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06.06.2017

10:26 Uhr

Geldpolitik der EZB

In Trippelschritten Richtung Kurswende

Am Donnerstag will die EZB ihren Konjunkturausblick veröffentlichen. Konkrete Ankündigungen zur geldpolitischen Wende werden zwar noch nicht erwartet. Doch die Zeichen stehen auf Richtungswechsel.

Sorgen dürfte dem EZB-Präsidenten weiterhin machen, dass sich die Inflation trotz der günstigeren Konjunktur wieder weiter vom EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent entfernt. AFP; Files; Francois Guillot

Mario Draghi

Sorgen dürfte dem EZB-Präsidenten weiterhin machen, dass sich die Inflation trotz der günstigeren Konjunktur wieder weiter vom EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent entfernt.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) wird Volkswirten zufolge nächste Woche einen vorsichtigen Schritt in Richtung geldpolitischer Wende wagen. Die Währungshüter dürften auf ihrem Ratstreffen in Tallinn am Donnerstag wahrscheinlich erstmals seit langer Zeit die Risiken für das Wirtschaftswachstum als ausgeglichen beschreiben – und damit anerkennen, dass sich die Lage deutlich gebessert hat. EZB-Präsident Mario Draghi würde so auch andeuten, dass sich die Notenbank allmählich auf einen Ausstieg aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik vorbereitet. So sind zudem Änderungen beim Ausblick denkbar. Konkrete Ankündigungen zum Abschmelzen der billionenschweren Anleihenkäufe werden allerdings noch nicht erwartet. Auch an den Leitzinsen, die auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegen, dürfte nicht gerüttelt werden.

„Letztlich steuert die EZB unserer Einschätzung nach in Trippelschritten in Richtung einer Abkehr von der gegenwärtigen ultra-expansiven Geldpolitik“, sagt Zinsstratege Christian Reicherter von der DZ Bank. Chefvolkswirt Holger Schmieding von der Berenberg Bank geht davon aus, dass sich die Notenbank zuversichtlicher zur Konjunktur äußern wird: „Ich erwarte, dass die EZB bei der Risikobilanz angesichts der jüngsten Konjunkturentwicklung auf neutral schalten wird.“ Bisher überwiegen für Draghi & Co noch die Gefahren.

Best of Mario Draghi

3.11.2011

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)

3.9.2015

„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

„Unsere Geldpolitik war erfolgreich.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

„Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)

Doch das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone war von Januar bis März um 0,5 Prozent zum Vorquartal gestiegen - deutlich mehr als beispielsweise die sonst oft führenden USA. Auch für das zweite Jahresviertel stehen die Ampeln auf grün: So zogen Produktion und Aufträge der Betriebe im Mai laut dem Institut IHS Markit so kräftig an wie zuletzt vor rund sechs Jahren. „Die EZB wäre blind, wenn es den zyklischen Aufschwung in der Euro-Zone nicht anerkennen würde“, so ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Daher scheine es eine ausgemachte Sache zu sein, dass die EZB die Risikobilanz nun als ausgeglichen beschreibe.

Volkswirte halten es zudem für möglich, dass die Euro-Wächter ihren Ausblick leicht ändern. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte unlängst eine Debatte im EZB-Rat darüber gefordert. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer und sein Kollege Michael Schubert vermuten, dass die EZB die Hinweise auf eine möglicherweise noch expansivere Geldpolitik teilweise aufgibt. „So könnte die Notenbank auf die Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung verzichten, aber an der Option zusätzlicher Anleihenkäufe für den Notfall festhalten.“

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Premium Zinswende mit Klugheit und Maß

Der Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft appelliert an die Notenbanker, die Zinswende einzuleiten. Das extrem niedrige Zinsniveau ist zu einem Stabilitätsrisiko geworden. Ein Gastbeitrag.

Sorgen dürfte Draghi aber weiterhin machen, dass sich die Inflation trotz der günstigeren Konjunktur wieder weiter vom EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent entfernt. Die Verbraucherpreise stiegen im Mai nur um 1,4 Prozent zum Vorjahresmonat. Die Kerninflation, in der schwankungsreiche Öl- und Lebensmittelpreise ausgeklammert sind, liegt sogar nur bei 1,0 Prozent. Erst vor wenigen Tagen hatte Draghi daher im Europa-Parlament gesagt, ein „außergewöhnliches Ausmaß“ an geldpolitischer Hilfe sei immer noch nötig, damit sich die Teuerung dem Notenbank-Ziel annähere.

Für Tuuli Koivu, Volkswirtin bei der Großbank Nordea, ist die schwache Preisentwicklung auch ein Grund, warum die EZB nach ihrer Einschätzung den Hinweis auf nötigenfalls noch umfangreichere Anleihenkäufe nicht aufgeben wird: „Wenige Dinge wären mehr peinlich als das Anleihen-Kaufvolumen wieder erhöhen zu müssen, sollte die Kerninflation unerwartet unter das bereits niedrige Niveau sinken.“ Aktuell erwerben die EZB und die nationalen Notenbanken jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro. Mit den Transaktionen sollen Banken dazu angeregt werden, mehr Darlehen an Haushalte und Unternehmen zu vergeben anstatt Geld in Anleihen zu investieren. Das noch bis Ende Dezember laufende Programm soll ein Volumen von 2,28 Billionen Euro erreichen.

Von

rtr

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