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20.09.2013

20:33 Uhr

Finanzkrise

Hedgefonds sind in der Krise ein sicherer Hafen

Die Rendite sinken, die Gebühren steigen – trotzdem sind Hedgefonds in der Krise bei Anlegern beliebt. Im Niedrigzinsumfeld sind geringer Zinsen besser als nichts. Und die hohen Gebühren sind der Preis für Sicherheit.

2008, im Jahr der Lehman-Pleite, war die Kernschmelze an den Märkten auf ihrem Höhepunkt: Der MSCI-Index für die wichtigsten brach damals um über 40 Prozent ein. Hedgefonds dagegen büßten im Schnitt weniger als 20 Prozent ein. ap

2008, im Jahr der Lehman-Pleite, war die Kernschmelze an den Märkten auf ihrem Höhepunkt: Der MSCI-Index für die wichtigsten brach damals um über 40 Prozent ein. Hedgefonds dagegen büßten im Schnitt weniger als 20 Prozent ein.

London2,4 Billionen Dollar – auf so viel Geld sitzen Hedgefonds rund um den Globus derzeit. Das ist ein neuer Rekord und 30 Prozent mehr als vor der Finanzkrise 2007, wie das Analysehaus Hedge Fund Research ausgerechnet hat. Vor allem Pensionsfonds aus den USA und Europa klopfen reihenweise bei den mächtigen Investoren an, die wegen ihrer riskanten Anlagestrategie und üppiger Renditen lange Zeit gefürchtet und zugleich bewundert wurden. Doch das Blatt hat sich gewendet, das „Zocker“-Image verblasst. Heute sind die Motive andere: Viele Anleger, auch deutsche Versicherer und Pensionskassen, tragen ihre Gelder zu Hedgefonds, weil sie ihnen zutrauen, die Kursausschläge an den Märkten am besten zu beherrschen und die Verluste im Portfolio zu begrenzen. Verkehrte Welt – die Kunden zahlen extrem hohe Gebühren und bekommen dafür bestenfalls noch einen Mini-Gewinn. Aber im Niedrigzinsumfeld ist das für viele Anleger immer noch besser als gar nichts.

Am deutlichsten bringt die neue Denkweise der Anleger Experte Guy Sainfiet vom Beratungshaus Aon Hewitt auf den Punkt. Er berät viele Pensionsfonds bei ihren Anlagestrategien und weiß, wie sie ticken: „In Zeiten, in denen die Aktienmärkte boomen, fragt man sich als Vermögensverwalter natürlich schon: 'Wofür brauchen wir nochmal den Hedgefonds?'. Aber wenn dann die große Volatilität in den Märkten einsetzt, der große Ausverkauf, dann erinnern sich die Leute wieder: 'Ja genau, deshalb haben wir den Hedgefonds an der Hand.'“

Die dramatischen Wochen nach der Lehman-Pleite

15. September 2008

Der „schwarze Montag“ der Wall Street: Die Investmentbank Lehman Brothers, die wie andere Institute wegen des Engagements in zweitklassigen US-Immobilienkrediten Milliarden Dollar Abschreibungen verbucht, muss Insolvenz anmelden. Ihr Konkurrent Merrill Lynch wird von der Bank of America aufgekauft. Die Lehman-Pleite erschüttert das Vertrauen in der Finanzbranche, der Kreditmarkt friert praktisch ein. Die Börsen stürzen ab.

17. September

Die US-Notenbank rettet den Versicherungsriesen AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar.

19. September

Die US-Regierung kündigt ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für die Finanzbranche an.

21. September

Die beiden letzten unabhängigen US-Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley verzichten auf ihren Sonderstatus und werden zu gewöhnlichen Geschäftsbanken.

25. September

Die größte US-Sparkasse Washington Mutual bricht zusammen und wird von der Großbank JPMorgan Chase aufgefangen.

29. September

Für den deutschen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate wird ein 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket geschnürt.

30. September

Die irische Regierung beschließt eine etwa 400 Milliarden Euro schwere Garantie für alle Einlagen bei den sechs großen Banken des Landes, die als Folge der Finanzkrise an den Rand des Zusammenbruchs geraten. Die Verschuldung Irlands wie in anderen Euro-Ländern steigt enorm.

5. Oktober

Die Bundesregierung verkündet eine Komplettgarantie für private Einlagen. Das Rettungspaket für die Hypo Real Estate muss von 35 auf 50 Milliarden Euro aufgestockt werden. Später wird die HRE verstaatlicht, für ihre Rettung hat die Bank zeitweise Garantien von mehr als 100 Milliarden Euro erhalten.

7. Oktober

Islands Ministerpräsident Geir Haarde warnt vor einem „Staatsbankrott“ und übernimmt die Kontrolle über das Bankensystem.

8. Oktober

Sechs große Notenbanken senken gemeinsam die Leitzinsen. Die Panik an den Börsen können sie nur kurz eindämmen.

13. Oktober

Die Bundesregierung stellt ein Banken-Rettungspaket im Volumen von 500 Milliarden Euro vor. Frankreich präsentiert einen 360 Milliarden Euro schweren Hilfsplan. Viele EU-Länder schnüren ebenfalls Notpakete.

21. Oktober

Die Landesbank BayernLB will als erste Bank auf das Paket zugreifen. Sie braucht 6,4 Milliarden Euro frisches Kapital und wird später mit weiteren Milliarden gestützt.

3. November

Die Commerzbank - das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut - sowie die Landesbanken HSH Nordbank und WestLB greifen auf das staatliche Rettungspaket zu.

5. November

Die Bundesregierung beschließt ein rund 12 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket. Damit sollen Investitionen von 50 Milliarden Euro angestoßen und eine Million Jobs gesichert werden. Später folgt ein zweites Konjunkturpaket.

13. November

Deutschland ist offiziell in der Rezession: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte in zwei Quartalen in Folge. 2009 wird zum schwersten Krisenjahr für Deutschland und die Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands stürzt um 4,7 Prozent ab.

15. November

Ein Treffen der G20-Staaten in Washington macht einen ersten Vorstoß für eine Reform des Weltfinanzsystems. Gut zwei Jahre nach dem Fast-Zusammenbruch des System wird im November 2010 auf dem G20-Gipfel in Seoul schärfere Kontrolle der Banken auf den Weg gebracht. Geldinstitute rund um den Globus müssen in den nächsten Jahren Milliardenbeträge für eine bessere Risikovorsorge aufbringen. Die Reform des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird beschlossen, der eine Art Feuerwehr in Finanzkrisen bilden soll. Über weitergehende weltweite Finanzreformen hält der Streit an.

2008, im Jahr der Lehman-Pleite, war die Kernschmelze an den Märkten auf ihrem Höhepunkt: Der MSCI-Index für die wichtigsten Börsenunternehmen der Welt brach damals um über 40 Prozent ein. Hedgefonds dagegen büßten im Schnitt weniger als 20 Prozent ein. In Krisenzeiten kann das durchaus ein Verkaufsargument sein. Vielleicht nicht unbedingt für reiche Privatleute, die ihre Millionen stetig vermehren wollen. Viele von ihnen kehrten den Hedgefonds schon vor längerer Zeit enttäuscht den Rücken. Aber Profi-Anlegern wie eben Pensionsfonds reichen mitunter schon kleine Brötchen - gepaart mit der Hoffnung, dass es irgendwann auch wieder mehr werden kann, wenn sich die Unruhe an den Märkten legt.

Kommentare (5)

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Cassandra

20.09.2013, 21:25 Uhr

Das herangezüchtete goldene Kalb mit Namen Appel wird zum ausgewachsenen Behemoth werden und verschlingt die Heuschrecken in Scharen!

Account gelöscht!

20.09.2013, 21:49 Uhr

"Vor der Krise warben Hedgefonds offensiv damit, dass sie mehr Risiko wagen - etwa mit Wetten auf den US-Häusermarkt oder gegen bestimmte Währungen -, ihre Produkte dank der aktiven Steuerung am Ende aber auch besser als der Markt oder Vergleichsindizes abschneiden, also ein „Alpha“ für die Kunden generieren."

Ich finde Wetten für oder gegen Etwas gehören nicht auf den Finanzmarkt. Sie gehören in die Rubrik: Illegales Wettspiel. Aber die unermüdlich nach Macht strebenen Politiker unternezhmen nichts dagegen.

Frage: Wäre Griechenland in der heutigen Situation hätte es nicht dank des Euros unbegrenzt Kredit gekriegt? Niemand hätte auf oder gegen die Drachme gewettet, weil Griechenland einfach zu unbedeutend war. Und eben durch den Euro und das kleine Griechenland hat sich die gesamte Eurozone erpressbar gemacht.

Lasst Banken und Hegdefonds crashen... es wird nichts vernichtet, außer ein paar Kredite und überzogene Zinsforderungen, die mit ein paar Tastenclicks erzeugt wurden. Alle wirklichen Werte, wie Produktionsanlagen und die dazu gehörigen Arbeiter sind noch da. Auch die Immobilien und Infrastrukturen bestehen weiter.

Warum lassen wir uns ohne Ende von irgend welche dubiosen "Finanzmärkten" erpressen?

r-tiroch@t-online.de

21.09.2013, 09:20 Uhr

was man nicht alles so kaufen soll.

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