Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2016

15:37 Uhr

Norwegens Staatsfonds

Ethik-Ausschuss will Auslese verschärfen

Norwegens Staatsfonds ist ein Gigant in der Finanzwelt. Beraten wird er von einem unabhängigen Ethikausschuss. Der fordert nun, dass der Fonds bei seinen Anlageentscheidungen stärker Positionen bezieht.

Der Fonds, der Norwegens immense Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung anlegt, verwaltet Vermögenswerte von mehr als 830 Milliarden Dollar. dpa

Reichtum durch Öl und Gas

Der Fonds, der Norwegens immense Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung anlegt, verwaltet Vermögenswerte von mehr als 830 Milliarden Dollar.

OsloMenschenrechtsverstöße, Korruption, Waffenhandel, Umweltverschmutzung – dagegen soll Norwegens Staatsfonds bei seinen Anlageentscheidungen stärker Position beziehen. Er dürfte künftig daher mehr Firmen aus dem Portfolio werfen, die sich in diesen Bereichen etwas zuschulden kommen lassen. Das signalisierte der Vorsitzende des Ethik-Ausschusses des weltgrößten Staatsfonds, Johan H. Andresen, im Interview der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir haben vergangene Woche den Ausschluss eines Unternehmens empfohlen, und es gibt weitere, mit denen wir uns gerade beschäftigen“, sagte Andresen. „Einige dieser Unternehmen sind ziemlich groß.“ Im Visier hat der Ausschuss derzeit etwa den von einem Korruptionsskandal erschütterten brasilianischen Ölriesen Petrobras. Bislang wurden 66 Firmen aus ethischen Gründen ausgeschlossen.

Der Fonds, der Norwegens immense Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung anlegt, ist ein Gigant in der Finanzwelt. Er verwaltet Vermögenswerte von mehr als 830 Milliarden Dollar. Ihm gehören weltweit 1,3 Prozent aller Aktien von börsennotierten Gesellschaften. Ende 2015 hielt er Anteile von mehr als 9000 Unternehmen. Beraten wird er von einem unabhängigen Ethikausschuss. Dieser gibt Empfehlungen ab zu Firmen, die gegen die Standards des Fonds verstoßen. Auf Basis dieser Einschätzungen weist die norwegische Zentralbank das Fondsmanagement dann an, in bestimmte Firmen nicht mehr zu investieren. Sie kann Unternehmen auch unter Beobachtung setzen mit dem Ziel, dass diese Abhilfe schaffen. Diesen Status hat aktuell etwa Petrobras.

Die größten Staatsfonds der Welt

Wo Geld langfristig angelegt werden soll

Sie horten Devisen oder gehören zu den größten Einzelanteilseignern von Konzernen: Staatsfonds. Der Marktführer etwa hält allein 1,3 Prozent an den börsennotierten Unternehmen der Welt. Einmal im Jahr gibt das Sovereign Wealth Fund Institute ein Ranking über die größten Staatsfonds heraus. Dies sind die Ergebnisse.

Stand: 31. Dezember 2015

„Statens pensjonsfond utland“ (Norwegen)

Der „Statens pensjonsfond utland“, wie der norwegische Staatsfonds offiziell heißt, ist mit einem Volumen von 824,9 Milliarden Dollar der weltweit größte seiner Art. Der Fonds wurde 1990 gegründet, um den Wohlstand der Nation aus dem Ölgewerbe für zukünftige Generationen zu erhalten. Deshalb wird er inoffiziell auch „Ölfonds“ genannt. 60 Prozent des Vermögens sind in Aktien, 35 Prozent in Zinspapieren und fünf Prozent in Eigentum wie Immobilien investiert.

Abu Dhabi Investment Authority

Ölreichtum ist auch der Hintergrund für den zweitgrößten Staatsfonds der Welt, die Abu Dhabi Investment Authority. Dessen Ziel ist es, über breit gestreute Investments in Aktien, Immobilien oder etwa Hedgefonds für die Zeit nach dem fossilen Zeitalter vorzusorgen.

Wert: 773 Milliarden Dollar

China Investment Corporation

Dieser chinesische Staatsfonds wurde 2007 gegründet, um einen Teil der riesigen Devisenreserven des Landes zu managen und beispielsweise in ausländische Firmen zu investieren. Von einst 200 Milliarden US-Dollar in seinem Gründungsjahr wuchs der CIC bis Ende 2015 auf 746,7 Milliarden US-Dollar an.

SAMA Foreign Holdings (Saudi-Arabien)

In dem Foreign Holdings-Fonds verwaltet die saudische Zentralbank „Saudi Arabien Monetary Agency“ die Einkommen aus der Ölindustrie des Staates. Fondsvolumen Ende 2015: 668,6 Milliarden Dollar.

Kuwait Investment Authority

Auch der arabische Staat Kuwait möchte seine Einnahmen aus dem Öl möglichst gewinnbringend anlegen – und diversifiziert seine Investments an den internationalen Märkten. Das Volumen des Fonds beträgt 592 Milliarden Dollar. Einen Teil davon hat Kuwait bei einem deutschen Autobauer angelegt: Kuwait hält 6,8 Prozent der Anteile an Daimler.

SAFE Investment Company (China)

Am liebsten sicher möchte China sein Geld anlegen, wie das Akronym vermuten lässt. Dahinter verbirgt sich die „State Administration of Foreign Exchange“. Diese unterhält eine Tochtergesellschaft in Hongkong, die SAFE Investment Company, welche sich wie auch schon die China Investment Corporation um die Anlage der Devisenreserven des Landes kümmern soll. Das Volumen des zweitgrößten chinesischen Staatsfonds wird auf 547 Milliarden Dollar geschätzt.

Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio

Der Exchange Fund, ein Vorläufer des Fonds, wurde bereits im Jahr 1935 gegründet. Knapp 60 Jahre später, 1993, wurde schließlich die Hong Kong Monetary Authority gegründet, welche den Fonds managt. Ende 2015 wachte verfügte der über 417,9 Milliarden Dollar. Diese werden vor allem in die Hongkonger Börse Hang Seng investiert.

GIC Privat Limited (Singapur)

Der größte Staatsfonds Singapurs wurde bereits im Jahre 1981 gegründet. Zuletzt wachte er über eine Anlagevermögen von 344 Milliarden Dollar. Die Summe teilt sich auf gleich drei einzelne Fonds, die alle von der Mutter verwaltet werden. International deutlich bekannter ist indes der Singapurer Staatsfonds Temasek. Der landet mit einem Volumen von „nur“ 193,6 Milliarden Dollar lediglich auf Rang 11 der weltweit größten seiner Art.

Qatar Investment Authority

Das kleine Emirat Qatar am persischen Golf erfreut sich großer Öl- und Gasressourcen. Um den Gewinn daraus möglichst langfristig anzulegen, wurde 2005 die Qatar Investment Authority gegründet. Sie wacht über 256 Milliarden Dollar. Die für Deutsche wohl bekannteste Beteiligung besitzt die Investmentgesellschaft an Volkswagen: Insgesamt 17 Prozent hält der Staatsfonds über die Qatar Holding LLC am Wolfsburger Konzern.

National Social Security Fund (China)

Die Top Ten der größten Staatsfonds der Welt rundet ein chinesischer Fonds ab. Der National Social Security Fund wurde 2000 gegründet, um die Anlagen der sozialen Leistungen zu verwalten. Sein Volumen beträgt 236 Milliarden Dollar. Damit stammen von den zehn größten Staatsfonds der Welt gleich vier aus dem Reich der Mitte – das Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio inbegriffen.

Ein großes Thema für den Ethikausschuss ist Korruption. 14 Verdachtsfälle werden untersucht. Besonders häufig seien Firmen aus der Telekom-, Energie- und Verteidigungsindustrie betroffen, sagte Andresen. Dies liege insbesondere daran, dass dort aus Sicherheitsgründen Verträge besondere Verschwiegenheitsklauseln enthielten. „Es hat uns vor allem überrascht, was wir in der Waffenindustrie gefunden haben. Es scheint, als ob die Abwesenheit von Korruption eher Ausnahme als Normalfall ist“, erläuterte der Ausschussvorsitzende.

Ferner prüfe das Gremium Vorwürfe wegen angeblicher Menschenrechtsverletzungen auf Baustellen in Katar, wo 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden soll. Auch die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Indien und Bangladesch sowie bei Elektronikherstellern in Malaysia würden unter die Lupe genommen. Außerdem gehe es um Umweltverschmutzung durch Chemieunternehmen und Investitionen in die klimaschädliche Industrien, führte Andresen aus. In diesem Zusammenhang könnte sich der Staatsfonds etwa von seinen Beteiligungen an Kohleproduzenten wie RWE trennen.

Beteiligungen an Unternehmen, die Atomwaffen oder Landminen herstellen, sind dem Fonds von Gesetz wegen verboten. Auch Firmen, die an der Entwicklung sogenannter Killerroboter – also Waffen, die ohne menschliche Lenkung auf Ziele feuern – arbeiten, sollen geächtet werden, wie Andresen ankündigte.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×