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18.06.2012

10:38 Uhr

Nach der Griechenlandwahl

Börsentheater, nächster Akt

VonChristoph Bruns

Aktienanleger können sich freuen, doch wie lange? Die nächste Rettung wird geprobt. Dabei kommt es auf Frankreich an. Wenn Hollande seinen Weg fortsetzt, wird Deutschland über den Ausstieg aus dem Euro nachdenken müssen.

Christoph Bruns, Vorstand und Fondsmanager der Fondsboutique Loys

Christoph Bruns, Vorstand und Fondsmanager der Fondsboutique Loys

Erwartungsgemäß und zugleich knapp ist die Wahl der Griechen ausgelaufen. Ein guter Sinn für das Tragische liegt den Hellenen seit ehedem im Blut. Jene Gründe, die in Griechenland vor 15 Jahren viel kreativen Beitrittseifer hervorgerufen  hatten, sind die gleichen, die heute einen Verbleib im Euro-Raum aus griechischer Sicht wünschenswert erscheinen lassen.

Für das Börsentheater stellt die Griechenland-Wahl nur ein retardierendes Moment dar. Den allermeisten Marktteilnehmern ist klar, dass in den kommenden zwei Jahren noch weitere Euro-Rettungsszenen folgen werden. Vieles kommt dabei auf Frankreich an. Sollte Frankreich seinen ohnehin schon bedenklichen Weg des Staatsdirigismus verstärken – wofür angesichts des klaren Mandates von Präsident Francois Hollande manches spricht –, wird  Deutschland über kurz oder lang eine Grundsatzentscheidung über das unbeirrte Festhalten an der Gemeinschaftswährung treffen müssen.

Die Folgen eines „Grexit“

Der Zusammenbruch

Sollte Griechenland nicht bald zu einer stabilen politischen Ordnung zurückfinden, wäre eine Pleite des Staates spätestens im Sommer wohl unausweichlich. In einem solchen Fall würde wohl auch die EZB griechische Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit dem Banksektor akzeptieren können. Sie wären also nicht mehr refinanzierungsfähig und dürften auf den Bankrott zusteuern. Dies wäre das Ende eines griechischen Finanzsektors in der Euro-Zone - der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel wäre dann nicht mehr zu halten.

Der Übergang

Am Beginn eines Übergangs müssten alleine schon wegen der nötigen technischen Umstellung von Millionen Konten, aber auch um eine Panik und lange Schlangen vor den Banken zu verhindern, die Institute des Landes für einige Tage - vermutlich gut eine Woche - geschlossen bleiben. Parallel würde der gesamte Kapitalverkehr mit dem Ausland für diesen Zeitraum zum Erliegen kommen. In dem Zeitfenster könnte dann die Währungsreform vorbereitet werden - ein banktechnisch und politisch komplizierter Prozess. Unter anderem müssten zahlreiche neue Gesetze erlassen werden. Die Hüter der neuen Währung, also die Notenbanker in Athen, müssten unter anderem eine neue Mindestreservequote und einen neuen Leitzins für ihre Banken beschließen. Zudem müssten sie Vorbereitungen für den so gut wie sicheren Fall treffen, dass die neue griechische Währung am Devisenmarkt massiv abwertet.

Die neue Währung

Wahrscheinlich würde in Griechenland eine neue Währung in zwei Stufen eingeführt. Während sie auf Konten als Buchgeld mehr oder weniger per Knopfdruck umgestellt werden könnte, bräuchte die Bargeldeinführung mehr Zeit - schließlich müssten Münzen geprägt und Geldscheine gedruckt werden. Anschließend müsste das Geld im Land verteilt werden - eine logistische Herkulesaufgabe. In dieser Phase könnte der Euro weiterhin als Tauschmittel für den Alltag fungieren. Hier gibt es eine Art Vorbild: Das Balkanland Montenegro verwendet den Euro bereits einseitig als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr, ohne dass es offiziell Mitglied der Euro-Zone ist.

Der Scherbenhaufen

Nach der Währungsreform käme innerhalb des europäischen Systems der Zentralbanken das große Aufräumen. Hier rückt das Großbezahlsystem der Notenbanken, Target II, ins Zentrum. Die Zentralbank in Athen hat innerhalb des Systems Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. Hinzu kämen Forderungen der Euro-Notenbanken aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen seit Mai 2010 - geschätzt zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Rechnet man diese Posten zusammen steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB, Bundesbank & Co. mit bis zu 150 Milliarden Euro in der Kreide.

Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Milliarden Euro. Möglich wäre nun, dass die Griechen das Geld über einen langen Zeitraum, eventuell viele Jahrzehnte, abzahlen. Auch eine Lastenteilung zwischen der Zentralbank in Athen, der EZB und den verbleibenden 16 Euro-Notenbanken ist denkbar.

Im schlimmsten Fall, also wenn Griechenland nicht zahlen will oder kann, müsste die Bundesbank Abschreibungen vornehmen und/oder ihre Risikovorsorge erhöhen. Bundesbankgewinne und damit eine jährliche Entlastung des Bundeshaushalts wären dann für lange Zeit Geschichte. Dass diese Belastung der Bundesbank deutlich höher ausfiele als ihr derzeitiges Eigenkapital von fünf Milliarden Euro wäre kein Problem, da Notenbanken im Gegensatz zu normalen Instituten auch mit negativen Eigenkapital operieren können. Die Bundesbank selbst hat dies etwa in den 1970er-Jahren einige Jahre selbst praktiziert. (redigiert von Sören Amelang)

Gewinner der Wahl ist einstweilen der Euro selbst. Denn wie schon in Irland vor wenigen Tagen hat auch dieser Urnengang gezeigt, dass allem Gezeter zum Trotz die Stimmen der Vernunft in den Nationalstaaten die Oberhand behalten haben. Offenbar unterschätzt die angelsächsisch dominierte Anlagewelt die Hartnäckigkeit, mit der die Euro-Länder an ihrer Währung festhalten. Und das nicht ohne Grund. Man darf nicht vergessen, dass der Euro trotz seiner Konstruktionsmängel seit seiner Einführung gegen den US-Dollar und das britische Pfund aufgewertet hat. Zudem ist eine Rückkehr zu den Altwährungen rückwärtsgewandt und zudem unrealistisch. 

Freuen können sich einstweilen die Aktienanleger, alldieweil der Nebenkriegsschauplatz Währung nunmehr etwas in den Hintergrund treten wird und dadurch die Alternativlosigkeit der Beteiligung an börsennotierten Unternehmen klarer hervortritt. Gefährdet sind unterdessen die Anleihekurse. Angesichts der drohenden Gefahr von Euro-Bonds und –Bills nähme es wenig Wunder, wenn es gerade bei deutschen Anleihen zu empfindlichen Kursrückgängen käme. Die negativen Realzinsen tun ein Übriges.

Die Kursentwicklung des Euro seit Einführung

1. Januar 1999

1. Januar 1999: Der Euro wird von den elf Gründerländern der Europäischen Währungsunion (EWU) aus der Taufe gehoben. Der Umrechnungskurs zur D-Mark beträgt 1,95583 DM je Euro.
Am 4. Januar startet der Handel in Sydney - der ersten großen Börse, die nach dem Datumswechsel öffnet - mit 1,1747 Dollar.

Dezember 1999

Der Euro fällt erstmals auf 1,00 Dollar.

Frühherbst 2000

Bei Kursen unter 0,85 Dollar wächst die Befürchtung, der schwache Euro könnte die Weltwirtschaft destabilisieren. Mit Unterstützung der Zentralbanken Japans und der USA greift die EZB der jungen Währung unter die Arme. Doch die Interventionen verpuffen rasch: Am26. Oktober ist ein Euro noch 0,8225 Dollar wert. Eine weitere Interventionsrunde im November hievt ihn wieder auf 0,86 Dollar.

Januar 2002

Die reibungslose Einführung des Euro-Bargelds honorieren die Finanzmärkte mit Euro-Käufen. Im Juli erreicht der Euro wieder die Ein-Dollar-Marke.

März 2003

Der Beginn des Irakkrieges geht zu Lasten des Dollar. Der Euro erreicht wieder sein Einführungsniveau.

September 2003

Finanzminister und Notenbanker der sieben führenden Industrieländer (G7) fordern flexiblere Wechselkurse, was an den Märkten als Signal für den Wunsch nach einem schwächeren Dollar interpretiert wird. Am 28. November 2003 steigt der Euro erstmals über 1,20 Dollar.

September 2007

Nach einer deutlichen US-Zinssenkung im Zuge der Subprime-Krise steigt der Euro über 1,40 Dollar.

Juli 2008

Der Euro erreicht mit 1,6038 Dollar ein Rekordhoch. Nur wenige Tage zuvor - am 11. Juli - hatte übrigens auch der Ölpreis mit 147,50 Dollar je Fass sein Allzeithoch erreicht.

Oktober 2008

Im Sog der Lehman-Pleite ziehen US-Investoren ihre Euro-Gelder ab und drücken ihn bis zum 28. Oktober auf 1,2328 Dollar ,den niedrigsten Stand seit April 2006.

Oktober 2009

Mit den Aktienmärkten steigt zwar auch der Euro - erstmals seit einem Jahr klettert er am 21. Oktober über 1,50 Dollar. Doch das Comeback ist von kurzer Dauer: Griechenland schockiert die Märkte mit der Ankündigung eines etwa doppelt so hohen Haushaltsdefizits wie bislang gedacht.

Dezember 2009, Januar 2010

Mit ersten Herabstufungen Griechenlands durch die Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's sowie Moody's beginnt der Euro seine Talfahrt.

Frühjahr und Sommer 2011

EZB-Chef Jean-Claude Trichet signalisiert am 3. März überraschend für April eine Zinserhöhung. Im Juli folgt sogar eine zweite Zinsanhebung. Am 4. Mai notiert der Euro zeitweise über 1,49 Dollar. Spekulationen über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone bremsen die Gemeinschaftswährung aber für den Rest des Sommers aus. Sie pendelt meist in einer Spanne von etwa 1,40 bis 1,45 Dollar.

Ende Februar 2012

Eine zweite EZB-Geldspritze lässt den Euro wieder steigen. Er schafft es fast bis auf 1,35 Dollar. Banken können sich bei der EZB für drei Jahre zum historisch niedrigen Leitzins von einem Prozent Geld leihen. Zusammen mit der ersten derartigen Aktion vom Dezember greifen die europäischen Banken rund eine Billion Euro ab.

Juni 2012

Die Angst der Investoren vor einer Eskalation der Staatsschuldenkrise ist größer denn je und belastet den Euro. Vor allem Spanien ist wegen seines taumelnden Bankensektors angezählt. Im Juni fällt der Euro bis auf 1,21 Dollar.

Juli 2012

Vor Investoren in London kündigt EZB-Chef Draghi am 26. Juli an, die EZB werde „alles nötige tun, um den Euro zu erhalten.“ Der vorläufige Wendepunkt in der Euro-Krise. Sofort steigt der Euro deutlich. Innerhalb eines Tages von 1,2118 auf 1,2287 US-Dollar. Wenige Wochen später machte Draghi klar, was das bedeutet: Im Notfall kauft die EZB unbegrenzt Anleihen der Krisenländer. Der Euro startet einen neuen Höhenflug.

Februar bis März 2013

Die Erleichterungs-Rally geht weiter: Anfang Februar steigt der Euro bis auf 1,37 Dollar. Das Hoch hält allerdings nicht lange vor. Wegen Unsicherheiten in Italien und Zypern fällt die Gemeinschaftswährung und notiert aktuell bei knapp unter 1,30 Dollar.

September 2014

Die EZB überrascht die Märkte mit einem neuen Zinssenkungszyklus. Der Euro nimmt seine Talfahrt wieder auf. Signale von EZB-Chef Mario Draghi für weitere Geldspritzen drücken den Euro bis zum Jahresende auf rund 1,21 Dollar.

06. Januar 2015

Der Euro fällt auf 1,1853 Dollar und erreicht damit das Tief von Februar 2006. Zugleich nimmt die Talfahrt der Ölpreise weiter Fahrt auf. Nordseeöl der Sorte Brent verbilligt sich um bis zu 1,7 Prozent auf 50,22 Dollar je Barrel (159 Liter).

Insgesamt darf das große historische Bild nicht völlig übersehen werden. Die Demokratie der Weimarer Blick ist nicht aufgrund einer Überzahl von Nazis zerbrochen, sondern wegen des Mangels an Demokraten. Der Euro wird seinerseits nicht an der Finanz- und Stimmengewalt seiner regionenexternen Gegner zerbrechen, sondern im Zweifel am Mangel an überzeugten Europäern.

Christoph Bruns ist Fondsmanager und Chef der Fondsboutique Loys.

Kommentare (7)

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sailing

18.06.2012, 11:05 Uhr

dieses unsägliche Theater mit diesen Staatsbankroteuren auf der einen und den Banken und Versicherungen, die vor lauter Kraft nicht laufen konnten auf der anderen Seite. Die diese maroden Staaten und Wirtschaften mit Kapital vollgepumpt haben und nun versuchen zu retten was zu retten ist. Es erinnert stark an die Situation in der "deutsche Banken" an der Verbreitung von Subprime Papieren beteiligt waren, obwohl jedem mit Verstand klar sein mußte, dass dies zu einem Totalverlust führen mußte.
Die Banken und Versicherungen sollen für ihre Invetmentstrategie zur Verantwortung gezogen werden, nur so hört dieser Irrsinn auf.

Account gelöscht!

18.06.2012, 11:11 Uhr

Wer hat die Macht im "Staate".
Die Finanzmärkte? Meine Güte, wie verkommen ist die Politik geworden! Aber jeder bekommt eben seine Herrschaft, die man sich redlich verdient. Die Menschen interessieren die Märkte einen feuchten Haufen. Je uninteressanter die lieben Märkte werden, umso mehr kann man sich wieder um Demokratie kümmern.
Sehr richtig, Finanziers sind keine Demokraten, bzw. haben kaum demokratisches Interesse. Wozu auch?
Es wäre schön, wenn der Bürger erkennen könnte, das dieser mit seinem Kaufverhalten aktiv demokratisch handeln kann.

Gnomon

18.06.2012, 11:36 Uhr

Tja lieber Herr Bruns, dann zeigen Sie doch neben großen Worten, dass Sie auch ein Mann der Taten sind und nehmen sie eine erhebliche Summe ihres sicherlich nicht unerheblichen Vermögens und fahren damit nach Griechenland und kaufen einem Teil der Obdachlosen was zu essen und Medikamente...

Vielleicht gründen Sie auch eine Stiftung, die dies zum Zwecke hat und versuchen ihre Mitmenschen zu animieren dort mitzumachen?

Mit Verlaub, bin ich ein guter Europäer, wenn ich contra legem und wider jegliche ökonomische Vernunft, kurzsichtig gegen die langfristigen Interessen des Gemeinwohls an plumper Symbolpolitik festhalte?

Und bitte: Selbst wenn die EU abgewickelt würde und der EURO abgeschafft würde, glaube ich nicht, dass irgendein europäisches Volk (nebenbei alle im gleichen Militärbündnis zusammengeschlossen) auf die Idee kommen würde mal bei seinem Nachbarn einzumarschieren. Also bitte verschonen Sie uns mit Nazivergleichen, es ist einfach nur lächerlich.

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