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05.11.2013

12:29 Uhr

Christoph Bruns im Interview

„Eine kolossale Fehlverteilung“

VonJessica Schwarzer

Die Deutschen machen bei der Geldanlage ziemlich viel falsch, sagt Christoph Bruns. Der Co-Chef des Fondshauses Loys rechnet vor, dass Investoren sich so Milliarden durch die Lappen gehen lassen.

Christoph Bruns: Der Co-Chef des Fondsmanagementhauses Loys schreibt regelmäßig Kolumnen für Handelsblatt Online.

Christoph Bruns: Der Co-Chef des Fondsmanagementhauses Loys schreibt regelmäßig Kolumnen für Handelsblatt Online.

Die alte Jugendstilvilla in Oldenburg hat so gar nichts gemeinsam mit den Bankentürmen in Frankfurt am Main. Dunkle Holzböden, vertäfelte Wände, Stuck an den Decken und ein herrliches Kaminzimmer mit gemütlichen Ledermöbeln und alten Büchern. Christoph Bruns ist aus Chicago angereist. Mehrmals im Jahr ist der Co-Chef des Fondsmanagementhauses Loys im Lande und trifft Investoren.

Herr Bruns, steht Ihr Lieblingsbuch auch hier?
Natürlich. Es ist Goethes Faust. Ein großartiges Buch, voller Leben und Weisheit. Wir sind heute so gefesselt und eingeengt in unserer Arbeitswelt. Faust ist ein freier Mensch. Und Freiheit bedeutet, die Muse zu haben, nachzudenken was man will, wo man hinwill. Der Faust ist übrigens auch in einer großartigen Form geschrieben – komplett gereimt.

Alte Bücher sind Ihnen lieber als eReader?
Auf jeden Fall. Das ist auch eine Stilfrage, ob man es sich lieber mit einem alten Schinken im Kaminzimmer gemütlich macht oder zur elektronischen Lektüre greift. Manchmal ist mir das Alte lieber. Das Wesen des Lebens bleibt aber die Dynamik, das Neue, der Fortschritt. Wir hoffen die richtige Richtung einzuschlagen, die richtige Geschwindigkeit.

Was Kunden, Banker und Regierung tun sollten

Handlungsempfehlung für Kunden

Was müssen Privatkunden beachten, damit sie sich für das richtige das richtige Finanzprodukt abschliessen? Elf Vorschläge von Julius Reiter, Professor für Banking & Finance an der FOM-Hochschule für Oekonomie und Management und Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf.

Verbesserung des Finanzproduktverständnisses

Kunden müssen alle Konsequenzen im Rahmen eines Finanzgeschäfts beurteilen können. Ist dies nicht gegeben, sollten sie auf den Vertragsabschluss verzichten.

Überprüfung der Vertragsdetails

Kunden profitieren bei der Auswahl des geeigneten Finanzprodukts von einer kritischen Prüfung des Vertragswerks. Kunden gewinnen langfristig, wenn sie neben den Chancen und Risiken auch die Gebührenstruktur eines Finanzprodukts kritisch beim Erwerb hinterfragen.

Umgang mit persönlichen Daten

Kunden sollten kritisch hinterfragen, welche Informationen sie dem Finanzberater preisgeben. Weiterhin sollten sie den Umgang mit ihren persönlichen Daten, insbesondere im Internet, restriktiv handhaben. Öffentlich zugängliche personenbezogene Daten können von der Finanzbranche strategisch und in der Beratung verkaufspsychologisch genutzt werden.

Handlungsempfehlung für Banken

Banken sollten für eine erfolgreiches wirtschaften folgende Ratschläge beachten.

Suchmaschinenoptimierung

Suchmaschinen sind im Kaufentscheidungsprozess für Bankkunden eine wichtige Informationsquelle. Eine Suchmaschinenoptimierung erscheint erforderlich, um Kunden entsprechende Informationen zur Verfügung stellen zu können.

Abstimmung des Filial- und Internetangebots

Banken profitieren von einem auf das Kundenbedürfnis ausgerichteten Angebot im Internet. Die Optimierung des Vertriebsweges Internet bei gleichzeitiger Abstimmung mit lokalen Angeboten erscheint sinnvoll.

Optimierung der Vergütungsstruktur

Die Gruppe der Selbstentscheider und der Online-Käufer wächst. 25% der Kunden lassen sich in Banken und bei Finanzdienstleistern beraten, kaufen aber die Finanzprodukte im Anschluss online. Dies steht im Zusammenhang mit gestörtem Vertrauen in die Unabhängigkeit und Kompetenz der Finanzberatung. Entlohnungssysteme im Rahmen der Beratung sollten überprüft und die Qualität der Beratung gegenüber den Kunden deutlicher herausgestellt werden.

Handlungsempfehlung für Gesetzgeber

Juristen sollten die sich nachfolgenden Tipps zu Herzen nehmen.

Reduzierung Vertragskomplexität bei Finanzprodukten

Die Transparenz bei Finanzprodukten ist nicht gegeben. Die Komplexität sollte reduziert und die Transparenz, insbesondere in Bezug auf Kosten und Provisionen, muss erhöht werden. Bei gesetzlicher Verpflichtung der Anbieter zur Offenlegung aller Kosten einer Kapitalanlage in Euro und Cent könnte der Anleger unter Berücksichtigung dieser Kosten von sich aus prüfen, welcher absolute Betrag seiner Anlagesumme überhaupt in die Substanz des Produktes fließt und wie viel „weiche Kosten“ keinem Gegenwert entsprechen.

Unabhängige Beratung fördern

Der Trend zum Selbstentscheider und Online-Kauf bei Finanzprodukten nimmt zu. Dies steht im Zusammenhang mit dem Vertrauensverlust in die Finanzberatung. Ein Fünftel der Befragten kann sich unter Honorarberatung, also unabhängiger Beratung ohne Provisionsvergütung, nichts vorstellen. Es sollte durch den Gesetzgeber ein Berufsbild des Honorarberaters mit qualifizierter Berater-Ausbildung und verbindlichen Qualifikationsanforderungen etabliert werden. Die Verpflichtung für Anbieter, Finanzprodukte als Alternativangebot mit provisionsfreien Nettotarifen anzubieten, könnte den Markt für unabhängige Beratung fördern.

Finanzbildung

Die Finanzbildung sollte als fester Bestandteil in die Schulausbildung integriert werden.

Apropos Geschwindigkeit und Richtung: Der Dax hat die Marke von 9000 Punkten geknackt. Und jetzt? Eher 8000 oder eher 10.000 Punkte?
Eher 10.000 Punkte. Es sieht doch ganz gut aus an der Börse.

Trotzdem sind die Privatanleger nicht dabei.
Viele Investoren, auch die Institutionellen, sind noch immer nicht dabei. Und die meisten Privatanleger sind – wenn überhaupt – nur über Altersvorsorgeprodukte in Aktien investiert. Ein Fehler.

Sie trommeln seit Jahren für die Aktie.
Das ist eine echte Sisyphusarbeit, an der ich mich seit zwei Jahrzehnten abarbeite. Die Deutschen haben einfach keine Aktienkultur. Das gilt übrigens auch für die institutionellen Anleger, was noch schlimmer ist. Es fehlt ihnen die Einsicht, dass Aktien eine gute Anlageform sind und es ohne Aktien auch gar nicht mehr geht.

Sie spielen auf das aktuelle Niedrigzinsumfeld an.
Es ist doch so, dass die Versicherer die Vergangenheit verkaufen, also mit den Renditen aus vergangenen Jahren werben. Noch laufen diese Anleihen mit guten Kupons, aber nicht mehr lange. Die Versicherer wissen im Grunde genau, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Die Zinskupons neuer Anleihen sind sehr viel niedriger als die der auslaufenden, und das bleiben sie natürlich auch in den kommenden Jahren. Bei Anleihen ist der Kupon der wesentliche Ertrag – sie werden in der Regel zu 100 Prozent begeben und zu 100 Prozent zurückgezahlt. Langsam, aber sicher wächst jedoch die Einsicht, dass das auf unbestimmte Zeit keine Renditebringer mehr sind. Allianz-Chef Dieckmann hat immerhin kürzlich betont, sein Konzern interessiere sich jetzt für Aktien…

Kommentare (20)

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Account gelöscht!

05.11.2013, 13:15 Uhr

Einer der Wenigen, der vernünftige Aktienempfehlungen gib - ist jedenfall mein Eindruck seit 15 Jahren.

azaziel

05.11.2013, 13:23 Uhr

Es gehoert zu Freiheit, Wuerde und Selbstbestimmung einer Nation, dass Buerger am Produktivkapital ihres Landes beteiligt sind. Sogar ohne Rendite waere es fuer die Buerger wichtig, Aktien zu kaufen und von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen.

Einfach_mal_den_DAX_kaufen

05.11.2013, 13:35 Uhr

Der gute Mann hat vollkommen Recht. Leider kann es in diesem Land niemals zu einer Aktienkultur kommen, eher wird die USA kommunistisch!. Die Politik versucht mit allen Mitteln eine Finanztransaktionssteuer einzuführen, die alle Bemühungen im keim erstickt. Zudem sind ja alle Aktionäre auch gleich Heuschrecken. Und die Medien (selbst die Finanzmagazine) reden immer zu vom nächsten Crash, der jetzt, oh Wunder, von sogenannten Börsenexperten in 2014 erwartet wird. Wie soll dann Ließchen Müller Vertrauen gewinne?.
Und jetzt stellen wir uns mal vor, nur 10% unsere Altersvorsorge wäre in DAX Aktien investiert worden? Der Dax stand 1988 bei 1000 Punkten - mehr sei nicht gesagt.
Solange es aber en Vogue ist, auf die Börse und den bösen Kapitalismus zu schimpfen landen die Kursgewinne bei unseren Freunden auf der anderen Seite des Atlantiks.
Last but not least sprechen Sie mal mit einem Lehrer über die Börse. Da redet der Blinde von der Farbe. Aber es ist ja nachvollziehbar, dass eine Beamter mit hohen Pensionsansprüchen zwischen Rendite und Risiko nicht abwägen muss. Verdienen dann die ehemaligen Schüler ihr erstes Geld kommen die (von der Politik geschützten) Strukturvertriebe aus der Deckung und verkaufen völlig überteuerte Produkte, die kaum eine Chance bieten zumindest die Inflation auszugleichen. Und wer dann immer noch Geld hat, kauft überteuerte Immobilien - weil es ja zu 100% sicher ist, so wie in Spanien ;-)

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