Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.12.2013

13:58 Uhr

Interview

„Deutschland muss vier Prozent Inflation zulassen“

VonSebastian Ertinger

Die Konjunktur vieler Euro-Länder schwächelt, während hierzulande die Wirtschaft boomt. Eine höhere Inflation in Deutschland würde helfen, die Peripherie zu beflügeln, sagt der Ökonom und Fondsmanager Gabriel Panzenböck.

Fondsmanager Gabriel Panzenböck von Raiffeisen Capital Management: Wachstumschancen für Euro-Krisenländer. PR

Fondsmanager Gabriel Panzenböck von Raiffeisen Capital Management: Wachstumschancen für Euro-Krisenländer.

Gabriel Panzenböck steuert bei der österreichischen Raiffeisen Capital Management erfolgreich mehrere Anleihen-Fonds. Zudem beschäftigt er sich mit inflationsindexierten Papieren.

Handelsblatt: Herr Panzenböck, Sie fordern eine höhere Inflation in Deutschland. Das soll der darbenden Wirtschaft in den Krisenländern wie Italien, Spanien oder Griechenland auf die Sprünge helfen. Soll Deutschland zur Rettung der Peripherie in den Abgrund springen?

Gabriel Panzenböck: Ganz und gar nicht. So wie wir in der Euro-Zone unsere Probleme angehen, schießen wir uns selbst ins Knie. Das ist einfach schade.

Wieso? Weil Krisenstaaten wie Italien, Spanien oder Portugal die ausufernden Staatsausgaben zusammenstreichen müssen?

Derzeit versuchen wir eine Lösung ausschließlich über den Weg einer deflationären Anpassung. Die Peripheriestaaten kürzen die Ausgaben, um die Haushaltsdefizite zurückzufahren. Zugleich schrumpft aber die Wirtschaftsleistung, Arbeitslosigkeit und Armut nehmen derzeit zu. Das heißt nicht, dass der Weg zum Scheitern verurteilt ist. Ihre fiskalischen Probleme müssen die Krisenländer natürlich unbedingt anpacken. Aber der jetzt eingeschlagene Pfad ist langwierig und schmerzhaft.

Wie könnte sich die Euro-Zone besser aus der Misere retten?

In einer Währungsunion muss man Ausgleichsbewegungen zulassen. Früher konnten Volkswirtschaften Ungleichgewichte über den Devisenkurs relativ einfach anpassen. Innerhalb einer Währungsunion geht das aber nicht mehr. Also kann eine Anpassung nur über relative Preisveränderungen stattfinden. Dafür muss Deutschland eine Inflationsrate von rund vier Prozent im Jahr zulassen.

So stehen die Euro-Sorgenländer da

Frankreich

Deutschlands wichtigster Handelspartner wächst nicht mehr: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Sommer überraschend um 0,1 Prozent. Die EU-Kommission traut dem Nachbarn nur einen blutleeren Aufschwung zu. 2014 soll es nur zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen, was etwa halb so viel ist wie in Deutschland. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet die Kommission, was wiederum den Konsum bremst. Obwohl das Wachstum 2015 auf 1,7 Prozent anziehen soll, dürfte die Arbeitslosenquote bis dahin auf 11,3 Prozent zulegen.

Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion schrumpfte im Sommer nun schon das neunte Quartal in Folge und steckt damit in der längsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Während die Industrie zulegte, gingen die Geschäfte der Dienstleister und Landwirte zurück. Zwei Rezessionsjahren dürfte eine kraftlose Erholung folgen: 2014 wird ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, das sich 2015 auf 1,2 Prozent erhöhen soll. Eine steigende Exportnachfrage dürfte die Unternehmen zwar zu mehr Investitionen ermutigen, erwartet die EU-Kommission. Die Arbeitslosenquote soll aber im kommenden Jahr weiter steigen.

Spanien

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone hat sich im Sommer aus der Dauer-Rezession befreit. Anziehende Exporte und der boomende Tourismus ließen das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent wachsen. Zuvor war es neun Quartale in Folge geschrumpft. 2014 könnte die spanische Wirtschaft nach zwei Rezessionsjahren in Folge erstmals wieder wachsen. Die EU-Kommission erwartet ein Plus von 0,5 Prozent, das sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen soll. "Die großen Anpassungen werden die Erholung einschränken", befürchtet die Kommission. Das reicht nicht, um die Arbeitslosigkeit kräftig zu drücken. Die Quote soll von 26,6 Prozent in diesem Jahr lediglich auf 25,3 Prozent im übernächsten Jahr fallen.

Griechenland

Im Frühjahrsquartal – neuere Daten liegen noch nicht vor – ging es um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bergab. Das am schwersten von der Schuldenkrise betroffene Land wird aber für 2014 ein kleines Comeback zugetraut: Das Bruttoinlandsprodukt soll dann erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. Das reicht nicht annähernd aus, um den für 2013 erwarteten Einbruch von 4,0 Prozent auszugleichen. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission, die dann mit einem Plus von 2,9 Prozent rechnet. Allerdings bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Sie soll von rund 27 Prozent auf 24 Prozent im Jahr 2015 sinken.

Irland

Von allen Krisenländern steht Irland am besten da. Bereits im Frühjahr wurde die Rezession abgeschüttelt mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2013 soll die Wirtschaft das dritte Jahr in Folge zulegen, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Das Tempo dürfte sich 2014 auf 1,7 Prozent und 2015 sogar auf 2,5 Prozent beschleunigen. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften immer besser in Schwung kommen. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent fallen, nachdem sie 2012 noch bei 14,7 Prozent lag.

Portugal

Das kleine Land ist von Juli bis September bereits das zweite Quartal in Folge gewachsen - und zwar um 0,2 Prozent. 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen: Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,5 Prozent nahezu verdoppeln soll. "Die Exporte sind der Wachstumstreiber, während die Binnennachfrage 2014 wieder anziehen wird", prophezeit die EU-Kommission. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 17,3 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen.

Zypern

Der Inselstaat steckt noch mitten im Abschwung: Im dritten Quartal 2013 brach die Wirtschaftsleistung mit 0,8 Prozent so stark ein wie in keinem anderen Euro-Land. Um 8,7 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt im gesamten Jahr 2013 zurückgehen. 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die Kommission. Sowohl der Konsum als auch die Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird wieder mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen und erst 2015 wieder leicht auf 18,4 Prozent nachgeben.

Erklären Sie das bitte.

In den Krisenländern wie Italien sind die Löhne zu hoch. Die dortige Wirtschaft ist im Vergleich zur deutschen nicht wettbewerbsfähig. Demzufolge brauchen wir eine Ausgleichsbewegung zwischen Deutschland und der Peripherie.

Wie lange müssten in Deutschland die Preise stärker steigen?

Im Grunde ist es eine einfache Milchmädchenrechnung: Vier Prozent Inflation in Deutschland, null Prozent in Italien – das Ganze machen wir drei Jahre lang; dann haben wir eine Teuerung von 12 Prozent erreicht, noch ohne Zinseszins gerechnet. Damit ist die Anpassung schon erfolgt und die Zentralbank kann die Teuerung wieder einfangen. Am Ende kommt eine Durchschnittsinflation für die gesamte Euro-Zone von zwei Prozent pro Jahr heraus. 

Das muss wirklich sein?

Ja. Die zwei Prozent im Durchschnitt entsprächen überhaupt erst dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank für den gemeinsamen Währungsraum. Wenn wir überhaupt einmal das Teuerungsziel der Euro-Verträge auch ernst nehmen würden, wäre ich schon glücklich. Das wäre auch für Deutschland gut. Ihr Land hat ein Interesse an einer starken Eurozone. Aber wenn man keine Währungsunion will, muss man diese ganze Diskussion natürlich nicht führen. Dann wird die Euro-Zone schon von selbst zerbrechen.

Kommentare (52)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

20.12.2013, 14:03 Uhr

Köstlich! "Gebt mir mehr Drogen", sagt der Drogensüchtige,"dann wird alles gut."

Account gelöscht!

20.12.2013, 14:18 Uhr

...gut, dass ich solchen Typen nicht einen Euro anvertraue. Wenn er von 4 % EZB Inflation spricht, dann sind es in Wirklichkeit zweistellige Teuerungen.

abcxyz

20.12.2013, 14:19 Uhr

Eine neue mulitnationale Einheitswährung für einen völlig dysfunktionalen und fragmentierten Währungs- und Wirtschaftsraum. Hohe Massenarbeitslosigkeiten, marode Banken, nicht leistungsfähige Eurovolkswirtschaften, jahrelange Rezessionen, Haftungsvergemeinschaftlichungen en masse, Dauermonetarisierungen von Fremdrisiken und von Fremdschulden, Bankenunion, ökonomische Ungleichgewichte, da hilft im Endstadium nur noch die Notenpresse in Mainhattan.

Als Spar- und Anlagewährung ist der Euro heute schon aus deutscher Sicht kaum mehr zu gebrauchen. Die Kreditvergabe und die Investitionstätigkeit in der Eurosüdzone stockt, diese ist gefangen in der Überschuldungs- und Wettbewerbsfalle des Euro. Deutschland selbst erstrahlt im Glanze der prekären Arbeitsverhältnisse und einer maroden Infrastruktur. Die EZB ist fest in der Hand des Club Med. Welten trennen die einzelnen Euroländern voneinander.

Eine gigantisches Desaster von ungeheueren Dimensionen. Die einzige Frage, die noch zu stellen ist, ist die Frage nach dem Zeitpunkt zur Beendigung dieses Experimentes.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×