Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.01.2012

16:38 Uhr

Interview mit Max Otte

„Ich bin nicht investiert, um Spaß zu haben“

VonJessica Schwarzer

Die Ratingagentur S&P stuft neun Euro-Länder herunter und die Märkte stürzen nicht ab. Fondsmanager Max Otte erklärt, warum die Börsianer gelassen bleiben und Aktien ein Potenzial von 40 Prozent und mehr haben.

Max Otte ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, Bestsellerautor und Fondsmanager . Uta Wagner für Handelsblatt

Max Otte ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, Bestsellerautor und Fondsmanager.

Handelsblatt: Herr Otte, Sie sind gerade in Paris. Wie ist die Stimmung am Krisenherd?

Max Otte: Nicht so gut. Ich war bei einer Konferenz der Ratingagentur Coface, bei der es um Investitionsrisiken ging. Die Stimmung war deutlich schlechter als im vergangenen Jahr.

Die Herabstufung von neun Euro-Ländern durch S&P zeigt also Wirkung…

Allerdings, obwohl die Downgrades doch im Grunde nur eine Meinungsäußerung sind. Denn fundamental hat sich ja seit vergangenem Freitag nichts geändert.

Waren die Herabstufungen etwa unbegründet?

Es ist nicht so, dass Frankreich kein Downgrade verdient hätte, aber auch die USA hätten schon viel früher herabgestuft werden müssen. Die Ratingagenturen arbeiten zu langsam und in der Tendenz auch parteiisch, nämlich gegen Kontinental-Europa.

Stimmen zum Rating-Rundumschlag

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister

„Ich glaube auch nicht, dass Standard & Poor's wirklich begriffen hat, was wir in Europa schon auf den Weg gebracht haben.“

Moritz Kraemer, S&P-Chefanalyst für Europa

„Wir erfüllen unsere Aufgabe“

Max Otte, Crash-Prophet

„Die Ratingagenturen arbeiten zu langsam und in der Tendenz auch parteiisch, nämlich gegen Kontinental-Europa.“

Francois Baroin, französischer Finanzminister

„Es ist keine Katrastrophe.“ „Es ist wie ein Schüler der eine sehr lange Zeit 20 von 20 Punkten erzielt und nun 19 Punkte erreicht hat. Es ist weiterhin eine exzellente Note.“

Andrew Wells, Global Chief Investment Officer Fixed Income bei Fidelity

„Deutschland geht aus dieser Welle von Herabstufungen eindeutig als Sieger hervor.“ Er rechne mit einer anhaltenden Flucht in den „sicheren Hafen“ Bundesanleihen. „Die Herabstufung Frankreichs war allgemein erwartet worden und ist sicherlich nicht so schlimm wie weitreichendere Herabstufungen von „AAA'-Nationen inklusive Deutschland gewesen wären.(...) Das Augenmerk des Marktes wird sich sicher schnell den EU-Stützungsmechanismen - vor allem dem EFSF - zuwenden.“

Jacques Cailloux, Royal Bank of Scotland (RBS)

„Die Auswirkungen der Herabstufungen auf den Markt werden kurzfristig zwar begrenzt bleiben, sie rufen aber deutlich in Erinnerung, dass die europäische Schuldenkrise noch einige Zeit andauern wird. Entscheidender ist, dass die Herabstufungen die Erwartungen zementieren, dass weder der EFSF noch der ESM ihr 'AAA'-Rating halten können. Dies macht eine Stärkung der Finanzkraft jeder dieser beiden Institutionen schwieriger. Wir rechnen mit einer Verschärfung der Krise und einer Ausweitung der Spreads im Vergleich zu Deutschland. (...)“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank

Der Druck der Ratingagenturen verschärfe generell „die Notwendigkeit zu Strukturreformen für mehr Leistungsfähigkeit, die nicht zuletzt die EZB in Europa immer wieder anmahnt.“ Die Auswirkungen der Rating-Abstufung einiger Länder seien aber überschaubar, weil sie an den Kapitalmärkten in den vergangenen Wochen „mehr und mehr erwartet worden ist und bereits langsam Eingang in die Preise gefunden hat“. Der Drei-Jahres-Tender der Europäischen Zentralbank (EZB) habe überdies „Stabilität in den Markt gebracht, die die Effekte einer Ratingveränderung kompensieren würde.“

Jörg Asmussen, EZB-Direktoriumsmitglied

„Ich glaube nicht an die Verschwörungstheorie, dass die bösen USA Europa ruinieren wollen.“

Ewald Nowotny, EZB-Direktoriumsmitglieds

„Was die EZB angeht, werden wir alles, was in unseren Möglichkeiten steht unternehmen, um eine Entspannung herbeizuführen“

Rolf Schneider, stellvertretender Chefvolkswirt bei der Allianz

„Angesichts der weitreichenden Reformen in vielen Krisenländern der Eurozone sind sie nicht nachvollziehbar“

Sigmar Gabriel, SPD-Chef

„Die Ratingagenturen sind doch in diesem Fall nur die Überbringer der schlechten Botschaft und nicht der Verursacher.“

Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums

"Mich hat die Herabstufung nicht sehr erschüttert. Es war zu erwarten, dass Standard & Poor's sehr kritisch auf einige Länder schaut. Die Schelte, die Standard & Poor's momentan bekommt, ist die völlig falsche Reaktion. Die Rating-Agenturen haben in der Vergangenheit versagt. Aber sie sind im Moment so wichtig wie noch nie. Denn sie sind ein Regulativ der Politik, ein Regulativ des Schuldenmachens."

Heiko Müller, Deutschlandchef des Devisenbrokers Alpari

„Die Abwertung bedeutet, dass nun die Kapitalaufnahme nicht nur für die Peripherieländer der Eurozone, die sich eh schon als sehr problematisch gestaltet, sondern auch für Schwergewichte wie Frankreich  teurer wird.“

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank

„Damit dürfte der EFSF selbst auch seine AAA-Bewertung verlieren“

Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer Aktien bei Fidelity

„Auch wenn die Herabstufung Frankreichs die Märkte nicht überrascht hat, so sind es doch enttäuschende Nachrichten, die den Euro und die Aktienmärkte nach unten ziehen werden. (...) Problematisch ist, dass nun die Spekulationen über eine Herabstufung des EFSF wieder angeheizt werden. Das wird es dem Rettungsschirm erschweren, das nötige Kapital aufzubringen und den Anleihenaufkauf der Europäischen Zentralbank zu ersetzen.“

Clemens Fuest, Wirtschaftsprofessor und Berater der deutschen Regierung

„Die Chancen (einer Herabstufung Deutschlands) stehen 50 zu 50. Wenn sich die anderen Länder rasch erholen, gibt es eine Chance, dass Deutschland noch einmal drum herum kommt. Man muss aber auch sehen, so ein fürchterliches Drama wäre das auch nicht. Die USA sind ja auch herabgestuft worden. Deutschland würde dann etwas weniger als der ganz sichere Hafen angesehen werden."

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland

„Die Schultern der vermeintlichen finanzstarken Länder sind zu schwach, als dass sie die Lasten der maroden Länder übernehmen könnten.“

Die Märkte haben relativ gelassen reagiert. Wie kommt das?

Wir sind langsam am Ende eines negativen Zyklus angekommen. Während am Anfang eines solchen Zyklus alle Marktteilnehmer extrem nervös sind und jede noch so kleine negative Nachricht die Aktienkurse abstürzen lässt, sind die Börsianer am Ende eines solchen Zyklus relativ resistent. Schlechte Nachrichten sorgen nur noch für moderate Kursausschläge – und die haben wir ja bereits am Freitagnachmittag gesehen.

Den wenigsten Anlegern dürfte der Blick auf den Depotauszug aber derzeit Freude bereiten.

Wohl kaum. Die permanente negative Stimmungsmache der vergangenen Monate hatte natürlich reale Auswirkungen. Ich bin in europäischen Aktien investiert – und das ist derzeit kein Spaß. Die Börsenbewertungen sind völlig im Keller.

Grund zu handeln?

Nein, das muss man aushalten, auch wenn es frustrierend ist. Ich bleibe meiner Europa-Strategie treu. Ich bin schließlich nicht an der Börse investiert, um Spaß zu haben und aufregende Abenteuer zu erleben. Es geht darum, langfristig gute Renditen zu erzielen. Das vergessen viele Privatanleger.

Kommentare (25)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

16.01.2012, 16:51 Uhr

Otte`s Strategie klingt auf jeden Fall nachvollziehbarer, als die von dem (ex-)Parkettdepp Müller !!!

wrkp

16.01.2012, 17:31 Uhr

Warum nicht mit dem Markt? The trend is your friend - und gegen den Markt zu handeln, bringt nur Verluste. Dann kann man ja auch bei fallenden Kursen kaufen, obwohl jeder weiß:
"never catch a falling knive!" Ich kaufe, wenn ein Wert schon gut gelaufen ist, weil in der größeren Zahl der Fälle ein solcher Wert weitersteigt. Denn, the trend....

Zutexter

16.01.2012, 18:07 Uhr

Vielen Dank, für diesen Beitrag! Sachverstand bei dem vielen unqualifizierten Gequatsche, gerade auch in den Medien, tut gut und not.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×