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22.09.2015

10:10 Uhr

Pimco-Ökonom im Interview

„Die Fed ist die Notenbank der ganzen Welt“

VonFrank Wiebe, Astrid Dörner

Das Bekenntnis von Fed-Chefin Yellen zur lockeren Geldpolitik hat Joachim Fels überrascht. Im Interview erklärt der Chef-Ökonom von Pimco, warum die Märkte verwirrt sind und der Zustrom an Flüchtlingen eine Chance ist.

Notenbankerin für die ganze Welt? ap

Janet Yellen

Notenbankerin für die ganze Welt?

Joachim Fels mag das neue Büro. Im Mai wechselte der Deutsche von Morgan Stanley aus London zu Pimco. Und freut sich nun über das sonnige Wetter in der Zentral im kalifornischen Newport Beach, von wo aus er die Lage der Weltwirtschaft analysiert.

Herr Fels, wie bewerten Sie die Entscheidung der US-Notenbank, die Zinswende noch einmal zu verschieben?
Ende Juli sah es noch so aus, als würde die Fed im September die Zinsen anheben. Doch dann kam der August. Die Turbulenzen in China und an den Märkten haben die Kalkulationen der Fed verändert. Es war abzusehen, dass die Notenbank die Zinswende dieses Mal noch hinausschiebt. Was uns überrascht hat, war wie sehr sich Fed-Chefin Janet Yellen als geldpolitische „Taube“ gezeigt hat – also für eine lockere Geldpolitik und niedrige Zinsen steht. Auch waren wir überrascht, dass die Fed ihren Ausblick für die US-Wirtschaft, den Anstieg der Inflation und ihre Prognose für die Leitzinsen in den kommenden Jahren deutlich nach unten korrigiert hat.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Was hatten Sie erwartet?
Wir hatten damit gerechnet, dass sie zwar die Zinswende verschiebt, aber deutlich den Wunsch nach einer restriktiveren Geldpolitik signalisiert. Das ist ausgeblieben.

Die Märkte haben nach der Entscheidung nachgegeben. Das ist ungewöhnlich.
Die Märkte sind verwirrt und sind besorgt über den Ausblick der Fed. Ich denke, das ist eine Überreaktion, über die man hinwegsehen muss. Denn die Fed hat klar signalisiert, dass sie ihre beiden Mandate ernst nimmt. Sie kümmert sich nicht nur um das Wohl des Arbeitsmarktes, sondern hat auch das Inflationsziel im Auge. Sie ist also bereit, die Wirtschaft weiter zu stimulieren. Das sollte mittelfristig gut für die Märkte sein.

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Aber die niedrigen Zinsen richten auch Schaden an, zum Beispiel für die Sparer.
In Deutschland, aber auch in anderen Ländern denken viele, die Anleihe-Renditen sind so niedrig, weil die Notenbanken so viel Geld gedruckt haben. Aber es gibt noch eine andere Meinung, der ich eher zuneige: Es sind fundamentale Kräfte wie der Überhang an Spargeld, die den Zinssatz nach unten drücken, bei dem die Wirtschaft sich im Gleichgewicht befindet. Und die Fed muss diesen Kräften folgen, wenn sie keine Rezession auslösen will.

Wenn alle Notenbanken vorsichtig sind und versuchen, die eigene Währung zu schwächen, rutschen wir dann nicht ab in einen Währungskrieg?
Das Wort „Krieg“ gefällt mir nicht. Ich würde eher sagen, die Notenbanken befinden sich alle in einem Kampf gegen geringe Inflation. Dass die Währungen geschwächt werden, ist eher sekundärer Effekt daraus.

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