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07.01.2010

11:09 Uhr

Folker Hellmeyer im Interview

„Das Finanzsystem hat Krebs“

VonJörg Hackhausen

Das vergangene Jahrzehnt hat zwei schwere Börsencrashs mit sich gebracht. Hätte man Spekulationsblasen im Vorhinein erkennen können? Ja, sagt Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. Im Interview erklärt der Chefanalyst, wann Anleger misstrauisch werden sollten und wo die nächsten Blasen drohen.

Folker Hellmeyer hält die Maßnahmen der Zentralbanken für notwendig. Dennoch dürfe es ein "weiter so wie bisher" nicht geben. Er fordert grundlegende Reformen. Pressebild

Folker Hellmeyer hält die Maßnahmen der Zentralbanken für notwendig. Dennoch dürfe es ein "weiter so wie bisher" nicht geben. Er fordert grundlegende Reformen.

Handelsblatt: Am Ende des gerade abgelaufenen Jahrzehnts steht der Dax niedriger als am Anfang. Manche sprechen von einer verlorenen Dekade. Welche Lehren sollten Anleger daraus ziehen?

Folker Hellmeyer: Wenn man durchgehend investiert war, mag es ein verlorenes Jahrzehnt gewesen sein. Aber es ist verkehrt, sich nur auf den Anfangs- und Endkurs zu projizieren. Dieses Jahrzehnt hat eine sehr hohe Volatilität an den Aktienmärkten mit sich gebracht; das heißt aber auch, dass es viele Möglichkeiten gab. Die Lehre dieses Jahrzehnts lautet: In Zeiten, die von Umbrüchen geprägt sind, ist die Buy-and-Hold-Strategie nicht angebracht.

Das Jahrzehnt hat zwei große Börsencrashs mit sich gebracht. Im Nachhinein lassen sich Spekulationsblasen immer leicht identifizieren. Aber welche Anzeichen deuten im Vorhinein darauf hin?

Immer dann, wenn Zentralbanker von neuen Paradigmen reden, sollte man sehr aufmerksam sein. Auch wenn die Märkte von ihren langfristigen Bewertungsmaßstäben abrücken, droht Gefahr.

So wie zur Zeit der New Economy.

In der Tat, seinerzeit verbreitete Herr Greenspan, man trete in eine neue Ära mit enorm erhöhter Produktivität ein. Damit verbunden sei auch die höhere Bewertung der Aktienmärkte gerechtfertigt. Sie schufen eine Asset-driven-Economy - also eine Wirtschaft, die von der Bewertung der Vermögensgegenstände abhängig ist. Das ist der gordische Knoten, den wir bis heute noch nicht gelöst haben.

Womit wir bei der aktuellen Finanzkrise wären. Die Notenbanken pumpen schon wieder massiv Geld in den Wirtschaftskreislauf. Hat das die nächste Liquiditätsblase zur Folge?

Nicht zwangsläufig. Zunächst muss man festhalten, dass die Maßnahmen erfolgreich waren, einen Finanzinfarkt zu verhindern. Die Intervention der Zentralbanken und Regierungen, die wir derzeit erleben, forciert ein in wesentlichen Teilen nicht selbsttragendes Wachstum. Wir haben uns mit den Interventionen Zeit bis circa 2012 erkauft. Bis dahin müssen wesentliche Themen angefasst werden. Entscheidend ist, dass man in dieser Phase bis 2012 nicht weiter macht wie bisher, sondern Strukturreformen mit dem Ziel Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit umsetzt.

Kommentare (9)

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aruba

07.01.2010, 12:25 Uhr

Guten Tag,....... Vor einigen Jahren sagte der gute Mann genau das Gegenteil. besten Dank

mono

07.01.2010, 13:02 Uhr

interessanter Artikel. Wie gut und unabhängig die EZb von politischer Einflussnahme ist wird sich am beispiel Griechenland und möglicherweise Spanien, Portugal und italien, ja in Kürze zeigen.
Eine Rückkehr zum Goldstandard ist wohl wirklich eher unwahrscheinlich.
Sobald sich jedoch die Erkenntnis durchsetzt, das die amerikanische FED mit "Deleveraging" nichts anderes meint als Entwertung der eigenen Währung, dürfte die Frage nach einer anderen Welt-Reservewährung neu gestellt werden. Der 2009 ins Spiel gebrachte "Währungskorb" als Reserve ist dann durchaus wahrscheinlich. Ebenso die Möglichkeit , das Gold Teil dieses Währungkorbes wird. Und warum nur ein Modell? Vielleicht präferieren die bRiC Staaten ja auch einen anderen Korb als die Europäer, dann gibt´s halt mehr als eine Reservecurrency.

yahel

07.01.2010, 13:05 Uhr

„Handelsblatt: Am Ende des gerade abgelaufenen Jahrzehnts steht der Dax in etwa so hoch wie am Anfang. Manche sprechen von einer verlorenen Dekade. Welche Lehren sollten Anleger daraus ziehen?“

Das Jahrzehnt ist erst am 31.12.2010 um 24:00 Uhr zu Ende, weil dekadische Systeme immer mit 1 und niemals mit 0 beginnen. Die Fragen, die Sie Herrn Hellmeyer gestellt haben, sollten Sie ihm daher im Januar 2011 stellen, wenn Sie die abgelaufene Dekade betrachten möchten.

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