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10.09.2013

14:23 Uhr

Nachgerechnet

Gehebelt wurde nur die Berater-Provision

VonGertrud Hussla

Eine Rentnerin kaufte einen geschlossenen Fonds nach dem anderen. Nun steckt ihre Altersvorsorge in Schiffen und Hochhäusern fest. Das angeblich Beste am Markt war am Ende nur für den Finanzberater ein tolles Geschäft.

Nachgerechnet: Fonds zum Wohle des Beraters

Interviews: Nachgerechnet: Fonds zum Wohle des Beraters

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DüsseldorfAuf Glatteis fühlte sich Mary Bauer (Name geändert) viele Jahre lang zu Hause. Sie drehte als Eiskunstläuferin Pirouetten bei Holiday on Ice. So richtig auf die Nase fiel die heute 67-jährige Rentnerin aber erst, als ein freier Finanzberater ins Haus kam, empfohlen von ihrem damaligen Chef.

Mary Bauer und ihr Mann haben zusammen eine kleine Rente von 1300 Euro. Doch Bauer hatte fleißig gespart. Als im Jahre 2006 noch das Erbe von der Mutter dazukam, legte der Finanzberater los.

Er empfahl ihr einen geschlossenen Fonds nach dem anderen. Um ihren Lebensstandard zu halten – die Bauers wohnen in einer 80-Quadratmeter-Wohnung zur Miete –, sollte sie nach höheren Renditen schauen. Nun besitzt sie Anteile mehrerer Schiffe, etwa des Tankers „Hellespont Progress“ oder der „Ile de Ischia“.

Sie hat über den „Tomorrow TIP 8“ 50 000 Dollar in Bürogebäude in Texas und New Mexico gesteckt, über den „Life Trust 6“ ist sie an einem Portfolio amerikanischer Lebensversicherungen beteiligt und so fort. Weil am Anfang noch ein paar Ausschüttungen flossen, fühlte sie sich sicher.

Fonds-Gebühren im Überblick

Ausgabeaufschlag

Der Ausgabeaufschlag fällt beim Kauf an. Je nach Anlagestrategie des Investmentfonds kann er relativ gering sein, bei Geldmarktfonds liegt der Satz etwa häufig bei rund ein Prozent. Er kann aber auch deutlich höher sein wie bei Aktienfonds, wo fünf Prozent keine Seltenheit sind. Dies bedeutet, dass bei einer monatlichen Sparrate von 50 Euro beim Geldmarktfonds für 49,50 Euro Anteile erworben werden, beim Aktienfonds hingegen nur für 47,61 Euro.

Fondskäufer können den Ausgabeaufschlag aber reduzieren. Direktbanken oder Fondssupermärkte im Internet bieten niedrigere Sätze an oder verzichten sogar ganz auf diese Gebühr. Zu den bekanntesten Fondssupermärkten zählen beispielsweise fondssupermarkt.net, avl-investmentfonds.de und infos.com. Gute Kunden dürfen außerdem auf Sonderkonditionen bei der Hausbank hoffen.

Je länger der Anleger investiert bleibt, desto weniger stark wirkt die Kaufgebühr. Wer monatlich 100 Euro in einen Sparplan mit 5 Prozent Ausgabeaufschlag einzahlt und durchschnittlich fünf Prozent Jahresrendite erzielt, steht nach drei Jahren bei 3.690 Euro. Ohne Kaufgebühren wären es 3.885 Euro. Wer zehn Jahre investiert bleibt, kommt mit dem Ausgabeaufschlag auf ein Guthaben von 14.725 Euro, ohne Gebühr wären es 15.500 Euro. 

Verwaltungsgebühr

Die Verwaltungsgebühr liegt im Regelfall zwischen null und zwei Prozent. Oft ist dieser Satz etwas höher, wenn der Ausgabeaufschlag gering ist und umgekehrt. Die Verwaltungsgebühr wird - einmal im Jahr oder auch monatlich - aus dem Fonds bezahlt. Wenn die Gebühr zum Beispiel 1,2 Prozent ist und der Fondswert 10.000 Euro, beträgt die Gebühr 120 Euro im Jahr und das neue Fondsvermögen noch 9.880 Euro. 

Depotbankgebühr

Die Investmentgesellschaft hinterlegt das Fondsvermögen bei einer sogenannten Depotbank. Für das Führen dieses Depots wird eine Gebühr erhoben, die im Regelfall aus dem Fondsvermögen bezahlt wird. Diese Gebühr kann bei großen Fonds bis zu 0,3 Prozent des Fondsvolumens per anno ausmachen.

Zusätzlich ist die Depotbank berechtigt, eine Transaktionsgebühr von bis zu 100 Euro je Transaktion, die nicht über die Depotbank getätigt wird, zu erheben. Auch eine zusätzliche Verwahrgebühr von bis zu 0,1 Prozent pro Jahr ist rechtens. Neben den genannten Vergütungen verlangen einige Gesellschaften eine weitere tägliche Vergütung in Höhe von bis zu 0,75 Prozent pro Jahr. 

Performance Fee

Die Performance Fee ist eine erfolgsabhängige Gebühr. Wenn ein aktiv gemanagter Fonds eine bessere Wertentwicklung aufweist als ein vorher festgelegter Vergleichsindex, wie zum Beispiel der DAX, wird die Performance Fee gezahlt. Wenn eine Performance Fee von 20 Prozent vorgesehen ist, bedeutet das zum Beispiel: Ein Kunde hat ein Fondsvermögen in Höhe von 20.000 Euro. Der Fonds hat in diesem Jahr sechs Prozent Plus gemacht, der Vergleichsindex nur vier Prozent. Das Mehr an Rendite von zwei Prozent sind 400 Euro. Davon bekommt die Gesellschaft 20 Prozent, also 80 Euro. 

Performance Fees sind an ganz unterschiedliche Bedingungen geknüpft. Die Investmentgesellschaft profitiert von einem besseren Abschneiden im Vergleich zum Vergleichsindex, muss sich aber nicht zwangsweise auch an Verlusten beteiligen, falls der Index besser war.

Es ist auch möglich, dass Anleger Performance Fee`s zahlen müssen, obwohl der Fonds Verluste gemacht hat. Wenn der Vergleichsindex zehn Prozent Minus gemacht hat, der Fonds aber nur sechs Prozent Minus, war er besser als der Vergleichsindex. Dann lässt die

Investmentgesellschaft es sich vergüten, dass der Fond zwar Verluste gemacht hat, aber eben nicht so viel wie andere. 

Transaktionskosten

Transaktionskosten entstehen, wenn im Fonds eine Umschichtung der Wertpapiere stattfindet, also beispielsweise Aktien verkauft und andere dafür gekauft werden. Bei einer solchen Umschichtung entstehen Transaktionskosten, die von den Anlegern bezahlt werden. Je öfter umgeschichtet wird, desto mehr Gebühren müssen gezahlt werden und desto geringer ist die Rendite.

Wegen mangelnder Transparenz bleibt die Höhe der Transaktionskosten in der Regel im Dunkeln. Eine Ausweisung der relevanten Daten im Fondsprospekt geschieht laut Studie der Verbraucherzentrale NRW kaum oder nur unzureichend. 

Sonstige Gebühren

Der Fantasie sind bei den sonstigen Kosten keine Grenzen gesetzt. Rechtliche Vorgaben gibt es so gut wie nicht. So kann es passieren, dass Anleger nicht nur den Ausgabeaufschlag beim Kauf bezahlen, sondern auch einen Rücknahmeabschlag bei der Rückgabe der Anteilsscheine. Und wenn ein Fonds Geld einnimmt, weil er Wertpapiere verleiht, dann kassiert die Gesellschaft dafür oft auch eine Gebühr. Hier empfiehlt sich eine genaue Prüfung der Fondsunterlagen und des amtlichen Verkaufsprospekts um herauszufinden, welche sonstigen Kosten anfallen können.

Eine Hilfe beim Vergleich von Fonds anhand der anfallenden Kosten ist die Total Expense Ratio (TER). Die TER ist eine Gesamtkostenquote, die für Transparenz sorgen soll. Das gelingt allerdings nur zum Teil. Grund ist, dass in der TER nicht alle Kosten enthalten sind. So sind weder die Ausgabeaufschläge enthalten, noch die erfolgsabhängigen Gebühren (Performance Fee`s). Die Aussagekraft der TER ist daher begrenzt. Laut Morningstar liegt sie bei Aktienfonds bei gut zwei Prozent.

Doch im Lauf der Finanzkrise blieben die Zahlungen rasch aus. Beim „HCI Hellespont Progress“ , musste sie sogar noch Geld nachschießen. An ihr Geld kommt Bauer nicht mehr heran. Die meisten Fonds, werden auf dem Zweitmarkt gar nicht erst feilgeboten.

Nur der „Hellespont Progress“ hat 2012 noch einmal den Besitzer gewechselt: zu zehn Prozent des ursprünglichen Nennwerts. Wenn sie die Fonds-Namen im Internet sucht, tauchen rasch die Webseiten von Anlegeranwälten auf, die Hilfe versprechen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

10.09.2013, 14:33 Uhr

Ja ja, die Gier treibt manche Leute schon so an, daß sie den Rest an Verstand an der Garderobe abgeben.
So alt und immer noch so dämlich?

hermann.12

10.09.2013, 14:48 Uhr

Die Kritik an der Beratung ist etwas zu pauschal.

Der Hinweis bezüglich der verdienten Provision ist schlicht unseriös, weil möglicherweise völlig irrelevant.
Denn ob die Provisionen eine Rolle spielen hängt von der Qualität der Produkte ab und davon wie hoch der Anteil der geschlossenen Beteiligungen am Gesamtportfolio ist.

Zu dem galten gute Beteiligungen in der Tat als relativ risikolose Anlageformen, weil eben niemand mit einem Zusammenbruch eines Hypothekenmarktes in den USA und einer Finanzkrise gerechnet hat, die die entsprechenden Produkte quasi über Nacht in Schwierigkeiten brachten.
es gab Berater, die auf dieses "unwahrscheinliche" Risiko hinwiesen, andere haben dies fehlerhafter Weise unterlassen. Einen Unterschied hat das bei den Kunden so gut wie nie ausgemacht. Auch das war Realität.
Es kommt also darauf an, wie gut waren die Produkte unter damaligen Bedingungen und wie stark hat sich die Anlegerin engagiert. Ob sie damals informiert wurde oder nicht, dass lässt sich im Nachhinein wahrscheinlich nicht mehr feststellen, viele Kunden haben das mangels Bedeutung schlicht vergessen, aber auch manche Berater wirklich unterlassen.
Die Häufigkeit der Zeichnung ist grundsätzlich ebenfalls kein prinzipieller Hinweis für mangelnde Seriösität, denn eine Anlagestrategie basierte Liquidität aus Wertpapierdepots zur Zeichnung von Beteiligungen zu verwenden, die steuerfreien Ausschüttungen wieder zu reinvestieren. Das verhinderte ein Abschmelzen des Depots und erhöhte über die steuerlichen Vorteile deutlich die Rendite der Depots. Allerdings sollte der anteil der Beteiligungen gegenüber dem Gesamtdepot nicht zu hoch ausfallen. Nur dann hätte der Berater über die menge der Beteiligungen einen Fehler gemacht.
Für den Zusammenbruch der Finanzmärkte kann der Berater ebenso wenig wie bei einem Aktiencrash.

Die Schilderung bietet also Indizien für eine Fehlberatung, der Autor ist aber zu ahnungslos, um die richtigen Fragen zu stellen für eine solche Aussage.

H.

Winni2

10.09.2013, 16:12 Uhr

Wenn der am Schluß genannte Honorarberater die gleichen Anlagen empfohlen hätte, wäre zwar keine Provision geflossen, die Anlage insgesamt wäre auch nicht besser gewesen. Ob nun Honorar oder Provision, letztlich geht es um die Qualität der Empfehlung.

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