Union sichtbar offenzuhalten.“

Würden so die Probleme der griechischen Wirtschaft gelöst?

Wohl kaum. Die griechische Wirtschaft hat ein strukturelles Problem: Das Land lebt vor allem vom Tourismus und Waren wie Oliven, Feta und Wein. „Griechenland fehlen hochwertige, international wettbewerbsfähige Beschäftigungsstrukturen“, urteilten Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) in einer Anfang 2012 veröffentlichten Studie. Im Vergleich zu anderen Euro-Sorgenländern wie Portugal und Spanien sei Griechenland „seit jeher ausgesprochen schwach industrialisiert“.

Wo liegen die Risiken einer Parallelwährung?

Ein griechischer Sonderweg könnte ein fatales Signal an andere Wackelkandidaten senden. Die Sorge ist groß, dass die Bereitschaft zu Reformen in den Ländern sinkt, sobald der Druck nachlässt. Viele Experten sehen die Gefahr, dass die Tage der Europäischen Währungsunion (EWU) dann gezählt sind. „Der einzige momentan vorstellbare Weg, auf dem die EWU mit allen Mitgliedern fortbestehen kann, scheint uns in einer zeitlichen Streckung der Konsolidierungsvorgaben zu liegen - ohne Aufgabe ihrer absoluten Verbindlichkeit, die auch von den Problemländern ohne Wenn und Aber anerkannt werden müsste“, analysiert die DZ Bank.

Darf Griechenland überhaupt einfach eine neue Währung einführen?

Helmut Siekmann, Professur für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt und Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) betont: „Alle Verbindlichkeiten auch innerhalb Griechenlands sind in Euro zu begleichen, nicht in einer neuen Kunstwährung.“ Selbst neue Forderungen könnten nicht ohne Rechtsbruch auf eine andere Währung als den Euro lauten: „Griechenland hat die Währungshoheit an die EU abgetreten. Das Land kann legal keine neue Währung einführen.“ Privatpersonen, Unternehmen und Investoren im In- und Ausland wären an eine illegal eingeführte Währung nicht gebunden. Der Vorschlag sei insofern sehr kurz gedacht, sagt Siekmann: „Wenn man diese Konsequenzen bedenkt, sehe ich keinen großen Fortschritt außer vielleicht etwas Zeitgewinn.“

Gibt es Beispiele für derartige Parallelwährungen?

De facto habe es in erheblichem Umfang im Sozialismus westliche Währungen als Parallelwährungen gegeben, zum Teil sogar offiziell anerkannt, sagt Ökonom Siekmann. Auch kleinere Länder hätten fremde Währungen ohne formelle Absprache übernommen, etwa Balkanstaaten den Euro. In Zeiten der Hyperinflation habe man immer wieder wie 1923 in Deutschland auch mit US-Dollar bezahlen können. Und immer wenn Kalifornien in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurden dort Schuldscheine ausgegeben.

Die EU reagiert damit auf die Weigerung mehrerer griechischer Parteien, das mit der Euro-Zone und dem IWF verabredete Spar-und Reformprogramm weiterhin zu befolgen. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hofft trotzdem immer noch, dass Griechenland den Euro behalten kann. „Wir werden dafür weiter alles in unserer Macht stehende tun“, versicherte Barroso nach einem Treffen mit dem geschäftsführenden griechischen Premierminister Panagiotis Pikrammenos in Brüssel.

Wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ am Mittwoch vorab berichtete, wappnet sich auch die Europäische Zentralbank (EZB) gegen eine mögliche Eskalation in Griechenland. Die Notenbank habe einen Krisenstab unter Vorsitz des deutschen Direktoriumsmitglieds Jörg Asmussen eingerichtet, der sich mit dem Thema Griechenland beschäftigt. Auch bei der Deutschen Bundesbank befasse sich eine entsprechende Arbeitsgruppe unter Leitung von Vorstandsmitglied Joachim Nagel mit dem Thema.

Die beiden Notenbanken wollten den Bericht am Mittwoch nicht kommentieren. Zuletzt hatte Asmussen aber klargestellt, dass die EZB weiter nach „Plan A“ arbeite, wonach die Griechen in der Euro-Zone bleiben.

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Angesichts der unsicheren politischen Lage in Griechenland werde ein Austritt des Landes aus der Währungsunion unter Notenbankern nicht mehr ausgeschlossen, hieß es hingegen in dem Zeitungsbericht. EZB-Chef Mario Draghi hatte zuletzt jedoch versichert, dass die EZB den Verbleib der Griechen in der Euro-Zone weiterhin wolle.

In ihrem aktuellen Monatsbericht warnte die Bundesbank die Politik in Griechenland vor einer Abkehr vom vereinbarten Sparkurs. „Die aktuelle Entwicklung in Griechenland ist in hohem Maße besorgniserregend“, schreibt die Notenbank in ihrem Monatsbericht, der am Mittwoch in Frankfurt veröffentlicht wurde.

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Kommentare (48)

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Account gelöscht!

23.05.2012, 13:41 Uhr

Weidmann und die Bundesbank betreiben die Einführung des Eurobonds mit Lichtgeschwindigkeit. Es ist in Frankfurt jedem klar, dass wenn Griechenland geht, alle internationale Investoren massenweise Italien und Spanien verlassen werden. Danach werden das auch die Inner-Europäischen Investoren folgen und dabai wird ein Bank-run in Süd-Europa ausgelöst.Dadurch werden Banken wie Santander(2 Mal größer als Lehman Bros.) und UniCredit(2 Mal größer als Lehman Bros.) abtauchen und dadurch kommt dann BNP Paribas(die größte Banken-Gruppe der Welt). Das Geld von 200 Mio. verängstigte Menschen und Unternehmen wird sofort auf Auslands-Konten in D auftauchen. Das Eurosystem wird das ausgleichen, weil die Bundesbank dieses Geld durch die Target2 Salden es den anderen Zentralbanken leihen wird, damit diese ihr Bankensysteme stützen können. Dadurch wird die Bundesbank Forderungen gegenüber den anderen Europäischen Staaten in Höhe von 1.5 Bill € oder mehr aufweisen. Dann wird der Eurobond eine wirtschaftliche Notwendigkeit-weil bei einem Ausstieg D oder eines anderen Landes diese Verbindlichkeiten von digitalen Salden in reale Schulden umgewandelt werden. Bei 1.5 Bill €(50% des BIP in D) werden die Verluste astronomisch werden und sowohl das Finanzministerium in Berlin als auch die Bundesbank mit all ihrer Bar/Währungs und Goldreserven ausradieren. Weidmann weiß das alles aber er, die EU und die EZB werden Grichenland abstoßen um diese Panikwelle auszulösen. Dann werden alle einverstanden sein, weil sie keine dritte Wirtschaftskrise in 5 Jahren erleben wollen. Im Übrigen Merkel wird auch vom Japan,Peking,Moskau,New York,Washington, usw. Telefonate annehmen und alle werden ihr 'befehlen' das sofort zu klären, weil sonst China 28% seiner Währungsreserven abschreiben muss, Russland 50% usw. Zentralbanken auf der ganzen Welt werden rekapitalisiert werden müssen. Da wird Hollande, das kleinste Problem sein.

weidmann

23.05.2012, 13:48 Uhr

"Die Deutsche Bundesbank hat...... "
Was hat die deutsche bundesbank zu sagen?
Sind wir jetzt schon so weit dass die deutsche bundesbank das Sagen hat?
Totaler Realitätsverlust in Deutschland, die wiedervereinigung ist manchen zu Kopf gestiegen, glaube ich.

rekapitaliserung

23.05.2012, 13:51 Uhr

Da wäre es dann doch einmal interessant um mal Weidmann's Meinung zu der Finanzierung über Target2 zu hören. Was ist da dann dran an den 1,5 Bio. € an Saldi, die zu erwarten sind bei der zu erwartenden Rekapitaliseriung der Banken, wie im Kommentar beschrieben. Und dass eine Bankenrekapitaliserung im grossen Umfang auf die EU zukommt, das sollte jedem klar sein.

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