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04.02.2014

10:23 Uhr

Emerging Markets

„Der Kollaps ist ein Extremrisiko“

VonSara Zinnecker

Greg Saichin ist Experte für Schwellenländer bei Allianz Global Investors. Im Interview erklärt er, warum Brasilien, Indien und Co. zu nachlässig waren und was jetzt zu tun ist, um das Anlegervertrauen zurückzugewinnen.

Anhänger der konservativen Hindu-Partei BJP lauschen Narenda Modi, einem der verheißungsvollsten Aspiranten auf das Amt des Premierministers. Wenn Indien im Frühjahr wählt, könnte mit Modi ein Wirtschaftsreformer an die Macht kommen. AFP

Anhänger der konservativen Hindu-Partei BJP lauschen Narenda Modi, einem der verheißungsvollsten Aspiranten auf das Amt des Premierministers. Wenn Indien im Frühjahr wählt, könnte mit Modi ein Wirtschaftsreformer an die Macht kommen.

FrankfurtHerr Saichin, die Angst geht um, dass der Ausverkauf der Schwellenländer die Staaten in eine tiefe Rezession führen wird; dass gar eine neue Weltwirtschaftskrise droht. Was glauben Sie?
Der Zusammenbruch der gesamten Asset-Klasse Schwellenländer ist ein Extremrisiko (englisch ‚Tail-Risks‘); Es existiert, wird aber nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit eintreffen.

Derzeit aber ziehen Investoren massiv Geld aus den Schwellenländern ab. Wenn es zu keinem Kollaps kommt, wie lange geht der Mittelabfluss denn noch weiter?
Das meiste Geld, das in den letzten Monaten aus den Emerging Markets abgezogen worden ist, stammt von privaten Anlegern. Die handeln in der Regel nervöser, lassen sich von den Schlagzeilen leiten. Sie sind meist die letzten die einsteigen – und die ersten die gehen.

Seit Herbst vergangenen Jahres ist Greg Saichin Leiter des Teams Globale Schwellenländeranleihen bei Allianz Global Investors.

Seit Herbst vergangenen Jahres ist Greg Saichin Leiter des Teams Globale Schwellenländeranleihen bei Allianz Global Investors.

Und institutionelle Anleger … ?
… denken bereits wieder daran, in die Schwellenländer zu gehen. Viele institutionelle Anleger hatten zuletzt die Emerging Markets untergewichtet, Aktien und Anleihen waren zu teuer, Zinsaufschläge (Spreads) zu gering. Heute sind sie bereit, den Schwellenländer-Anteil im Portfolio wieder zu erhöhen. Sie wissen, dass die Beimischung von Schwellenländeranleihen im Portfolio das Rendite-Risiko-Profil, die Sharpe-Ratio, verbessert.

Laut Informationen des Datendienstes EPFR sind 2013 netto rund 25 Milliarden Dollar aus Schwellenländer-Fonds abgeflossen...
Ich kann mir vorstellen, dass das für Privatanleger gilt. Es ist schwierig, die Geldflüsse genau nachzuvollziehen. Laut den Auswertungen von JP Morgan investieren institutionelle Investoren jeden Monat zwei bis drei Milliarden Dollar in die Schwellenländer.

Währungsturbulenzen in Schwellenländern

Türkei

Mit einer drastischen Zinserhöhung hat sich die türkische Notenbank gegen den Kursverfall der heimischen Währung Lira gestemmt. Der Satz, zu dem sich die Banken über Nacht Geld bei der Zentralbank leihen können, wurde am Dienstagabend von 7,75 auf 12,0 Prozent angehoben. Der eigentliche Leitzins wurde auf 10 Prozent angehoben von zuvor 4,5 Prozent. Damit soll der Abfluss an ausländischem Kapital gestoppt werden, der die Lira auf ein Rekordtief zum Dollar gedrückt hatte.

Südafrika

Die Zentralbank hob ihren Leitzins wenige Stunden nach der türkischen Entscheidung überraschend auf 5,50 Prozent an, nachdem er lange Zeit auf dem 40-Jahres-Tief von 5,0 Prozent verharrt hatte. An den Märkten wird davon ausgegangen, dass er in den kommenden Monaten weiter steigen wird. „Wir werden die Entwicklung genau verfolgen und nicht zögern zu handeln, sollte dies erforderlich sein", sagte Notenbankchefin Gill Marcus. Der Rand war zuletzt so billig wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Höhere Zinsen könnten aber der erlahmenden Konjunktur weiter zusetzen.

Brasilien

Die Notenbank hat ihren Leitzins seit April 2013 bereits von 7,25 auf aktuell 10,0 Prozent angehoben. Der jüngste Schritt folgte in diesem Monat, als es von 9,5 Prozent nach oben ging. Die Zentralbank signalisierte dabei aber, das Tempo nun etwas zu drosseln. Mit höheren Zinsen soll die Inflation in Schach gehalten werden. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei 5,7 Prozent.

Indonesien

Keine andere asiatische Währung ist 2013 auf so steile Talfahrt gegangen wie die Rupie: Sie büßte ein Fünftel ihres Wertes im Vergleich zum Dollar ein. Das macht Importe teurer, was die Inflation ebenso nach oben zu treiben droht wie das Handelsdefizit. Zu Jahresbeginn hielt die Zentralbank ihren Leitzins unverändert bei 7,50 Prozent. Sie versprach aber, "wachsam" zu bleiben, was den Märkten die Bereitschaft zu Zinserhöhungen signalisiert.

Indien

Die indische Zentralbank hob erst in dieser Woche ihren Leitzins überraschend von 7,75 auf 8,0 Prozent an. Eine weitere Erhöhung ist vorerst nicht geplant. Grund für den Schritt sind kräftig steigende Preise. Höhere Zinsen machen Kredite teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen kann. Vom Inflationsziel sei Indien derzeit "sehr weit entfernt", sagte Notenbankchef Raghuram Rajan. Zuletzt lag die Teuerungsrate bei 9,87 Prozent. Die Zentralbank will sie bis Januar 2015 auf acht Prozent und ein Jahr später auf sechs Prozent drücken.

Thailand

In dem von politischen Unruhen erschütterten Land hat die Zentralbank im November die Zinsen gesenkt. Sie schreckte im Januar aber vor einer weiteren Kappung zurück. Als Grund für die Zurückhaltung gilt die Furcht, dass die politische Instabilität die Kapitalflucht verstärken könnte.

Ungarn

Notenbankchef György Matolcsy und sein Team haben den Leitzins im Januar auf das Rekordtief von 2,85 Prozent gesenkt. Obwohl die Währungshüter Spielraum für eine weitere Kappung signalisierten, dürften sie laut Experten vom Schwächeanfall des Forint zu einer Zinswende gezwungen werden.

Russland

Der Außenwert der Landeswährung hat dieses Jahr bereits fünf Prozent eingebüßt. Die Notenbank musste schätzungsweise zehn Milliarden Dollar zur Stützung des Rubels aufwenden. Notenbankchefin Elvira Nabiullina ist gewillt, den Kurs notfalls mit allen Mitteln zu stabilisieren. Denn Russland gilt als gebranntes Kind: In der durch massive Kapitalflucht ausgelösten Rubel-Krise von 1998 hatten die Bürger ihre Konten massenweise geräumt.

Dennoch: In Saldo sind die Mittelabflüsse groß genug, dass die Kurse an Aktien- und Anleihemärkten weiter einbrechen…
Die ‚finanziellen Repression‘ der letzten Jahre hat Investoren in die Schwellenmärkte getrieben. Das aber trieb die Kurse der Schwellenländer-Titel in die Höhe und ließ Risikoaufschläge schrumpfen. Was wir im Moment beobachten, ist die logische Korrektur an den Märkten. Die Renditen für Schwellenländer-Anlagen steigen – und werden weiter steigen.

Kommentare (2)

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do_it_yourself

05.02.2014, 07:41 Uhr

Wenn die Privaten Investoren viel besseren Informationsstand hätten, warum sollte sie über die Fonds in die Schwellenländer investieren??? Auch über den Exit entscheiden sie demnach selber ;-)

logical

05.02.2014, 17:46 Uhr

Ist das mit der Krise der Schwellenländer vergleichbar mit der Euroland-Krise aus dem letzten Jahr. Das war die Krise, bei der düsterstes Szenario gezeichnet wurde, woraufhin der Dax fast 2000 Punkte zulegte?

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