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05.07.2017

19:19 Uhr

Prozessauftakt im Fall Shkreli in den USA

„He was born this way”

VonKatharina Kort

In Brooklyn steht der ehemalige Hedgefonds-Manager Martin Shkreli vor Gericht. Er soll seine Anleger betrogen haben. Sein Anwalt sagt, dass die Investoren, „das Genie seines Mandanten benutzt und Millionen gemacht“ hätten.

Der ehemalige Hedgefonds-Manager und Social-Media-Star nutzt die Prozesspausen, um seine Sicht der Dinge darzustellen. AP

Martin Shkreli

Der ehemalige Hedgefonds-Manager und Social-Media-Star nutzt die Prozesspausen, um seine Sicht der Dinge darzustellen.

New YorkMartin Shkreli lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Der ehemalige Hedgefonds-Manager, Pharmavorstand und Social-Media-Star twittert und streamt munter weiter. Und das, obwohl er in Brooklyn wegen mutmaßlichen Finanzbetrugs vor Gericht steht und auch sein Anwalt ihm zum Schweigen rät. Nun wollen die Staatsanwälte dem 34-Jährigen offiziell einen Maulkorb verpassen. Am Mittwoch hat auch Twitter Shkrelis anonymen Account gesperrt.

Seit Shkreli vor zwei Jahren als CEO von Turing Pharmaceuticals den Preis des Medikaments Daraprim für Aidskranke und Neugeborene von 13,50 Dollar auf 750 Dollar pro Tablette anhob, gilt er als einer der meistgehassten Menschen in den USA. Mit seinem skrupellosen Vorgehen verdiente er sich den Spitznamen „Pharma-Bro“ – abgeleitet von seinem Pseudonym „@BLMBro“.

In dem neuen Prozess in Brooklyn ist das einstige Wunderkind der Finanzwelt allerdings nicht wegen hoher Pharmapreise angeklagt, sondern wegen Finanzbetrugs in seiner Funktion als Hedgefonds-Manager. In acht Punkten wird dem Investor und Unternehmer unter anderem vorgeworfen, seinen Anlegern Verluste verschwiegen und sie mit Aktien an seiner eigenen Pharmafirma Retrophin abgespeist zu haben.

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Schon die Auswahl der Jury war nicht einfach bei einem so berühmten und unbeliebten Angeklagten. Schließlich dürfen die Juroren noch nie etwas von dem Fall gehört haben und nicht voreingenommen sein. Viele Kandidaten machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Shkreli. „Ich bin nur bei der Wahl des Gefängnisses unparteiisch“, sagte einer von ihnen. Es dauerte länger als drei Tage, bis die Jury endlich stand. Denn mehr als 250 Personen waren nicht geeignet, als Juroren eingesetzt zu werden.

Am Mittwoch wurde der Prozess fortgesetzt. Im Vorfeld hatten die Staatsanwälte gefordert, Shkreli offiziell zu verbieten, sich zum Prozess zu äußern. Doch davon will der Social-Media-Star nichts wissen. Auch gegen Anraten des Anwalts plappert Pharma-Bro munter weiter – im Gerichtsflur ebenso wie im Internet. Nach jedem Prozesstag streamt er im Internet live, und unter dem Pseudonym @BLMBro teilte er seine Sicht auf Twitter. Der Kurznachrichtendienst, der ihn schon einmal wegen Belästigung einer Journalistin gesperrt hatte, sperrte am Mittwoch auch den neuen Account.

Während einer Prozesspause hatte sich Shkreli jüngst unbemerkt von seinem Anwalt zu den Journalisten gesellt, um seine Sicht der Dinge darzustellen: Die gegen ihn ermittelnden Staatsanwälte bezeichnete er als „Ersatzbank-Spieler“ und sagte, seine Kritiker wollten ihn „für den Kapitalismus verantwortlich machen“.

Shkreli gibt die Schuld dem Kapitalismus. Er sei schließlich im Kapitalismus per Gesetz dazu verpflichtet, als Pharmamanager für seine Aktionäre das Maximum herauszuholen, behauptet er. Auch als Hedgefonds-Manager habe er nur die alle Wege genutzt, um den Profit zu maximieren.

Die Zeugin der Anklage, Sarah Hassan, sei alles andere als ein Opfer, erklärte Shkreli der Presse. Tatsächlich hatte Hassan ausgesagt, dass sie 300.000 Dollar in einen von Shkrelis Hedgefonds investiert und beim Abwickeln des Fonds dafür 400.000 Dollar in bar und 50.000 Retrophin-Aktien bekommen habe. Diese hätte sie später für 900.000 Dollar verkauft. Demnach hatte Hassan ihren Einsatz vervierfacht. „Wären wir doch alle solche Opfer im Leben!“, merkte Shkreli ironisch an.

Es ist gut möglich, dass die Jury-Mitglieder, die im wesentlichen aus der Arbeiterklasse kommen, wenig Mitgefühl mit den angeblich geschädigten Investoren haben, die sechsstellige Beträge flüssig haben, um sie in Hedgefonds anzulegen. Das wissen auch der hochbegabte Sohn albanischer Einwanderer und dessen Anwalt.

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„Die Investoren haben das Genie meines Mandanten benutzt und Millionen gemacht“, sagte der Anwalt Benjamin Brafman zum Prozessauftakt. „Trotz seiner Mängel und seiner dysfunktionalen Persönlichkeit ist Martin Shkreli so brilliant, dass man es nicht in Worte fassen kann“.

Der Anwalt weiß, dass Shkreli nicht davor zurückschreckt, seinen Gegner mit seiner albanischen Abstammung und dem damit einhergehenden hitzigen Temperament zu drohen oder Gesprächspartner im Live-Stream lächerlich zu machen.

„Ist er komisch? Ja. Werden Sie ihn seltsam finden? Ja“, prophezeite Brafman den Juroren und zitierte die Pop-Sängerin Lady Gaga: „He was born this way“. Aber was er für die Millionäre getan habe, sei nicht illegal gewesen, erklärt Brafman: „Es war umgesetzter Kapitalismus“.

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