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04.10.2015

17:58 Uhr

Lee Kranefuss im Interview

„ETF-Anbieter sind zu selbstzufrieden geworden“

VonKatharina Slodczyk

Lee Kranefuss hat den Indexfondsanbieter iShares groß gemacht. Jetzt hat er ambitionierte Pläne mit Source. Der ETF-Experte über den Mangel an neuen Produkten am Markt und Märkte, die künftig interessant sein könnten.

ETF-Experte Kranefuss: „ETFs sind wie japanische Autos. Zuerst hat man sie unterschätzt, doch sie bieten ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“. Jiri Rezac

Lee Kranefuss

ETF-Experte Kranefuss: „ETFs sind wie japanische Autos. Zuerst hat man sie unterschätzt, doch sie bieten ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“.

Sobald es im Gespräch mit Lee Kranefuss, einem der Väter von börsengehandelten Indexfonds, den so genannten ETFs, etwas komplizierter wird, zieht er einen vierfarbigen Kugelschreiber aus der Tasche und beginnt Grafiken und Kurven zu zeichnen. Schnell wird klar: Der Mann braucht diese vier Farben. Ansonsten würde die Sache unübersichtlich.

„Den hab ich immer bei mir – seit zehn, vielleicht auch schon 15 Jahren“, murmelt Kranefuss zwischendurch, bevor er weiter Linien zeichnet und dazu die neuesten Erkenntnisse von Forschern zusammenfasst, die Investmentstrategien untersucht haben. Kranefuss zeichnet alles aus seiner Sicht auf dem Kopf, damit der Gesprächspartner, der ihm gegenübersitzt, sofort sieht, was er meint. Er hat offenbar Übung darin.

Der 54-jährige Manager hat iShares, die ETF-Sparte von Barclays, geleitet, und sie in dem Markt zur weltweiten Nummer eins gemacht. 2009 hat der US-Vermögensverwalter Blackrock iShares übernommen. Kurze Zeit später hat Kranefuss das Unternehmen verlassen.

Seit mehr als einem Jahr ist er geschäftsführender Chairman bei Source. Der ETF-Anbieter gehört mehrheitlich dem Finanzinvestor Warburg Pincus und ist nach Analystenangaben mit einem verwalteten Vermögen von 12,6 Milliarden Euro die Nummer sechs im europäischen ETF-Markt.

ETFs gehören zu den populärsten Finanzprodukten. Weltweit haben Anleger nach Berechnungen der Analysefirma ETFGI drei Billionen Dollar (umgerechnet 2,67 Billionen Euro) in ETFs gesteckt und damit etwas mehr als in Hedge-Fonds.

Drei Methoden, einen Index abzubilden

Full Replication

„Full replication“ heißt übersetzt volle Nachbildung. Bei der Methode steckt das Vermögen des ETFs in den Aktien des zugrundeliegenden Index – und zwar entsprechend der Gewichtung der Aktien im Index. Das heißt, das Börsenbarometer wird eins zu eins nachgebildet.

Optimised Sampling

Diese selektive Teilnahme bedeutet, dass der ETF einige aber nicht alle Aktien eines Index erwirbt. So bildet er den Index näherungsweise ab. Dieses Verfahren wird – häufig aus Kostengründen – vor allem bei Indizes verwendet, in denen besonders viele Aktien notiert sind.

Swap

Bei Swap-ETFs (Swap = Tausch) wird das Fondsvermögen in Wertpapiere, beispielsweise Aktien oder Anleihen, investiert. Zusätzlich zu diesem Basisportfolio wird mit einer Bank ein sogenannter Swap abgeschlossen. Der ETF-Anbieter tauscht so die Wertentwicklung des Basisportfolios gegen die Performance des abzubildenden Index. Die Kombination aus Basisportfolio und Swap stellt sicher, dass der ETF die Wertentwicklung des jeweiligen Index möglichst exakt nachvollzieht.

Handelsblatt: Mr. Kranefuss, Sie sind in das Geschäft mit börsengehandelten Indexfonds, den so genannten ETFs, zurückgekehrt und sagten jüngst, es sei sehr festgefahren, geradezu muffig. Was stört Sie?
Lee Kranefuss: Traditionelle Indizes wie der S&P500 haben nach wie vor eine sehr große Bedeutung. Solche Indizes haben zwar ihre Berechtigung und sind wichtig. Aber Menschen kaufen den S&P500, weil sie darin einen Baustein sehen, um den US-Markt abzubilden. Das ist eine Annahme aus den 70er Jahren. Denn inzwischen kommen mehr als die Hälfte der Umsätze dieser Unternehmen von außerhalb der USA.

Es sind also die Investoren, die festgefahren sind – nicht die ETF-Anbieter?
Auch die Anbieter sind selbstzufrieden und halten an dem fest, was sie schon seit Ewigkeiten machen. Man sieht keine neuen Investmentideen. Man sieht etwas, was „Smart Beta“ (Indexfonds, denen anders gestrickte Indizes zugrunde liegen, als die nach Marktkapitalisierung gewichteten und die eine höhere Rendite abwerfen sollen, Anm. d. Red.: ) genannt wird. Vieles davon, ist in Wahrheit aber nichts Neues. Es ist mehr so nach dem Motto: Der Berg kreiste und gebar eine Maus. Wir haben vieles von dem, was wir schon vor Jahren machten, und leichte Abwandlungen davon.

Die Begeisterung der Investoren über diese neueren Produkte hält sich auch in Grenzen.
Weil diese Produkte im Prinzip ja auch nur signalisieren: Wir sind so ähnlich wie ein S&P500-Indexfonds, nur etwas besser. Und etliche Produkte haben nicht das gehalten, was sie versprochen haben. Man ist bei der Entwicklung der Produkte nicht zu den Grundlagen zurückgegangen und hat gefragt: Wenn man sich ein Portfolio zusammenstellt, was braucht man dafür? Es ist eine ziemliche Herausforderung, das hinzubekommen. Es gibt sehr viel akademisches Research zu dieser Frage, das aber noch zu den Praktikern durchsickern muss.

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