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16.06.2015

07:27 Uhr

Geldanlage und Griechenland

„Auf den Grexit zu wetten, ist sehr risikoreich“

VonJessica Schwarzer

Die drohende Staatspleite Griechenlands versetzt die Märkte in Aufregung. Die Reaktionen der Börse auf einen Grexit könnten heftig ausfallen. Einen Crash erwarten Experten nicht – aber starke Kursschwankungen.

Scheidet Griechenland aus dem Euro aus? Der Grexit wird zu einer realen Gefahr für Anleger. Imago

Brüchige Verbindung

Scheidet Griechenland aus dem Euro aus? Der Grexit wird zu einer realen Gefahr für Anleger.

DüsseldorfDie Hoffnung auf eine rasche Lösung des Schuldenstreits mit Griechenland schwindet. Stattdessen müssen die Anleger der Gefahr eines Abschieds der Griechen aus der Euro-Zone ins Auge blicken. Die Grexit-Angst geht um. Das Schuldendrama hat auch den deutschen Aktienmarkt fest im Griff. Der Dax rutschte am Montag weiter ab und näherte sich wieder der Marke von 11.000 Punkten. Die Nervosität ist groß. „Bei einem Grexit handelt es sich für die Finanzmärkte um Neuland“, sagt Marcel de Gavarelli, Investmentmanager bei Laureus Privat Finanz, einer Tochter der Sparda-Bank. Neuland bedeutet Unsicherheit, und Unsicherheit mögen Börsianer nicht.

Über das Wochenende hatte sich die Lage im Schuldenstreit nochmals zugespitzt. Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis dringt auf einen Schuldenerlass. Ein Vermittlungsversuch von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker scheiterte. Die Gespräche will die EU-Kommission nur dann wieder aufnehmen, wenn es neue Vorschläge aus Athen gibt. Die weiteren Verhandlungen müssen jetzt in der Euro-Gruppe geführt werden. Das nächste Treffen der Euro-Finanzminister ist am Donnerstag geplant.

Die Positionen im Schuldenstreit

Die Geldgeber fordern... I

- die Privatisierung öffentlicher Betrieb
- eine grundlegende Reform der Alterssicherung und die Senkung der Renten
- die Erhöhung der Mehrwertsteuern in zwei Stufen

Die Geldgeber fordern... II

- das Ende der MWS-Vorzugsbehandlung für die Touristeninseln

- eine Erhöhung des MWS-Satzes für Energie um zehn Prozent
- den Abbau des Arbeitnehmerschutzes, insbesondere die Öffnung von Tarifverträgen und Lohnsenkungen

Die Geldgeber fordern... III

- einen Primärüberschuss (ohne Schuldzinsen) im Haushalt 2015 von 1,0 Prozent des BIP, nachdem zuvor für 2015 ein Primärüberschuss von 3,0 Prozent und für 2016 und 2017 sogar von 4,5 Prozent verlangt worden waren, um die Staatsschuldenquote bis 2020 von 180 Prozent auf 124 Prozent des BIP zu senken

Griechenland bietet... I

- eine Fusion der Rentenkassen und die Abschaffung von Frührenten, aber keine generelle Senkung der schon um 40 Prozent gekürzten Renten
- einen Primärüberschuss 2015 von 0,75 Prozent des BIP, nachdem Athen zuvor selbst schon 1,0 Prozent angeboten haben soll

Griechenland bietet... II

- eine dreistufige Mehrwertsteuer mit Sätzen von 7, 13 und 23 Prozent
- eine begrenzte Privatisierung von Staatsbetrieben

Zudem fordert Griechenland... I

- Steuerprivilegien für die Ägäis-Inseln möglichst zu bewahren
- sollte es keine andere längerfristige Lösung geben, die Verlängerung des laufenden Rettungsprogramms bis März 2016

Zudem fordert Griechenland... II

- die Umwidmung von nicht genutzten 10,9 Milliarden Euro aus dem Programm der Rekapitalisierung der Banken für die Haushaltssanierung
- die Umlegung der in den kommenden Jahren fällig werdenden Anleihen Griechenlands bei der EZB auf den Rettungsfonds ESM und die Koppelung der dort ab 2021 fälligen Zins- und Tilgungszahlungen an das Wachstum

Am 30. Juni läuft das Hilfsprogramm für Griechenland auf europäischer Seite aus. Ohne Einigung droht dem Land der Staatsbankrott. Ende Juni muss Athen zudem rund 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Die Zeit für eine Einigung wird eng, eine Lösung ist nicht in Sicht. Trotzdem glaubt Philipp Dobbert nicht, dass der Grexit kommt. „Den aktuellen Seiltanz kennen wir schon aus den vergangenen Jahren“, sagt der Chefvolkswirt der Quirin Bank. „Das geht nur mit vorher hitzigen Debatten.“

Die Stimmung an den Märkten zeigt jedoch, dass die wenigsten Börsianer derart gelassen sind. Sollte der Grexit doch kommen, erwartet Laureus-Experte de Gavarelli noch deutlichere Schwankungen als aktuell und Verluste in vielen Segmenten des Kapitalmarktes. „Die Aktienmärkte werden vermutlich eine weitere Korrektur vollziehen und die Renditen und Risikoprämien im Anleihesegment weiter steigen“, sagt er. „Am Anleihemarkt könnten lediglich als ‚sicherer Hafen‘ eingestufte Länder wie Deutschland von einer erhöhten Nachfrage profitieren.“

Hans-Werner Sinn zum Grexit

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Hans-Werner Sinn zum Grexit: „Raus aus dem Euro, zurück zur Drachme“

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De Gavarelli räumt allerdings ein, dass die Euro-Zone heute deutlich besser aufgestellt sei, als noch vor einigen Jahren zu Beginn der Euro-Krise war. „Europäische Banken halten kaum noch Staatsanleihen aus Griechenland“, sagt er. Zudem könnten die etablierten Sicherungsmechanismen wie die europäischen Rettungsfonds ESM und EFSF zur Stabilisierung beitragen.

Auch beim Bankhaus Metzler bleibt man relativ gelassen. „Es sind weder eine Destabilisierung des europäischen Finanzsystems, noch nachhaltige Verwerfungen bei südeuropäischen Staatsanleihen zu erwarten“, sagt Frank Naab, Leiter des Portfolio-Managements Private Banking. Die ökonomischen Konsequenzen eines Grexits für die Weltwirtschaft, aber auch für die europäische Wirtschaft würden verkraftbar erscheinen.

Kommentare (45)

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Herr Holger Narrog

16.06.2015, 07:49 Uhr

Mir erscheint der Bericht weit an der Realität vorbei.

Die Wirtschaftskraft Griechenlands ist innerhalb Europas, oder der Weltwirtschaft vernachlässigbar. Die Gläubiger GR sind die EU Staaten und die EZB. Auch diese werden von einer Pleite GR nicht massgeblich beinträchtigt. Insofern hat eine Pleite GR keine realwirtschaftlich signifikanten Folgen.

Peinlich wäre es lediglich für die EZB und die Politiker Europas die sich ein paar Fragen stellen lassen müssten. Wenn man den Schaden einer Pleite GR, ca. 85 Mrd. € mit dem Schaden des ökoreligiösen Atomausstiegs, ca. 60 Mrd. €, oder den Subventionen "Erneuerbarer Energien", ca. 30 - 40 Mrd. €/Jahr ins Verhältnis setzt, so wird der D Steuerzahler bestenfalls ein wenig jammern. Die Verursacher werden nicht einmal zurücktreten.

Herr Otto Berger

16.06.2015, 08:00 Uhr

Im Tagesanzeiger.ch erschien ein Artikel zum Griechenland-Problem, der sehr nachdenklich stimmt.
Hier der Link :http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/37304/die-wahre-gefahr-des-grexit/

Was tun ? Der Grexit verbirgt Risiken aber eine Entscheidung, Griechenland keine Reformen abzufordern und nur weiter zu zahlen wirft noch größere Probleme auf.

Herr Christoph Weise

16.06.2015, 08:09 Uhr

Die Experten liegen meist daneben - also rette sich, wer kann! In der Summe aus Schulden, Target-Salden und Garantien geht es um etwa 500 Milliarden, welche in einem Argentinien-Szenario ausfallen könnten. Dies dürfte für einen Lehmann-Effekt ausreichen. Das Risiko ist sicher noch einigermaßen begrenzt, weil Frau Merkel vermutlich in letzter Sekunde einem Schuldenschnitt zustimmen dürfte. Aus optischen Gründen knapp unter der 50% Marke.

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