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25.02.2012

12:09 Uhr

Geldanlage

Was Anleger ihr gutes Gewissen kostet

VonChristian Schnell

Immer mehr Menschen möchten ihr Geld mit gutem Gewissen anlegen. Doch bislang profitieren vor allem Anlageberater oder Fondsmanager von dem Nachhaltigkeits-Trend. Privatanleger müssen sich mit Mini-Renditen begnügen.

Das Investment in Umwelttechnik ist ein deutsches Phänomen. dpa

Das Investment in Umwelttechnik ist ein deutsches Phänomen.

FrankfurtEs gab Zeiten, da war es selbst bekennenden Altlinken zu viel. Vor mehr als zwei Jahrzehnten sang sich Hannes Wader in seinem Klassiker „Ankes Bioladen“ den Frust von der Seele: „Ich kaufe ein Pfund Möhren, schrumplig, weich, mit Erde dran, die, wenn man sie nicht essen mag, zu Kringeln biegen kann.“

Nun lassen sich Biomöhren heutzutage optisch nicht mehr von konventionell erzeugten Möhren unterscheiden, und auch sonst sind umweltfreundliche Produkte allgegenwärtig: Jeder Kleinst-Supermarkt führt Bioprodukte neben konventioneller Ware. Und Kleidung aus Ökobaumwolle beherrscht die Laufstege.

Keine Frage, umweltbewusstes Handeln liegt im Trend. Großinvestoren wie Versicherungen und Pensionskassen haben den Zeitgeist längst erkannt und setzen verstärkt auf ökologische Produkte. Eine Umfrage der Fondsgesellschaft Union Investment aus dem vergangenen Jahr zeigt: Nur noch ein Drittel von insgesamt 218 befragten Pensionskassen, Versicherungen, Stiftungen, Banken und Großunternehmen beziehen überhaupt keine Nachhaltigkeitskriterien in ihre Investmententscheidungen ein. Und die Zahl schrumpft von Jahr zu Jahr deutlich.

Nachhaltig investieren: Ein Überblick

Grundidee

Immer mehr Menschen wollen, dass mit ihrem investierten Geld etwas Sinnvolles passiert. Sie wollen, dass umweltfreundlich produziert wird, dass Produkte unter gerechten Arbeitsbedingungen hergestellt werden und dass sich nicht Einzelne auf Kosten der Masse überdurchschnittlich bereichern.

ESG

„ESG“ lautet die Abkürzung für „Environmental Social Governance“. Zu deutsch: umweltfreundlich, sozial und im Sinne einer guten Unternehmensführung. Folgende Themenfelder hat das Centre for Financial Markets Integrity (CFA) definiert, in denen das eingesetzte Geld Positives bewirken soll.

Umwelt

Emissionen von Kohlendioxid und Treibhausgasen sollen vermieden werden, um den Klimawandel und die Veränderung des Ökosystems nicht zu beschleunigen. Zudem soll der Umweltverschmutzung sowie dem Müllnotstand in den aufstrebenden Staaten entgegengewirkt werden. Weder sollten übermäßig viele Chemikalien eingesetzt noch Ressourcen verschwendet werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Einsatz erneuerbarer Energien.

Ethik 1

Dieser Ansatz, der viele soziale Gesichtspunkte berücksichtigt, wendet sich gegen Tierquälerei und Kinderarbeit, Diskriminierung, sexuelle Bedrohung und Ungleichheit am Arbeitsplatz – beispielsweise bei der Bezahlung. Zudem werden gentechnisch veränderte Lebensmittel abgelehnt.

Ethik 2

Ein weiteres Thema ist die Ausbeutung von Arbeitern speziell in Entwicklungsländern, die unter widrigsten Bedingungen (etwa Wochenarbeitszeiten von mehr als 60 Stunden) Waren für den reichen Westen produzieren müssen. Besonders die Bekleidungsindustrie stand hier in den vergangenen Jahren im Blickpunkt. Manches hat sich durch den Druck der Medien verändert, vieles liegt weiterhin im Argen.

Governance

Um den Grundsätzen der guten Unternehmensführung zu genügen, sollten in Unternehmen für alle Aktionäre die gleichen Stimmrechte gelten. Die weit verbreitete Zweiklassenstruktur, die unliebsame Meinungen unterbinden soll, ist verpönt. Auf harsche Kritik stößt auch, wenn Vorstände ohne Kontrolle die Höhe ihres Einkommens selbst festlegen. In diesem Zusammenhang nahm der Druck auf diejenigen Unternehmen zu, die ihren Vorständen trotz hoher Verluste Gehälter und Boni überdurchschnittlich stark erhöhten.

Online

Online: Mehr zum Thema nachhaltig investieren erfahren Sie unter www.handelsblatt.com/nachhaltigkeit.

Auch Kleinanleger wollen ihr Gewissen beruhigen, wenn sie Fonds und Zertifikate aus diesem Bereich kaufen. Auf mehr als elf Billionen Dollar hat sich das weltweite Anlagevolumen in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht, haben die Experten von Axa Investment Managers gerade berechnet. Tendenz rasant steigend. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Renditen gewöhnlich niedriger sind als die von konventionellen Anlagen.

Doch nicht nur die Rendite lässt zu wünschen übrig. Wie Fondshäuser, Zertifikate-Emittenten und Vermögensverwalter den Begriff „gutes Gewissen“ definieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Entsprechend willkürlich sind oft die Kriterien. Grundsätzlich gilt lediglich: Alles, was unter grünen, sozialen und ethischen Gesichtspunkten angelegt ist, definieren Anlageexperten als „responsible Investments“ – als verantwortungsvolle Geldanlage. Auch die Grundsätze der guten Unternehmensführung (neudeutsch Corporate Governance) fallen in diese Kategorie.

Auffällig dabei: Das Investieren in Umwelttechnik, grünen Strom, Brennstoffzellen und effiziente Gebäudetechnik ist vor allem ein deutsches Phänomen. „International ist der soziale Bereich führend, was den Zufluss an Investorengeldern betrifft“, sagt Matt Christensen, der bei Axa Investment Managers weltweit das Geschäft mit dem verantwortungsbewussten Investieren leitet. Sogar im Geschäft mit Immobilien hat der Begriff inzwischen Einzug gehalten.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

25.02.2012, 19:28 Uhr

ja, sehr gut sollen die Gutmenschen nur "politisch korrekt" und im Einklang mit ihrem "grünen Gewissen" anlegen.
Und wenn es dann mit der Rendite nicht so recht klappt, auch gut. Vielleicht überdenken dann ja mal einige ihre politische Position.
Wenn nicht, dann spüren sie wenigstens mal im eigenen Geldbeutel, was ihre Ideen in der Wirtschaft anrichten.

Endoskop

25.02.2012, 20:14 Uhr

@ Deutelmoser1994
Heißt das, es ist Ihnen völlig schnurz, ob mit dem geld, das Sie anlegen, Splitterminen und anderes Kriegsgerät produziert und verkauft wird ? Hauptsache, die Rendite stimmt ? Sind Sie wirklich so gewissenlos ? Ich persönlich will eigentlich schon wissen, ob mit meiner Kohle Waffen produziert werden oder nicht.
Wir Gutmenschen legen unser Geld eben lieber in anderen Dingen an, die technischen Fortschritt bringen, z.B. .
Wobei die Rendite, da hat das Handelsblatt recht, oft kläglich ist. Es sei denn, man gehört zum erlesenen Personenkreis, der in Equity investieren kann.

sonnemond

25.02.2012, 20:29 Uhr

Ein sehr guter Artikel.

Umweltfreundlich und ethisch zu investieren und dabei gut zu verdienen, ist wirklich nicht so einfach.

Vielleicht z. B. Vossloh und VTG.

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