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16.08.2012

17:05 Uhr

Fondsexperten im Streitgespräch

„Wir erleben erschütternde Ahnungslosigkeit“

VonOliver Stock

Anleger sind in vielen Fällen naiv, wenn es um das eigene Geld geht. Darüber und über die Sicherheit von Fonds streiten der Anwalt Klaus Nieding und Fondsverband-Chef Thomas Richter.

Anleger-Anwalt Klaus Nieding: "Viele verlassen sich auf den Bankberater" Bert Bostelmann / Bildfolio für Handelsblatt

Anleger-Anwalt Klaus Nieding: "Viele verlassen sich auf den Bankberater"

Handelsblatt: Herr Richter, wenn wir in die Statistik gucken, gibt es da etwas, was Sie als Geschäftsführer des Fondverbands mal erklären müssen. Da steht:  Nur jeder fünfte Fonds schlägt seinen Vergleichsindex. Das ist keine überzeugende Bilanz.
Thomas Richter: Ach wissen Sie, diese Untersuchungen werden ständig zitiert, aber hat sie sich mal jemand genau angeschaut? Ich kenne sie jedenfalls nicht, allerdings kenne ich eine aktuelle Untersuchung des Analysehauses Lipper, die deutliche positiver für die Fondsbranche ausgefallen ist.

Klaus Nieding: Die zitierte Zahl stammt aus einer Untersuchung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und des Instituts für Vermögensaufbau aus dem Jahr 2011. Sie werden aber wahrscheinlich auch eine Statistik finden, die für Sie und Ihre Branche spricht. Das erinnert mich an einen alten Otto-Witz: Rauchen gefährdet doch nicht die Gesundheit, gezeichnet Doktor Marlboro.  Ich denke, diese Zahlen können wir schon so in den Raum stellen, das sind verlässliche Zahlen. Man kann es ja auch positiv ausdrücken. Immerhin ein Fünftel schaffte es, den Index zu schlagen.

Richter: Nein, nein, es sind sehr viele mehr…. Es ist ja auch nicht immer das gleiche Fünftel.

Klaus Nieding, Oliver Stock und Thomas Richter (von links) beim vwd group Funds Talk in Frankfurt. Bert Bostelmann / Bildfolio für Handelsblatt

Klaus Nieding, Oliver Stock und Thomas Richter (von links) beim vwd group Funds Talk in Frankfurt.

Beruhigt mich nicht so sehr. Aber mal unabhängig von den Statistiken – und welche denn nun stimmt, wird es für die Fondsbranche  schwieriger im aktuellen Umfeld Geld anzulegen?

Richter: Ja, viel schwieriger. Das Hauptproblem ist der große Vertrauensverlust der Privatanleger in die Märkte und damit in alle Produkte, die mit dem Finanzmarkt zu tun haben. Das spüren aber im Moment nicht nur wir als Fondsbranche, das spüren auch die Anbieter anderer Produkte. Das geht querbeet, ob es nun die Kollegen der Zertifikatebranche sind oder Versicherungen – wir kämpfen alle mit dem gleichen Vertrauensverlust in die Märkte. Und wir leiden natürlich alle unter den niedrigen Zinsen. Das sind massive Belastungen für das Privatkundengeschäft. Auf der anderen Seite erleben wir im institutionellen Geschäft einen wahren Boom. Im ersten Halbjahr haben institutionelle Anleger, wie Versicherungen und Pensionskassen, 30 Milliarden Euro in Spezialfonds investiert. Der Bedarf an insolvenzgeschützten Produkten, die treuhänderisch verwaltet werden, ist riesengroß.

Fonds-Gebühren im Überblick

Ausgabeaufschlag

Der Ausgabeaufschlag fällt beim Kauf an. Je nach Anlagestrategie des Investmentfonds kann er relativ gering sein, bei Geldmarktfonds liegt der Satz etwa häufig bei rund ein Prozent. Er kann aber auch deutlich höher sein wie bei Aktienfonds, wo fünf Prozent keine Seltenheit sind. Dies bedeutet, dass bei einer monatlichen Sparrate von 50 Euro beim Geldmarktfonds für 49,50 Euro Anteile erworben werden, beim Aktienfonds hingegen nur für 47,61 Euro.

Fondskäufer können den Ausgabeaufschlag aber reduzieren. Direktbanken oder Fondssupermärkte im Internet bieten niedrigere Sätze an oder verzichten sogar ganz auf diese Gebühr. Zu den bekanntesten Fondssupermärkten zählen beispielsweise fondssupermarkt.net, avl-investmentfonds.de und infos.com. Gute Kunden dürfen außerdem auf Sonderkonditionen bei der Hausbank hoffen.

Je länger der Anleger investiert bleibt, desto weniger stark wirkt die Kaufgebühr. Wer monatlich 100 Euro in einen Sparplan mit 5 Prozent Ausgabeaufschlag einzahlt und durchschnittlich fünf Prozent Jahresrendite erzielt, steht nach drei Jahren bei 3.690 Euro. Ohne Kaufgebühren wären es 3.885 Euro. Wer zehn Jahre investiert bleibt, kommt mit dem Ausgabeaufschlag auf ein Guthaben von 14.725 Euro, ohne Gebühr wären es 15.500 Euro. 

Verwaltungsgebühr

Die Verwaltungsgebühr liegt im Regelfall zwischen null und zwei Prozent. Oft ist dieser Satz etwas höher, wenn der Ausgabeaufschlag gering ist und umgekehrt. Die Verwaltungsgebühr wird - einmal im Jahr oder auch monatlich - aus dem Fonds bezahlt. Wenn die Gebühr zum Beispiel 1,2 Prozent ist und der Fondswert 10.000 Euro, beträgt die Gebühr 120 Euro im Jahr und das neue Fondsvermögen noch 9.880 Euro. 

Depotbankgebühr

Die Investmentgesellschaft hinterlegt das Fondsvermögen bei einer sogenannten Depotbank. Für das Führen dieses Depots wird eine Gebühr erhoben, die im Regelfall aus dem Fondsvermögen bezahlt wird. Diese Gebühr kann bei großen Fonds bis zu 0,3 Prozent des Fondsvolumens per anno ausmachen.

Zusätzlich ist die Depotbank berechtigt, eine Transaktionsgebühr von bis zu 100 Euro je Transaktion, die nicht über die Depotbank getätigt wird, zu erheben. Auch eine zusätzliche Verwahrgebühr von bis zu 0,1 Prozent pro Jahr ist rechtens. Neben den genannten Vergütungen verlangen einige Gesellschaften eine weitere tägliche Vergütung in Höhe von bis zu 0,75 Prozent pro Jahr. 

Performance Fee

Die Performance Fee ist eine erfolgsabhängige Gebühr. Wenn ein aktiv gemanagter Fonds eine bessere Wertentwicklung aufweist als ein vorher festgelegter Vergleichsindex, wie zum Beispiel der DAX, wird die Performance Fee gezahlt. Wenn eine Performance Fee von 20 Prozent vorgesehen ist, bedeutet das zum Beispiel: Ein Kunde hat ein Fondsvermögen in Höhe von 20.000 Euro. Der Fonds hat in diesem Jahr sechs Prozent Plus gemacht, der Vergleichsindex nur vier Prozent. Das Mehr an Rendite von zwei Prozent sind 400 Euro. Davon bekommt die Gesellschaft 20 Prozent, also 80 Euro. 

Performance Fees sind an ganz unterschiedliche Bedingungen geknüpft. Die Investmentgesellschaft profitiert von einem besseren Abschneiden im Vergleich zum Vergleichsindex, muss sich aber nicht zwangsweise auch an Verlusten beteiligen, falls der Index besser war.

Es ist auch möglich, dass Anleger Performance Fee`s zahlen müssen, obwohl der Fonds Verluste gemacht hat. Wenn der Vergleichsindex zehn Prozent Minus gemacht hat, der Fonds aber nur sechs Prozent Minus, war er besser als der Vergleichsindex. Dann lässt die

Investmentgesellschaft es sich vergüten, dass der Fond zwar Verluste gemacht hat, aber eben nicht so viel wie andere. 

Transaktionskosten

Transaktionskosten entstehen, wenn im Fonds eine Umschichtung der Wertpapiere stattfindet, also beispielsweise Aktien verkauft und andere dafür gekauft werden. Bei einer solchen Umschichtung entstehen Transaktionskosten, die von den Anlegern bezahlt werden. Je öfter umgeschichtet wird, desto mehr Gebühren müssen gezahlt werden und desto geringer ist die Rendite.

Wegen mangelnder Transparenz bleibt die Höhe der Transaktionskosten in der Regel im Dunkeln. Eine Ausweisung der relevanten Daten im Fondsprospekt geschieht laut Studie der Verbraucherzentrale NRW kaum oder nur unzureichend. 

Sonstige Gebühren

Der Fantasie sind bei den sonstigen Kosten keine Grenzen gesetzt. Rechtliche Vorgaben gibt es so gut wie nicht. So kann es passieren, dass Anleger nicht nur den Ausgabeaufschlag beim Kauf bezahlen, sondern auch einen Rücknahmeabschlag bei der Rückgabe der Anteilsscheine. Und wenn ein Fonds Geld einnimmt, weil er Wertpapiere verleiht, dann kassiert die Gesellschaft dafür oft auch eine Gebühr. Hier empfiehlt sich eine genaue Prüfung der Fondsunterlagen und des amtlichen Verkaufsprospekts um herauszufinden, welche sonstigen Kosten anfallen können.

Eine Hilfe beim Vergleich von Fonds anhand der anfallenden Kosten ist die Total Expense Ratio (TER). Die TER ist eine Gesamtkostenquote, die für Transparenz sorgen soll. Das gelingt allerdings nur zum Teil. Grund ist, dass in der TER nicht alle Kosten enthalten sind. So sind weder die Ausgabeaufschläge enthalten, noch die erfolgsabhängigen Gebühren (Performance Fee`s). Die Aussagekraft der TER ist daher begrenzt. Laut Morningstar liegt sie bei Aktienfonds bei gut zwei Prozent.

Sind Sie auch Anwalt der institutionellen Anleger, Herr Nieding?

Nieding: Ja, sicher. Schauen Sie sich die Klagen gegen Porsche an oder jetzt den Libor-Skandal. Da gibt es viele institutionelle Anleger, die sagen, bevor ich von Privatanlegern in die Haftung genommen werde, will ich diejenigen zur Verantwortung ziehen, die letztlich für den Skandal verantwortlich sind.

Wie erklären Sie sich den Zuwachs bei institutionellen Anlegern, die in Fonds investieren, den Herr Richter gerade beschrieben hat?

Nieding: Es fehlen die Alternativen. Die Investmentfonds sind bei aller Kritik ja eine relativ sichere Anlageform. Sie streuen das Risiko, das Geld ist Sondervermögen, also im Falle einer Pleite der Fondsgesellschaft geschützt, Fonds stehen unter Aufsicht – all das sind Dinge, die natürlich auch den institutionellen Anleger anzieht. Denn auch er ist seinen Investoren Rechenschaft schuldig, was er gerade in unsicheren Zeiten mit dem Geld macht. Das größte Problem der Fondsbranche ist auch nicht, ob nun 20 Prozent oder mehr den Index schlagen, sondern dass die Politik nicht mehr berechenbar ist.

Kommentare (19)

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Account gelöscht!

16.08.2012, 17:19 Uhr

Liegt vielleicht daran dass man das nicht mehr Anlagen, Börse etc. nennen kann, da fast jeder Wert hin und her manipuliert wird und dieser ganze Wahnsinn mit Sachwerten nichts mehr zu tun hat. Casino würde es eher treffen und wer richtig zuschaut und die Karten zählt, spielt gut mit. Mit seriösem Expertentum und Anlagen hat das Ganze nichts mehr zu tun.

easyway

16.08.2012, 17:23 Uhr

Versuche mit Affen haben immer wieder gezeigt, daß sie jeden Zocker schlagen. Also was genau muß man über Fonds wissen?

Wer mit Geld spielt ohne zu arbeiten, nennt sich Anleger quasi als Titel. Anlegermagazine erzeugen Phantasien, oh, Soros kauft Gold, ohne zu haften. Sie leben sehr gut davon, und ein vernünftiger Mensch würde die warme Luft hinterfragen. Aber der Titel, Finanzmarktexperte, Kapitalanleger, Trader, klingt zwar billig und aufgesetzt, aber man ist sehr beeindruckt von sich selber.



easyway

16.08.2012, 17:59 Uhr

Nur weil ein Fond in der Vergangenheit überdurchschnittlich abgeschlossen hat, läßt sich daraus nicht ableiten, daß er es in der Zukunft auch tun wird.

Schlecker hatte auch einen große Vergangenheit und von heute auf morgen war die Zukunft düster.

Wirtschaft hat mit Wissenschaft rein gar nichts zu tun. Prognosen sind treu und glauben und schließlich haben die Finanzmarktexperten den Bankenkollaps und die Schuldenexplosion verpennt. Vielmehr sind sie auf Grund ihrer hoffnungsvollen Phantasien direkt hinein gestolpert.

Man redet immer nur über eine Handvoll Gewinner, Soros, Buffet, nie über die Masse der Verlierer.
Rankings sind Blödsinn, da nehmen 5000 Läufer teil und drei kommen aufs Treppchen, weil sie 5+% im Jahr gemacht haben. Für die anderen wäre das Sparbuch ergiebiger gewesen.


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