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01.02.2016

15:27 Uhr

Fondsmanager Christoph Bruns

„Mario Draghi steht bereit“

VonJessica Schwarzer

Der schwache Jahresstart hat Christoph Bruns überrascht. Doch der Fondsmanager ist überzeugt, dass die Notenbanken einspringen. Dass China in den kommenden Wochen eine entscheidende Rolle spielen wird, erwartet er nicht.

Der Jahresauftakt ist misslungen, aber der Loys-Fondsmanager schreibt das Jahr noch nicht ab. Bert Bostelmann/Bildfolio

Fondsmanager Christoph Bruns

Der Jahresauftakt ist misslungen, aber der Loys-Fondsmanager schreibt das Jahr noch nicht ab.

Es ist eiskalt an diesem Morgen. Ungefähr so frostig ist auch die Stimmung an den Märkten. Wir treffen uns im Café Bulle & Bär, direkt neben der Frankfurter Börse - mit freiem Blick auf die beiden Bronzestatuen. Wie so oft seit Jahresbeginn hat an diesem Morgen der Bär die Nase vorn. Doch Christoph Bruns bleibt "bullish" - schon bald wird die Stimmung wieder besser werden, ist der Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys überzeugt. Weniger optimistisch ist er, wenn es um die deutsche Aktienkultur geht.

Der Jahresauftakt ist gründlich schief gegangen. War es das mit der jahrelangen Rally?
Die Rally ist vom Tag eins an maßgeblich zinsbefeuert. Wenn man nun meint, dass es auf der Zinsseite keine Unterstützung mehr gibt, dann war es das. Aber das ist ja überhaupt nicht der Fall, sondern die Zinsseite sieht blendend aus – zumindest für die Aktienanleger. Es gibt eben keinen Zins mehr und der kommt auch nicht wieder. In Europa allemal nicht und die USA muss man beobachten. Da wird der Versuch unternommen, in eine alte, traditionelle Normalität zurückzukehren. Allgemein wird das für ausgeschlossen gehalten.

Die US-Notenbank geht auch eher Tippelschritte, oder?
So ist es. Bis zu einer Normalität, wie wir sie von früher kennen, ist es lange hin. Heißt also: Nein, das war es nicht mit der Rally, im Gegenteil. An der Situation hat sich gar nichts geändert. Zinsen gibt es nicht mehr. Aber die Notwendigkeit, Renditen zu erzielen – für die Lebensversicherer, für die Pensionskassen, für die Stiftungen – , die ist nicht entfallen. Und die tägliche Frage lautet: Wo soll die Rendite herkommen? An der Aktie kommt man nicht vorbei. Aber die Wahrheit ist auch: Man muss mitunter kräftige Schwankungen ertragen – der Jahresauftakt ist ja einigermaßen verunglückt.

Haben Sie damit gerechnet?
Nein, damit haben wir überhaupt nicht gerechnet, aber es auch nicht für ausgeschlossen gehalten. Macht aber alles nichts, im Laufe des Jahres wird sich eine freundliche Tendenz durchsetzen. Aber jetzt müssen wir erstmal da durch.

Fünf Fragen an Mario Draghi

1. Wie stark wirkt sich Öl auf die Inflation aus?

Der Einbruch bei Öl hat den Preis des Rohstoffes unter die jüngsten Prognosen der EZB gedrückt. Ein Barrel Brent- Rohölnotiert nun bei Hälfte dessen, was im Dezember erwartet wurde, so dass die Prognose der Notenbank, dass die Inflation in diesem Jahr bei durchschnittlich 1 Prozent liegen würde, veraltet ist.

Tatsächlich rechnen einige Banken im Euroraum mit Preisrückgängen in den nächsten Monaten, und Barclays sieht die durchschnittliche Teuerung 2016 bei lediglich 0,1 Prozent. Noch besorgniserregender ist für die EZB, dass die Inflationserwartungen in jüngster Zeit der Bewegung bei Öl gefolgt sind -- ein Zeichen, dass die Märkte anfangen, die Fähigkeit der Notenbank zu bezweifeln, die Preissteigerungen wieder in Einklang mit ihrem Mandat zu bringen.

2. Was bedeutet das für die EZB-Politik?

Eine schwächere Inflation, ein steigender Euro und die Aussichten auf ein schwächeres globales Wachstum erhöhen den Druck auf Draghi, erneut die Geldpolitik zu lockern. In einer Bloomberg-Umfrage prognostizierten die meisten Analysten, dass weitere Maßnahmen im März kommen werden - wenn die EZB aktualisierte Prognosen veröffentlichen wird - oder im Juni. Diese Stimuli könnten in Form einer weiteren Senkung des Einlagensatzes oder einer Ausweitung der monatlichen Anleihe-Käufe erfolgen.

Bei der ersten geldpolitischen Entscheidung der EZB in diesem Jahr hielt Mario Draghi an ihrem Kurs des extrem billigen Geldes fest. Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Strafzins für Geld, das Banken über Nacht bei der Notenbank parken, beträgt weiterhin 0,3 Prozent.

3. Kann Draghi eine Mehrheit für mehr Aktionen zustande bringen?

Die Zusammenfassung der geldpolitischen Sitzung des EZB- Rates vom 3. Dezember zeigte zunehmend unterschiedliche Meinungen der Währungshüter über den geldpolitischen Kurs der EZB. Einige Gouverneure waren gegen sämtliche neue Stimuli, andere wollten ein noch aggressiveres Vorgehen, während andere insgesamt dazu tendierten, eher einen negativen Einlagensatz als weitere Aktivakäufe zu unterstützen.

Das könnte für Draghi eine Herausforderung sein, wenn weitere Stimuli nötig werden. In ihren Debatten werden die Notenbanker die Kerninflation - die um volatile Posten wie Energie und Lebensmittel bereinigt ist - stärker und genauer ansehen, um zu beurteilen, ob der Ölpreisrutsch sich in der breiteren Wirtschaft niederschlägt.

4. Wie abhängig ist die EZB vom Rest der Welt?

Der Internationale Währungsfonds hat angesichts der schwächeren Schwellenländer seine Prognose für das weltweite Wachstum 2016 von 3,6 Prozent auf 3,4 Prozent reduziert. Eine erheblich Abschwächung in China, das 2015 das niedrigste Wachstum seit 25 Jahren verzeichnete, ist eines der Hauptrisiken für die Exporteure im Euroraum.

Gleichzeitig erweist sich der kräftige Rückgang beim Ölpreis als Segen für die Verbraucher der Region, und da Öl keinerlei Anzeichen für eine bedeutende Rally zeigt, dürfte die Binnennachfrage weiterhin das Wachstum anschieben.

5. Wie sieht es mit der Bankenunion aus?

Während die Banken weiter langsam die Kredite ausweiten, um die konjunkturelle Erholung in Europa zu stützen, haben Bankaktien sich schwächer als andere Aktien entwickelt - ein Anzeichen, dass die Branche anfällig bleibt.

Die EZB, die 2014 die Bankenaufsicht in der Euro-Zone übernahm, hat auf ein Einlagensicherungskonzept für den Euroraum gedrängt, aber die Politik hat bisher wenig Bereitschaft gezeigt, neue Reformen durchzusetzen. Auch haben verschiedene Länder versucht, die Tragweite der jüngst verabschiedeten Vorschriften zu Bail-In und Abwicklung zu begrenzen. Draghi dürfte seine Forderung nach einer Stärkung des institutionellen Rahmens für die Gemeinschaftswährung wiederholen - etwas, das er in den vergangenen Monaten wiederholt gefordert hat, bisher mit wenig Erfolg.

EZB-Präsident Mario Draghi hat bereits Beruhigungspillen verteilt. Erwarten Sie mehr von ihm?
Mario Draghi steht bereit, weitere Maßnahmen zur Senkung des Zinsniveaus und des Euro herbeizuführen. Ganz unmissverständlich hat er abermals betont, er werde alles tun, was in seiner Macht stehe, um die von ihm gefühlte Deflation zu bekämpfen.

Zuletzt hat der Ölpreis für einige Turbulenzen an den Märkten gesorgt. Geht der Preisverfall weiter?
Wenngleich ich mir ein Timing des unteren Wendepunktes beim Ölpreis nicht zutraue, bin ich mir sicher, dass Erdöl nicht zehn Jahre lang bei 25 US-Dollar notieren wird. Der Angebotsüberhang ist obendrein nicht so groß, wie man angesichts des Preisverfalls meinen möchte. Eine Welt ohne Öl ist in den nächsten Jahrzehnten noch nicht vorstellbar. Angesichts der deutlich verfallenen Kurse im Öl- und Ölzuliefererbereich erwachsen diesem Sektor interessante Anlagemöglichkeiten mit Sicht auf die kommenden drei bis fünf Jahre. Falls es beim Öl noch eine längere Weile nach unten geht, entsteht hier womöglich die Anlagechance des Jahrhunderts.

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