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07.05.2013

09:35 Uhr

Gefährliche Niedrigzinsen

Weg mit dem Geld?!?

VonJörg Hackhausen

Die Notenbanken haben eine verkehrte Welt erschaffen: Geld gibt es fast zum Nulltarif. Sparen lohnt nicht mehr. Die Deutschen tun sich schwer mit der neuen Realität. Sie sehen zu, wie ihre Ersparnisse an Wert verlieren.

Wie gewonnen, so zerronnen: Sparen bringt (leider) nicht mehr viel. Getty Images

Wie gewonnen, so zerronnen: Sparen bringt (leider) nicht mehr viel.

DüsseldorfMax Magnesium* ist ein weltgewandter Mann. Der Deutsche arbeitet als Designer in der Werbebranche, wird von internationalen Konzernen beauftragt, pendelt zwischen New York und Paris. Ein Meister seines Fachs. Nur eine Frage beunruhigt ihn: Wohin mit dem Geld? „Es fühlt sich momentan besser an einer Bank Geld zu schulden, als dort Geld zu haben“, sagt er. „Also weg damit!“

Das klingt paradox. Aber es ist leider Realität. Der Schuldner ist besser dran als der Sparer.

Um einen Crash an den Finanzmärkten zu verhindern, haben die Notenbanken fast unbegrenzt billiges Geld zur Verfügung gestellt. Die Federal Reserve in den USA, die Bank of England und die Bank of Japan haben die Zinsen praktisch abgeschafft. Die EZB ist auf dem besten Weg dahin. In der vergangenen Woche hat sie ihren Schlüsselzins auf 0,5 Prozent gesenkt. So günstig kamen die europäischen Banken noch nie an Geld. EZB-Chef Mario Draghi bekräftigte erst gestern, dass er den Leitzins notfalls weiter senken wird.

Jetzt schon besteht die Gefahr, dass das Geld nicht da ankommt, wo es hin soll. Billiges Geld begünstigt Investitionen, die unter normalen Umständen nicht sinnvoll wären. Es schafft Anreize, höhere Risiken einzugehen. Betroffen ist aber auch jeder, der, so wie Max Magnesium, etwas Geld zurückgelegt hat. „Die Dummen sind einmal mehr die Sparer, die auf jetzt noch niedrigeren Zinsen sitzenbleiben“, sagt Torsten Gellert, Deutschlandchef des Devisenbrokers FXCM.

Wo das Geld der Deutschen liegt

Geldvermögen gesamt

2010: 4.645,4 Milliarden Euro

2011: 4.710,2 Milliarden Euro

2012: 4.939,0 Milliarden Euro

Quelle: Deutsche Bundesbank, 03.05.2013

Bargeld und Sichteinlagen

2010: 914,1 Milliarden Euro

2011: 953,3 Milliarden Euro

2012: 1.056,9 Milliarden Euro

Termingelder

2010: 262,6 Milliarden Euro

2011: 280,5 Milliarden Euro

2012: 274,4 Milliarden Euro

Spareinlagen

2010: 609,1 Milliarden Euro

2011: 608,2 Milliarden Euro

2012: 608,0 Milliarden Euro

Sparbriefe

2010: 75,0 Milliarden Euro

2011: 85,4 Milliarden Euro

2012: 75,5 Milliarden Euro

Festverzinsliche Wertpapiere

2010: 254,1 Milliarden Euro

2011: 247,1 Milliarden Euro

2012: 238,2 Milliarden Euro

Aktien

2010: 243,5 Milliarden Euro

2011: 221,5 Milliarden Euro

2012: 259,1 Milliarden Euro

Sonstige Beteiligungen

2010: 179,1 Milliarden Euro

2011: 185,2 Milliarden Euro

2012: 193,4 Milliarden Euro

Investmentzertifikate

2010: 435,4 Milliarden Euro

2011: 394,9 Milliarden Euro

2012: 420,1 Milliarden Euro

Ansprüche gegenüber Versicherungen

2010: 1.358,1 Milliarden Euro

2011: 1.400,2 Milliarden Euro

2012: 1.468,9 Milliarden Euro

Ansprüche aus Pensionsrückstellungen

2010: 284,3 Milliarden Euro

2011: 295,4 Milliarden Euro

2012: 306,6 Milliarden Euro

Sonstige Forderungen

2010: 39,0 Milliarden Euro

2011: 38,4 Milliarden Euro

2012: 37,9 Milliarden Euro

Die Zinsen für Sparguthaben sind bereits auf Tiefstand - und sie werden nach der EZB-Entscheidung weiter sinken. Umgekehrt sind Ratenkredite und Baugeld günstig. Der Deutsche tut sich schwer mit dieser neuen Realität. „Er ist ein williger Gläubiger, der sein Geld lieber anderen verleiht als damit selbst Eigentum zu erwerben“, sagt der Vermögensverwalter Bert Flossbach aus Köln.

Die Sparkassen und Versicherer bangen schon um's Geschäft. Jede weitere Absenkung der Zinsen lasse „die Sparguthaben schmelzen“, das wiederum bedeute „einen sinkenden Anreiz für das Sparen und Vorsorgen“, heißt es in einer Verlautbarung des Sparkassenverbandes. Dennoch ist nicht zu erwarten, dass die Leute scharenweise ihre Sparguthaben auflösen. Der deutsche Sparer ist erfahrungsgemäß zu träge. „Ich glaube nicht, dass die deutschen Sparer nun ihre traditionelle Vorsicht über Bord werfen“, sagte Jörg Warncke, Anleihefondsmanager von Union Investment.

Kommentare (64)

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Account gelöscht!

07.05.2013, 09:43 Uhr

Herrlich diese Zeiten, um ausschließlich von Aktien-Dividenden als einzige Einkunftsart zu Leben und seine Familie zu ernähren.

hermann.12

07.05.2013, 09:57 Uhr

Letztlich ist der niedrige Zins eine Folge einer Vermögensinflationierung. Es existiert schlicht zuviel Geld im Verhältnis zu potentiellen Investionsobjekten.
dieses Problem ist folge der Schöpfung von nicht werthaltigne krediten sowohl der banken als auch des Staates.
Möglich wurde das durch Verschleierung, Bilanizerungstricks und ordnungspolitische Beseitigung entsprechender Hürden.
Der Wertschwund ist also nur die Korrektur vermeindlichen Wertes auf den realen Wert.
Inflation wird das nur deshalb nicht genannt, weil diesmal die Geldvermehrung nicht lohngetrieben wird und deshalb keine Preisspirale bei Konsumprodukten auslöst.
Je größer die Geldmenge, desto geringer müssen in Relation dazu also die Erträge und Zinsen werden, damit keine Inflation entsteht.
Wenn aber die Ertragschancen sinken wird sich irgendwann die Investition nicht mehr lohnen, das ist das Problem dieser Politik der Nichtveränderung, die lediglich Zeit verschafft.
Ohne Strukturreformen die das Ertrags-/ Risikoverhältnis der Wirtschaft deutlich zugunsten des Ertrages verändert, wird das nicht gehen. Um das Risiko für Investoren zu vermindern wird sich nicht vermeiden lassen, die vielen Auflagen und Hindernisse, Vorschriften und daran hängende Mitesser zu reduzieren, die zwar vielfach wünschenswert sind, aber eben auch für nicht eintretende Risiken bezahlt werden müssen und somit letztlich zu teuer sind.

H.

super010904

07.05.2013, 09:59 Uhr

Die Frage am Ende des Tages ist, ob man aufgrund der niedrigen Sparzinsen bei Spareinlagen mehr Geld verliert als bei dem gutgemeinten Ratschlag in überteuerte Sachwerte wie Immobilien, Gold, Aktien zu investieren. Die beste Möglichkeit ist sein Geld auszugeben oder nichts mehr zu arbeiten.

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