Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.07.2016

15:10 Uhr

Nach Putsch-Versuch

Fonds ziehen wohl Hunderte Milliarden aus Türkei ab

Nach dem gescheiterten Putschversuch droht der Türkei ein massiver Kapitalabfluss: Ausländische Investoren sehen gestiegene Risiken und überdenken ihr Engagement in der Türkei. Sie könnten Hunderte Milliarden abziehen.

Anleger fürchten Erdogans Reaktion auf den gescheiterten Militärputsch, internationale Kapitalgeber überdenken ihr Engagement in der Türkei. AFP; Files; Francois Guillot

Ausnahmezustand in der Türkei

Anleger fürchten Erdogans Reaktion auf den gescheiterten Militärputsch, internationale Kapitalgeber überdenken ihr Engagement in der Türkei.

London/IstanbulNoch bis vor einigen Wochen konnte die Türkei mit einer florierenden Wirtschaft und hohen Auslandsinvestitionen glänzen. Doch der gescheiterte Putsch und Sorgen vor einer Alleinherrschaft werden nach Einschätzung von Experten ihre Spuren hinterlassen.

Die Unsicherheit hat sich zuletzt schon nach den Anschlägen in Istanbul auf den Flughafen und auf Touristen erhöht. Investoren sprechen deshalb von gestiegenen Risiken. In der Folge droht der Türkei ein Abfluss ausländischer Investitionen von Hunderten Milliarden Dollar.

Seit Ende 2003 investierten dem Institut of International Finance zufolge Anleger mehr als 150 Milliarden Dollar in türkische Aktien- und Anleihenmärkte. „Das Risiko einer Kapitalflucht bleibt solange bestehen, bis die Maßnahmen, die während des Ausnahmezustands ergriffen wurden, klar offengelegt werden“, sagt Özlem Derici, Chefvolkswirt beim Finanzdienstleister Deniz Investment in Istanbul.

Die größten Staatsfonds der Welt

Wo Geld langfristig angelegt werden soll

Sie horten Devisen oder gehören zu den größten Einzelanteilseignern von Konzernen: Staatsfonds. Der Marktführer etwa hält allein 1,3 Prozent an den börsennotierten Unternehmen der Welt. Einmal im Jahr gibt das Sovereign Wealth Fund Institute ein Ranking über die größten Staatsfonds heraus. Dies sind die Ergebnisse.

Stand: 31. Dezember 2015

„Statens pensjonsfond utland“ (Norwegen)

Der „Statens pensjonsfond utland“, wie der norwegische Staatsfonds offiziell heißt, ist mit einem Volumen von 824,9 Milliarden Dollar der weltweit größte seiner Art. Der Fonds wurde 1990 gegründet, um den Wohlstand der Nation aus dem Ölgewerbe für zukünftige Generationen zu erhalten. Deshalb wird er inoffiziell auch „Ölfonds“ genannt. 60 Prozent des Vermögens sind in Aktien, 35 Prozent in Zinspapieren und fünf Prozent in Eigentum wie Immobilien investiert.

Abu Dhabi Investment Authority

Ölreichtum ist auch der Hintergrund für den zweitgrößten Staatsfonds der Welt, die Abu Dhabi Investment Authority. Dessen Ziel ist es, über breit gestreute Investments in Aktien, Immobilien oder etwa Hedgefonds für die Zeit nach dem fossilen Zeitalter vorzusorgen.

Wert: 773 Milliarden Dollar

China Investment Corporation

Dieser chinesische Staatsfonds wurde 2007 gegründet, um einen Teil der riesigen Devisenreserven des Landes zu managen und beispielsweise in ausländische Firmen zu investieren. Von einst 200 Milliarden US-Dollar in seinem Gründungsjahr wuchs der CIC bis Ende 2015 auf 746,7 Milliarden US-Dollar an.

SAMA Foreign Holdings (Saudi-Arabien)

In dem Foreign Holdings-Fonds verwaltet die saudische Zentralbank „Saudi Arabien Monetary Agency“ die Einkommen aus der Ölindustrie des Staates. Fondsvolumen Ende 2015: 668,6 Milliarden Dollar.

Kuwait Investment Authority

Auch der arabische Staat Kuwait möchte seine Einnahmen aus dem Öl möglichst gewinnbringend anlegen – und diversifiziert seine Investments an den internationalen Märkten. Das Volumen des Fonds beträgt 592 Milliarden Dollar. Einen Teil davon hat Kuwait bei einem deutschen Autobauer angelegt: Kuwait hält 6,8 Prozent der Anteile an Daimler.

SAFE Investment Company (China)

Am liebsten sicher möchte China sein Geld anlegen, wie das Akronym vermuten lässt. Dahinter verbirgt sich die „State Administration of Foreign Exchange“. Diese unterhält eine Tochtergesellschaft in Hongkong, die SAFE Investment Company, welche sich wie auch schon die China Investment Corporation um die Anlage der Devisenreserven des Landes kümmern soll. Das Volumen des zweitgrößten chinesischen Staatsfonds wird auf 547 Milliarden Dollar geschätzt.

Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio

Der Exchange Fund, ein Vorläufer des Fonds, wurde bereits im Jahr 1935 gegründet. Knapp 60 Jahre später, 1993, wurde schließlich die Hong Kong Monetary Authority gegründet, welche den Fonds managt. Ende 2015 wachte verfügte der über 417,9 Milliarden Dollar. Diese werden vor allem in die Hongkonger Börse Hang Seng investiert.

GIC Privat Limited (Singapur)

Der größte Staatsfonds Singapurs wurde bereits im Jahre 1981 gegründet. Zuletzt wachte er über eine Anlagevermögen von 344 Milliarden Dollar. Die Summe teilt sich auf gleich drei einzelne Fonds, die alle von der Mutter verwaltet werden. International deutlich bekannter ist indes der Singapurer Staatsfonds Temasek. Der landet mit einem Volumen von „nur“ 193,6 Milliarden Dollar lediglich auf Rang 11 der weltweit größten seiner Art.

Qatar Investment Authority

Das kleine Emirat Qatar am persischen Golf erfreut sich großer Öl- und Gasressourcen. Um den Gewinn daraus möglichst langfristig anzulegen, wurde 2005 die Qatar Investment Authority gegründet. Sie wacht über 256 Milliarden Dollar. Die für Deutsche wohl bekannteste Beteiligung besitzt die Investmentgesellschaft an Volkswagen: Insgesamt 17 Prozent hält der Staatsfonds über die Qatar Holding LLC am Wolfsburger Konzern.

National Social Security Fund (China)

Die Top Ten der größten Staatsfonds der Welt rundet ein chinesischer Fonds ab. Der National Social Security Fund wurde 2000 gegründet, um die Anlagen der sozialen Leistungen zu verwalten. Sein Volumen beträgt 236 Milliarden Dollar. Damit stammen von den zehn größten Staatsfonds der Welt gleich vier aus dem Reich der Mitte – das Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio inbegriffen.

Ein Großteil der Investitionen in die Türkei ist auf die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor über zehn Jahren zurückzuführen. Als er 2003 Regierungschef wurde, verabschiedete das Parlament weitreichende Reformen zur Demokratisierung des Landes – eine Abschaffung der Todesstrafe, Kampf gegen Folter, Erweiterung der Meinungsfreiheit und die weitere Annäherung der Türkei an die Europäische Union.

Nun fürchten die Anleger Erdogans Reaktion auf den gescheiterten Militärputsch vor einer Woche. Seitdem wurden in der Türkei rund 60.000 Soldaten, Polizisten, Beamte und Lehrer suspendiert oder festgenommen. Mit dem am Mittwochabend verhängten Ausnahmezustand kann Erdogan sogar per Dekret regieren.

Grundrechte und Freiheiten können eingeschränkt oder aufgehoben werden. Internationale Kapitalgeber überdenken ihr Engagement in der Türkei. Bei einem Kapitalabfluss wird auch die türkische Währung Lira verstärkt unter die Räder kommen. Die Preisbeschleunigung dürfte anhalten und das Wirtschaftswachstum leiden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×