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05.10.2011

16:48 Uhr

Abschiedsbrief an EZB-Chef

„Leben Sie wohl, Herr Trichet“

VonRalf Drescher

Einmal noch leitet Jean-Claude Trichet den EZB-Rat, dann ist für den Franzosen Schluss. Gut so, sagt ein prominenter Landsmann. Star-Fondsmanager Edouard Carmignac stellt Trichet ein vernichtendes Zeugnis aus.

EZB-Chef Jean-Claude Trichet leitet am Donnerstag seine letzte Ratssitzung. dapd

EZB-Chef Jean-Claude Trichet leitet am Donnerstag seine letzte Ratssitzung.

Wenn morgen der EZB-Rat ausnahmsweise in Berlin zusammenkommt, wird Jean-Claude Trichet zum letzten Mal an seiner Spitze stehen. Zum 31. Oktober endet die achtjährige Amtszeit des Franzosen. Und die Aufgabe, die er seinem Nachfolge Mario Draghi überlässt, ist alles andere als einfach. In der europäischen Schuldenkrise hat die Zentralbank zentrale Prinzipien geopfert: Erst senkte sie Schritt für Schritt die Anforderungen für Wertpapiere, die als Sicherheiten hinterlegt werden dürfen.

Inzwischen kauft die Notenbank selbst Staatsanleihen von Krisenstaaten und greift damit aktiv in die Märkte ein. Von der politischen Unabhängigkeit, einst ein zentrales Gut der EZB, ist in der Krise nicht viel übrig geblieben. Und die internen Gräben sind so tief wie nie, wie nicht zuletzt die Rücktritte der deutschen Spitzen-Notenbanker Axel Weber und Jürgen Stark zeigten.

All das trübt die Bilanz von Jean-Claude Trichet, das Abschlusszeugnis des zweiten EZB-Chefs der Geschichte wird deutlich schlechter ausfallen als das seines Vorgängers Wim Duisenberg.

Nach Meinung von Edouard Carmignac, einem der derzeit profiliertesten Fondsmanager, hat Trichet das Klassenziel sogar klar verfehlt. In einer ganzseitigen Anzeige, die heute in der "Financial Times" erschienen ist, schreibt Carmignac seinem Landsmann einen Abschiedsbrief, der böser nicht sein könnte. Den Originalbrief in voller Länge kann man im FT-Blog "Alphaville" nachlesen.

"Leben Sie wohl, man wird Sie mit Sicherheit nicht vermissen", eröffnet Carmignac das Schreiben. Schon in den 90ern habe er mit seiner Politik des starken Franc der französischen Industrie einen fatalen Einbruch beschert. In der Finanzkrise des Jahres 2008 habe er das Ausmaß unterschätzt und die Auswirkungen der Krise somit verschärft.  Zuletzt schließlich habe der EZB-Chef "den Euro durch schlecht-durchdachte Zinserhöherungen und eine eindeutig unangemessene Unterstützung der Schulden geschwächter europäischer Staaten in Gefahr gebracht".

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Trotz seiner tiefen Enttäuschung hat Carmignac die Hoffnung noch nicht vollends aufgegeben. Er hoffe "aufrichtig, dass sich der pflichteifrige Beamte, den wir alle kennen, als wahrer Staatsmann entpuppt". Trichet habe morgen die letzte Chance, eine positive Note zu hinterlassen. Allerdings fordert er nicht weniger als ein Senkung der EZB-Leitzinsen auf Null und eine Absichtserklärung der Notenbank zum unbegrenzten Kauf von Anleihen aus Schuldenstaaten.

Auf diese Weise könnten zwei große Probleme gelöst werden: Schwache Staaten erhielten einen neuen Zugang zu den Märkten zu vertretbaren Bedingungen und europäische Banken könnten vor massiven Rekapitalisierungsmaßnahmen bewahrt werden, die andernfalls durch die Abwertung ihrer Anleihebestände drohten. Eine inflationäre Wirkung von solch drastischen Maßnahmen erwartet Carmignac nicht. Im Gegenteil: Sie würden lediglich die "starken Deflationskräfte" mäßigen, die er durch den um sich greifenden Schuldenabbau erwartet. Den Preis eines sinkenden Euro-Kurses nimmt er dafür gerne in Kauf. Ein schwacher Euro sei immerhin besser als gar kein Euro, schließt der Fondsmanager seine Argumentation.

Den letzten Punkt wird Trichet sicherlich klaglos unterschreiben. Die gut gemeinten Vorschläge seines Landsmannes dagegen wird er mit Sicherheit ignorieren. Und anders als Carmignac werden ihm das viele, insbesondere deutsche EZB-Watcher als (kleinen) Pluspunkt auf seinem EZB-Zeugnis vermerken. Ob es seine Bilanz an der Spitze der Notenbank entscheidend aufpoliert, steht auf einem anderen Blatt.

Kommentare (26)

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Account gelöscht!

05.10.2011, 16:58 Uhr

Trichet hat die Politik ins Haus gelassen und sich nicht um die Stabilität der Währung gesorgt. Das muß man ihm nachsagen. So verhinderte er, daß sich die Politik mehr um die Wirtschaft ohne Lobbyeinfluß kümmert, und genau das macht, was im Sinne von wirtschaften notwendig ist.

http://www.bps-niedenstein.de/

Wolf54321

05.10.2011, 17:06 Uhr

Stimme Carnignac in allen Punkten zu!

Trichet hat beim Ausbruch der Krise 2008 viel zu zögerlich und zu zaghaft agiert. Im Juli 2008 hatte er sogar den Leitzins noch einmal erhöht(!), weil das Inflationsgespenst bei ihm wohl chronisch ist. Die letzten beiden Zinserhöhungen werte ich mal wohlwollend als künftigen Zinssenkungsspielraum für seinen Nachfolger. Fiskalisch notwändig in keiner Weise.

Account gelöscht!

05.10.2011, 17:36 Uhr

Carmignac ist ein Bankster in bester Tradition. Zwar ist Trichet gescheitert - aber das ist beim Euro unvermeidbar. Bin gespannt, wie lange diese Schmierentheater auf der Bühne Europas noch aufgeführt werden wird.

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