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22.04.2015

06:39 Uhr

Flash-Crash und Hochfrequenzhandel

Der Mann, der den Dow Jones ins Wanken brachte

VonAstrid Dörner

Blitzabsturz der US-Märkte: In Minuten brach der Dow Jones 2010 um über 600 Punkte ein. Ein britischer Händler soll dafür mit verantwortlich sein: Navinder S. ist nun in Haft. Seine Rolle in dem Fall ist aber nebulös.

In diesem Haus war der Handel von Navinder S. registiert. Reuters

Festgenommen in Hounslow/England

In diesem Haus war der Handel von Navinder S. registiert.

New YorkEr handelte allein. Aus seinem Haus im Londoner Vorort Hounslow heraus kaufte und verkaufte der britische Händler Navinder S. über Jahre hinweg Terminkontrakte auf den breit gefassten Aktienindex S&P 500. An guten Tagen soll er mehr als 800.000 Dollar Gewinn gemacht haben. Doch der 37-Jährige war kein gewöhnlicher Händler, zumindest nicht in den Augen des US-Justizministeriums.

S. wurde am Dienstag in Großbritannien festgenommen. Die US-Behörde hat eine strafrechtliche Klage gegen ihn eingereicht, weil er Märkte im großen Stil manipuliert haben soll. So auch am 6. Mai, als der US-Leitindex Dow Jones binnen fünf Minuten um mehr als 600 Punkte einbrach. Bei dem sogenannten Flash Crash soll S. eine wesentliche Rolle gespielt haben, heißt es beim Justizministerium und der Derivateaufsicht CFTC, die ebenfalls eine Klage gegen ihn eingereicht hat.

S. habe „eine Reihe von außergewöhnlich umfassenden, aggressiven und hartnäckigen Täuschungstaktiken angewendet“, um die Preise für die Terminkontrakte zu manipulieren, heißt es in der Klageschrift der CFTC, die seine Handelsstrategien detailliert nachvollzogen haben will.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

„Spoofing“ heißt die illegale Strategie, bei der ein Händler zum Beispiel eine große Kauforder abgibt und anderen damit signalisiert, dass der Preis steigen könnte. Der Händler zieht dann jedoch die Order schnell wieder zurück und verkauft Papiere zu einem leicht höheren Preis.

S., der auf eine Mischung aus Hochfrequenzhandel und manuellen Entscheidungen gesetzt haben soll, hat diese Taktik offenbar noch weiter ausgereizt. Er habe einen Algorithmus eingesetzt, der mit großen Verkaufsordern die Preise systematisch immer weiter nach unten getrieben haben soll.

Tatsächlich verkaufen wollte er die zehntausende Kontrakte jedoch nicht, die unter dem Stichwort E-minis an der Optionsbörse CME in Chicago gehandelt werden. Der CME zufolge wurden 99 Prozent der Order wieder gelöscht, bevor sie ausgeführt wurden.

S. habe so regelrecht mit den Märkten spielen können. Wenn er den Algorithmus laufen ließ, dann seien die Preise gefallen. Schaltete er ihn aus, hätten sie sich wieder erholt und der Händler konnte seine Geschäfte entsprechend anpassen.

Es war ein lukratives Geschäft. Mehr als 40 Millionen Dollar Gewinn habe er seit April 2010 gemacht und dabei riesige Summen an fiktiven Werten jongliert. Im Schnitt hätten seine Geschäfte ein theoretisches Volumen von 7,8 Milliarden Dollar pro Tag erreicht, wenn alle Order durchgegangen wären. An manchen Tagen machten „die Verkaufsorder des Beschuldigten bis zu 40 Prozent aller aktiven Verkaufsorder aus“, so die Derivateaufsicht.

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

22.04.2015, 08:15 Uhr

Man sollte deshalb den Beruf des Börsenhändler nicht grundsätzlich verteufeln. Es soll auch Händler geben, die ihr Geld auf ehrliche Art und Weise verdienen. Und es ist genau so ein ehrenwerter und hochqualifizierter Beruf mit einer fundierten jahrelangen Ausbildung wie Herzchirurg, Ingenieur oder Pilot - nur eben mit deutlich besseren Verdienst. Aber man(n) muss ja auch seine Altersvorsorge schon mit Mitte 40 abgeschlossen haben.

(...)
Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr peter Spirat

22.04.2015, 08:22 Uhr

Wo gehobelt wird, fallen Späne und überall gibt es Menschen, die sich "bereichern".

Es fängt mit dem H4 an, der gerne seine Unterstützung nimmt (auf Kosten der normal arbeitenden Bürger) und dennoch jobbt, ohne sich das anrechnen zu lassen. Und es geht weiter über alle Stufen der Gesellschaft bis hoch zu den Politikern, die sich vom Bundestagsserver die Pornos herunter laden.

Trotzdem sind fast alle Bürger ehrlich und zwar extrem mehr, als Mainstream es darstellt.

Herr Josef Schmidt

22.04.2015, 08:48 Uhr

Börsenhändler oder Banker, ein ehrenwerter und hochqualifizierter Beruf ? Soll ein schlechter Scherz sein ?

Ein Chirurg, Pilot oder Ingenieur erfüllt eine Aufgabe innerhalb der Gesellschaft. Welche Aufgabe hat ein Börsenhändler oder Banker ? Seine eigene Tasche auf Kosten anderer zu füllen ?

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