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07.06.2013

10:54 Uhr

Fondsmanager im Interview

„Der Entzug tut weh“

VonJörg Hackhausen

Das billige Geld der Notenbanken hat die Börsen auf Rekordjagd geschickt. Fondsmanager John Bennett erklärt, warum die Kurse viel zu schnell gestiegen sind – und er trotzdem weiter Aktien kauft.

"Der Markt hat sich an das leichte Geld gewöhnt", sagt John Bennett, Fondsmanager bei Henderson. PR

"Der Markt hat sich an das leichte Geld gewöhnt", sagt John Bennett, Fondsmanager bei Henderson.

Weltweit markieren die Börsen neue Allzeithochs. Liegt das daran, dass sich die Wirtschaft erholt, oder doch eher daran, dass die Zentralbanken fast unbegrenzt Geld bereitstellen?
An beidem. Aber derzeit spiegeln die Börsen vor allem das aktuelle, liquiditätsgetriebene Umfeld wider. Anlegern auf der Suche nach Rendite hat der Geldmarkt derzeit praktisch nichts zu bieten, und auch Anleihen werfen kaum etwas ab. Da ist es nur zu verständlich, wenn sich Anleger dem Aktienmarkt zuwenden, der immer noch mit vernünftigen Renditen lockt.

Unlängst hat Ben Bernanke erstmals angedeutet, dass die Fed beim Gelddrucken einen Gang zurückschalten könnte. Wann kommt die Zinswende?
Ich glaube nicht, dass die Fed noch in diesem Jahr den Hahn komplett zudrehen wird. Denn Äußerungen aus der Notenbank lassen darauf schließen, dass sie eher eine höhere Teuerungsrate in Kauf nehmen wird, als ihre lockere Geldpolitik zu früh zu beenden und damit möglicherweise Gefahr zu laufen, der Erholung das Wasser abzugraben. Aus dem Protokoll der letzten Fragestunde mit dem Fed-Chef Bernanke geht deutlich hervor, dass der Zeitpunkt für ein Zurückfahren der Anleihekäufe vor allem davon abhängt, ob die Wirtschaft auf Erholungskurs bleibt.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Was würde der Entzug für die Aktienmärkte bedeuten?
Die Reaktion im Mai hat gezeigt, dass ein Drosseln der quantitativen Lockerung wohl kaum auf Begeisterung stoßen wird. Der Markt hat sich an das leichte Geld gewöhnt, und wie bei einem Süchtigen tut der Entzug weh – obwohl es dem Patienten langfristig gesehen ohne seinen Stoff zweifellos besser geht.

Kann es sein, dass sich die Börsen von der Realität abgekoppelt haben?
Wir sind überzeugt, dass die Gewinnmargen der Unternehmen derzeit hoch sind und ziemlich sicher fallen werden. Unser Portfolio versuchen wir zu schützen, indem wir sicherstellen, dass wir keinen zu hohen Preis für unsere Anlagen zahlen. Beim Blick auf die Liste unserer Bestände sind die durchweg vernünftigen Kennzahlen der Firmen, in die wir investiert haben, wirklich beruhigend.

Lange Zeit gehörten sie zu den Pessimisten, heute empfehlen Sie, Aktien zu kaufen. Ist es dafür nicht ein bisschen zu spät?
Seit letztem Sommer bin ich sehr optimistisch, was europäische Aktien anbelangt. Und zweifellos war das ein besonders günstiger Zeitpunkt für einen Einstieg. Seitdem haben wir zwar eine Rally an den europäischen Aktienmärkten gesehen. Trotzdem sind die Bewertungen aktuell nicht übertrieben hoch. Was mich jedoch umtreibt, ist die Sorge, dass Anleger bei ihrer Auswahl nicht mehr ganz so genau hinschauen.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

07.06.2013, 14:33 Uhr

Der Mann und sein Fond (FGV2) spielen in einer Liga mit Floßbach (a0m430). Ungefähr gleiche Performance, tlw. leicht offensiver und damit temporär einen Tick besser.

Dafür gab es einen Hänger vor geraumer Zeit, der gekostet hat. Beides gute Fonds aber eben nicht richtig top.

Es bereitet mir regelmäßig enormen Spaß, diese Dickschiffe noch etwas auszubeschleunigen.

Letztes Jahr reichte dazu eine simple Methode: volles Risiko auf Nachranganleihen - fast Null Liquidität - dafür +52% Performance.

Aktuell mache ich den Schwarzen Schwan mit Optionen - bei rund 90%iger Liquidität. Macht bisher fast genauso viel Spaß wie 2012.

Gruß an den Kollegen, Schotten nehmen es immer sportlich.

flieger369

07.06.2013, 14:46 Uhr

Dieses billige Geld ist ein Verbrechen an den Bürgern. Sie bekommen ihre Renten entwertet, der Sparzins finde eigentlich nicht mehr statt. Diese billige Geld hat nur denen geholfen die nichts anderes machen, als mit diesem Geld zu spekulieren. Die Politik ist im Bilde aber sie lässt alles geschehen. Die Spekulanten sind reicher geworden, der Bürger hat es finanziert. Hut ab vor socher Politik! Es wird immer deutlicher, wer wirklich regiert.Unsere Stimmen sind so wertlos, wie unsere Politiker.

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