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13.07.2011

15:27 Uhr

Pimco-Chef El-Erian

„Die Kapitalflucht in Griechenland kann sehr schnell eskalieren“

VonIngo Narat

ExklusivMohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco, rechnet mit einer baldigen Umschuldung Griechenlands. Welche Folgen das für Europa haben kann, verrät er im Interview mit dem Handelsblatt.

Mohamed El-Erian leitet die Investmentgesellschaft Pimco. Quelle: Reuters

Mohamed El-Erian leitet die Investmentgesellschaft Pimco.

Handelsblatt: Wird Griechenland pleitegehen?

Mohamed El-Erian: Eine Restrukturierung ist sehr wahrscheinlich. Die Kernfrage ist, wann und ob dies in einer geordneten oder ungeordneten Art und Weise geschieht. Nach gegenwärtigem Stand hat das Land zu viele Verbindlichkeiten – und es fehlt die Wachstumsperspektive. Sparen alleine löst das Problem nicht.

Was ist falsch gelaufen?

Trotz großer Rettungspakete von EU, IWF, EZB und großer Opfer der Griechen steht das Land schlechter da als vor einem Jahr. Alle Konjunktur- und Finanzindikatoren haben sich gegenüber dem Vorjahr verschlechtert und liegen unter den ursprünglich getroffenen Annahmen. Weil die Rettungspakete die Wurzeln der griechischen Probleme nicht adäquat angingen. Bisher gab es zwar Finanzhilfen, aber keine unterstützenden Maßnahmen für das Wachstum und zur Lösung des Solvenzproblems.

Welche Probleme gibt es sonst noch?

Im Lauf des letzten Jahres wurde die Bilanz der EZB mit toxischen Anleihen belastet; es wurden Verbindlichkeiten vom privaten in den öffentlichen Sektor transferiert. Es gibt also weniger Spielraum für Lastenteilung, denn die privaten Kreditgeber haben sich weitgehend verabschiedet.

Wann kommt die Umschuldung Griechenlands?

Wahrscheinlich in den nächsten sechs Monaten – und hoffentlich in geordneter Form, ähnlich wie früher im Falle Pakistans oder Uruguays. Das würde einen Haircut bedeuten, den die Märkte bei Griechenland derzeit mit einem Schuldenabschlag von 50 bis 60 Prozent einpreisen.

Was ist mit den anderen Krisenländern, mit Portugal oder Irland?

Bei jedem Land mit hoher Verschuldung ist die entscheidende Frage: Wie stark wächst die Wirtschaft, und wie sind die Chancen zur Rückzahlung der Verbindlichkeiten? Griechenland steht in Bezug auf die Schuldentragfähigkeit am schlechtesten da, hinter Portugal und Irland. Mit zum Glück großem Abstand kommen dann Spanien, Italien und Belgien. Deutschland belegt in dieser Rangliste den besten Platz. Es fährt die Früchte seiner langjährigen Reformen und seines guten Umgangs mit dem Haushaltsdefizit ein.

Werden Portugal und Irland Griechenland auf seinem Weg folgen müssen?

Portugal und Irland sehen sich zwar einem Umschuldungsrisiko gegenüber, eine Umstrukturierung ist hier aber vermeidbar. Spanien ist relativ stark, aber ähnlich wie Italien anfällig bei einer psychologischen Eskalation der Lage in der EU.

Italien ist ein gutes Stichwort ...

Das Übergreifen der Marktverwerfungen auf Italien ist sehr beunruhigend. Italien ist eine deutlich größere Volkswirtschaft als Griechenland mit höherer ausstehender Verschuldung, und es spielt eine bedeutendere Rolle in der Euro-Zone. Glücklicherweise ist die Schuldendynamik weniger nachteilig als in Griechenland, die inländische Investorenbasis ist breiter und stabiler, die Wirtschaft flexibler.

Kommentare (14)

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gdopamin

13.07.2011, 16:19 Uhr

Wen interessiert noch Griechenland?

Geht es nur mir so oder haben auch andere User das Gefühl, dass die Märkte schon längst weiter sind und GR. schon lange abgehakt ist.
Selbst ein Ramschniveau von Irland hat alle kalt gelassen.

Man warte auf den Big Bang.

Die Credit Suisse hat gestern vor dem Kollaps der Eurozone gewarnt – ich glaube das beschreibt die Situation eher und ist auch nicht mehr zu vermeiden.

MIRO

13.07.2011, 16:43 Uhr

Kapitalflucht aus Griechenland? Diese Sorge können wir abhaken.Denn die vermögenden Griechen habe ihr Geld längst schon
in Sicherheit gebracht und in SF und Goldbarren bei schweizer Banken deponiert.
Wer in Griechenland letzendlich der Dumme sein wird ist der
normale Bürger der seine Spargroschen noch immer auf seinem Sparbuch liegen hat und dem Gerede der Politiker vertraut hat.

Account gelöscht!

13.07.2011, 16:46 Uhr

Wir befinden uns eigentlich schon hinter dem Point of no Return. Griechenland bekommt den Schuldenschnitt, der eventuell ungeordnet verläuft. Italien ist angezählt - auch wenn jetzt wieder die Gesundbeter daherkommen, muss das Land in diesem Jahr 300 Mrd. Euro neu beleihen. Mein Tipp: Unter 8 Prozent Durchnittsrendite läuft das nicht mehr in dieser Größernordnung. Die Zinsen für Spanien werden entsprechend mitwachsen. Millionen von Immobilienkrediten drohen dort dann zu implodieren. Anders als in Deutschland haben die Käufer dort meist flexible Zinssätze vereinbart. Damit steht ein zweiter Immobiliencrash kurz bevor. Ähnliches Schicksal wird die Iren treffen. Hier kommt noch dazu, dass die angeschlagenen (welche Beschönigung der tatsächlichen Sit.)Banken weiteres Geld in astromomischen Größenordnungen benötigen. Belgien ist weiterhin ohne Regierung und Handlungsfähigkeit. In den Niederlanden und in Finnland rebellieren die Wähler. Der Altherren-Lionsclub in Brüssel tut derweil so, als wäre alles in bester Ordnung. So schafft man Katastrophen. Deutschland täte gut daran, schon die neue Währung für unser Land drucken zu lassen. Es wird sowieso kommen. Entweder geordnet oder in einem chaotischen und extrem zerstörerischen Zusammenbruch der Wirtschaftsordnung ganz Europas. Ich weiß schon jetzt, für welche Möglichkeit sich unsere feinen Herren entscheiden werden.

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