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06.05.2014

06:30 Uhr

Frank Lingohr im Interview

„Investoren müssen Schmerzen aushalten“

VonJessica Schwarzer

Die Märkte nähern sich ihren Höchstständen. Fondsmanager Frank Lingohr erklärt, warum Rücksetzer von 15 Prozent normal sind, welche Aktien einen Blick wert sind und warum der Dax dieses Jahr die 10.000 Punkte knackt.

Frank Lingohr gründete die gleichnamige Vermögensverwaltung bei Düsseldorf. Er gilt als „Zahlenfresser“, als Spezialist für Kennzahlenanalyse.

Frank Lingohr gründete die gleichnamige Vermögensverwaltung bei Düsseldorf. Er gilt als „Zahlenfresser“, als Spezialist für Kennzahlenanalyse.

Eine alte Börsenweisheit besagt, Sell in May and go away. Ist es Zeit, der Börse den Rücken zu kehren?
Ich halte nicht viel von saisonalen Kauf- oder Verkaufsregeln. Oder um Marc Twain zu bemühen: Es gibt zwölf Monate, in denen man am besten kauft. Oder verkauft.

Dieses Jahr könnte es sich angesichts der Ukraine-Krise aber lohnen, Gewinne mitzunehmen…
Eine Korrektur ist überfällig, eine Vorstufe haben wir auch schon erlebt. Faszinierend ist, wie robust die europäischen Aktienmärkte sind, wie gut sie die Krise in der Ukraine wegstecken. Diese relative Stärke hat uns bisher vor einem stärkeren Rücksetzer bewahrt.

Den Sie aber erwarten?
Wir befinden uns in einem langfristigen Bullenmarkt, aber eine Korrektur von zehn bis 15 Prozent ist immer möglich. Am besten schützen sich Anleger übrigens davor, indem sie breit streuen. Also: Nicht alle Eier in einen Korb legen.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Fällt die Marke von 9000 Punkten?
Dass wir diese Marke durchbrechen, glaube ich nicht. Dazu hätte es doch in den vergangenen Monaten genügend Gelegenheiten gegeben. Wenn sich allerdings die Krise in der Ukraine und die politischen Unstimmigkeiten mit Russland stark zuspitzen würden, dann ist natürlich alles möglich.

Und wenn das nicht passt, wie sieht es mit der 10.000er Marke aus? Sehen wir die?
Das ist nur eine Zahl, ohne wirkliche Bedeutung. Wir werden sie dieses Jahr sicher noch sehen. Grundsätzlich sind runde Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen.

Kommentare (8)

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06.05.2014, 08:46 Uhr

Sein Fonds hat gerade mal 10% zugelegt,brutto wohlgemerkt,netto-nach Abzug aller Kosten, waren es nur 5 %! Mit einem DAX-Indexzertifikat hätte er locker 25% gemacht,mit einem MDAX Zertie noch mehr.Warum soll ich mein Geld einem Fondsmanager anvertrauen,der nachweislich nichts drauf hat,bloß weil er in der Zeitung steht? Lächerlich!

Account gelöscht!

06.05.2014, 09:03 Uhr

Nichts für ungut, aber das folgendes eine Sprechblase, keine Aussage:
"..., wie gut sie die Krise in der Ukraine wegstecken. Diese relative Stärke hat uns bisher vor einem stärkeren Rücksetzer bewahrt."

Übersetzung:
"Dass die Märkte nicht zurücksetzen hat uns vor einem
Rücksetzer bewahrt."

Account gelöscht!

06.05.2014, 09:26 Uhr

Wenn ich mich für eine Aktie entscheiden müßte, würde ich das Schimpansen-System anwenden.
Dartpfeile auf eine Auswahl werfen.
Damit wurden bei ernstgemeinten Untersuchungen 95% der "Fachleute" übertroffen.

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