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18.10.2016

17:38 Uhr

Norwegen

Finanzberater für den Ölfonds

Erstmals in seiner Geschichte geht Norwegen seinem Staatsfonds in diesem Jahr an die Substanz. Schuld daran sind sinkende Erträge. Jetzt empfiehlt eine Kommission dem Fonds eine höhere Aktienquote.

Der Ölreichtum vor der norwegischen Küste hat das Land zu einem der reichsten der Welt gemacht. Der Ölfonds soll den Wohlstand für künftige Generationen sichern. dpa

Ölförderung vor Norwegen

Der Ölreichtum vor der norwegischen Küste hat das Land zu einem der reichsten der Welt gemacht. Der Ölfonds soll den Wohlstand für künftige Generationen sichern.

FrankfurtMit dem größten Staatsfonds der Welt im Rücken lebt es sich in Norwegen eigentlich bequem. Auf knapp 790 Milliarden Euro bringt es der sogenannte norwegische „Ölfonds“ (Statens Pensjonsfond utland), der den Wohlstand des Landes aus der Ölindustrie verwalten soll. Doch es gibt Luxusprobleme. Die Erträge des Fonds schmelzen. Fortan soll ein größerer Aktienanteil helfen, rät eine zu Hilfe gerufene Kommission.

Denn es sind nicht mehr nur die im Vergleich zu 2014 immer noch halbierten Ölpreise, die den Norwegern zu schaffen machen. Auch die Niedrig- bis Negativzinsen auf Anleihen sowie das geringe Weltwachstum schlagen durch.

Die Norweger sind besorgt über die maue Situation. Schließlich ist es der Regierung erlaubt, bis zu vier Prozent des Fondswertes für den Staatshaushalt zu nutzen. Im Normalfall soll dies allein aus den Erträgen gestemmt werden. Doch die Lage ist nicht mehr normal. Die Erträge seien laut den Experten aktuell unter der Zielsetzung. Mit der aktuellen Strategie prognostiziert die Kommission nur einen Ertrag von 2,3 Prozent über die nächsten 30 Jahre. Heißt: Schöpft die Regierung ihren Zugriff aus den Fonds voll aus, schmilzt das Fondsvermögen ab.

Um die Erträge wieder zu steigern, sollte der Fonds künftig bis zu 70 Prozent der Anlagen in Aktien halten dürfen, schlussfolgert die Kommission. Das sind rund zehn Prozent mehr als heute und entspricht etwa 79 Milliarden Euro. Aktuell sieht die Strategie eine Aufteilung in 60 Prozent Aktien, 35 Prozent Anleihen und fünf Prozent Immobilien vor.

Die größten Staatsfonds der Welt

Wo Geld langfristig angelegt werden soll

Sie horten Devisen oder gehören zu den größten Einzelanteilseignern von Konzernen: Staatsfonds. Der Marktführer etwa hält allein 1,3 Prozent an den börsennotierten Unternehmen der Welt. Einmal im Jahr gibt das Sovereign Wealth Fund Institute ein Ranking über die größten Staatsfonds heraus. Dies sind die Ergebnisse.

Stand: 31. Dezember 2015

„Statens pensjonsfond utland“ (Norwegen)

Der „Statens pensjonsfond utland“, wie der norwegische Staatsfonds offiziell heißt, ist mit einem Volumen von 824,9 Milliarden Dollar der weltweit größte seiner Art. Der Fonds wurde 1990 gegründet, um den Wohlstand der Nation aus dem Ölgewerbe für zukünftige Generationen zu erhalten. Deshalb wird er inoffiziell auch „Ölfonds“ genannt. 60 Prozent des Vermögens sind in Aktien, 35 Prozent in Zinspapieren und fünf Prozent in Eigentum wie Immobilien investiert.

Abu Dhabi Investment Authority

Ölreichtum ist auch der Hintergrund für den zweitgrößten Staatsfonds der Welt, die Abu Dhabi Investment Authority. Dessen Ziel ist es, über breit gestreute Investments in Aktien, Immobilien oder etwa Hedgefonds für die Zeit nach dem fossilen Zeitalter vorzusorgen.

Wert: 773 Milliarden Dollar

China Investment Corporation

Dieser chinesische Staatsfonds wurde 2007 gegründet, um einen Teil der riesigen Devisenreserven des Landes zu managen und beispielsweise in ausländische Firmen zu investieren. Von einst 200 Milliarden US-Dollar in seinem Gründungsjahr wuchs der CIC bis Ende 2015 auf 746,7 Milliarden US-Dollar an.

SAMA Foreign Holdings (Saudi-Arabien)

In dem Foreign Holdings-Fonds verwaltet die saudische Zentralbank „Saudi Arabien Monetary Agency“ die Einkommen aus der Ölindustrie des Staates. Fondsvolumen Ende 2015: 668,6 Milliarden Dollar.

Kuwait Investment Authority

Auch der arabische Staat Kuwait möchte seine Einnahmen aus dem Öl möglichst gewinnbringend anlegen – und diversifiziert seine Investments an den internationalen Märkten. Das Volumen des Fonds beträgt 592 Milliarden Dollar. Einen Teil davon hat Kuwait bei einem deutschen Autobauer angelegt: Kuwait hält 6,8 Prozent der Anteile an Daimler.

SAFE Investment Company (China)

Am liebsten sicher möchte China sein Geld anlegen, wie das Akronym vermuten lässt. Dahinter verbirgt sich die „State Administration of Foreign Exchange“. Diese unterhält eine Tochtergesellschaft in Hongkong, die SAFE Investment Company, welche sich wie auch schon die China Investment Corporation um die Anlage der Devisenreserven des Landes kümmern soll. Das Volumen des zweitgrößten chinesischen Staatsfonds wird auf 547 Milliarden Dollar geschätzt.

Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio

Der Exchange Fund, ein Vorläufer des Fonds, wurde bereits im Jahr 1935 gegründet. Knapp 60 Jahre später, 1993, wurde schließlich die Hong Kong Monetary Authority gegründet, welche den Fonds managt. Ende 2015 wachte verfügte der über 417,9 Milliarden Dollar. Diese werden vor allem in die Hongkonger Börse Hang Seng investiert.

GIC Privat Limited (Singapur)

Der größte Staatsfonds Singapurs wurde bereits im Jahre 1981 gegründet. Zuletzt wachte er über eine Anlagevermögen von 344 Milliarden Dollar. Die Summe teilt sich auf gleich drei einzelne Fonds, die alle von der Mutter verwaltet werden. International deutlich bekannter ist indes der Singapurer Staatsfonds Temasek. Der landet mit einem Volumen von „nur“ 193,6 Milliarden Dollar lediglich auf Rang 11 der weltweit größten seiner Art.

Qatar Investment Authority

Das kleine Emirat Qatar am persischen Golf erfreut sich großer Öl- und Gasressourcen. Um den Gewinn daraus möglichst langfristig anzulegen, wurde 2005 die Qatar Investment Authority gegründet. Sie wacht über 256 Milliarden Dollar. Die für Deutsche wohl bekannteste Beteiligung besitzt die Investmentgesellschaft an Volkswagen: Insgesamt 17 Prozent hält der Staatsfonds über die Qatar Holding LLC am Wolfsburger Konzern.

National Social Security Fund (China)

Die Top Ten der größten Staatsfonds der Welt rundet ein chinesischer Fonds ab. Der National Social Security Fund wurde 2000 gegründet, um die Anlagen der sozialen Leistungen zu verwalten. Sein Volumen beträgt 236 Milliarden Dollar. Damit stammen von den zehn größten Staatsfonds der Welt gleich vier aus dem Reich der Mitte – das Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio inbegriffen.

„Eine höhere Aktienquote erhöht den zu erwartenden Betrag und den Anteil zum Staatshaushalt. Allerdings bedeutet dies auch größere Schwankungen und ein erhöhtes Risiko für einen langfristigen Rückgang des Fondswertes“, erklärt die Kommission. Die Mehrheit der Experten hält dieses Risiko allerdings für „akzeptabel“.

Doch selbst dann sei das aktuelle Ziel von vier Prozent Gewinn nicht mehr realistisch. Vielmehr müsse Norwegen seine Erwartungen herunterschrauben. Drei Prozent seien schon eher machbar.

Ziel ist es, ein Abschmelzen des Fondsvermögens zu verhindern. Wegen der gefallenen Ölpreise und der niedrigeren Erträge ging Norwegens Regierung ihrem Ölfonds in diesem Jahr erstmals in dessen Geschichte an die Substanz. 95,7 Milliarden Norwegische Kronen (derzeit etwa zehn Milliarden Euro) zieht die Regierung dieses Jahr aus dem Fondsvermögen ab. Im kommenden Jahr sollen es schon 121,2 Milliarden Kronen (13,4 Milliarden Euro) sein. Daher wird nun dringend eine Lösung gesucht, die Erträge wieder zu steigern.

Seitdem 1996 das erste Geld in den Ölfonds floss, wurde das Vermögen schrittweise größeren Anlagechancen, aber eben auch –risiken ausgesetzt. Ab 1998 wird das Geld in Aktien investiert, ab 2000 darf in Schwellenländer investiert werden und seit 2011 fließen die Mittel auch in Immobilien. Das hat bislang gut funktioniert. Im Schnitt erwirtschaftete der Fonds einen Ertrag von 5,66 Prozent seit 1998. Inflationsbereinigt sind es immer noch 3,75 Prozent.

Doch die Quote sinkt. Deshalb hat Finanzministerin Siv Jensen von der Fortschrittspartei im Januar eine Kommission mit einer Lösung des Problems beauftragt. Allerdings ist sich selbst die auserwählte Expertenkommission nicht einig. Ausgerechnet der Vorsitzende der Kommission, Knut Anton Mork, verfolgt eine gänzlich andere Strategie: Ihm zufolge müsse die Aktienquote um zehn Prozent, also auf 50 Prozent, sinken, nicht steigen. Das könnte die Schwankungen verkleinern und zumindest einen stabilisieren Geldfluss für das Staatsbudget garantieren.

Finanzministerin Jensen hat noch Zeit, um sich beide Vorschläge gründlich durch den Kopf gehen zu lassen. Eine Entscheidung wird ihr Ministerium erst im Frühling nächsten Jahres fällen.

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