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28.10.2015

13:50 Uhr

Geldpolitik der Federal Reserve

Die US-Notenbank als Job-Center

Die US-Notenbanker beraten über die künftige Zinsentwicklung. Heute dürften sie weiter auf die Nullzinspolitik setzen – und ein Abkehr noch in diesem Jahr wird unwahrscheinlicher. Das hat sechs Millionen Gründe.

Die Chefin der US-Notenbank. Reuters

Janet Yellen

Die Chefin der US-Notenbank.

WashingtonFür Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, wäre es schön, wenn die US-Notenbank Federal Reserve heute Abend deutscher Zeit eine Erhöhung der Zinsen ankündigen würde. Denn Draghi hatte vergangene Woche eine weitere Lockerung der europäischen Geldpolitik für Anfang Dezember angekündigt. Würden die USA aber zuvor die Zinsen erhöhen, könnte Draghi fein raus sein und nicht mehr zum Nachlegen verpflichtet – der „Konkurrenzdruck“ würde abnehmen. Der vielleicht etwas zu vollmundigen Ankündigung Draghis müssten keine weiteren Taten folgen.

Doch Janet Yellen, Chefin der Federal Reserve (Fed), hat es nicht eilig. Denn die Unterauslastung am Arbeitsmarkt ist ein Anzeichen dafür, dass die Zinsen noch länger niedrig bleiben können. In den USA gibt es sechs Millionen Beschäftigte, die Teilzeit arbeiten, weil die Wirtschaft nicht stark genug ist, sowie über 600.000 Personen, die von den Aussichten so entmutigt sind, dass sie die Jobsuche aufgegeben haben.

Einer von ihnen ist Harry Elanko aus Fairfax County, Virginia. Der 62-jährige hat zwei Teilzeitstellen, obwohl er eigentlich gerne Vollzeit arbeiten würde und jahrelange Erfahrung als Betriebswirt hat.

Fragen und Antworten zur US-Geldpolitik

Warum zögert die Fed solange mit einer Anhebung der Leitzinsen?

In der Tat sind viele Ökonomen der Auffassung, das ein Zinsschritt der US-Notenbank längst fällig ist. Zentralbank-Chefin Janet Yellen hatte angekündigt, noch 2016 den Weg zu einer Normalisierung einschlagen zu wollen. Dann kam die Krise an den Aktienmärkten Chinas dazwischen, viele andere Schwellenländer schwächeln ebenfalls. Auch in den USA mehren sich die Anzeichen, dass der Aufschwung nicht mehr selbsttragend sein könnte und weiter Stimulanz aus der Geldpolitik braucht, wie etwa der Ökonom Gerald O'Discroll vom Cato-Institut schreibt.

Wer wären die Verlierer einer Zinswende in den USA?

Am meisten dürften hochverschuldete Schwellenländer wie Brasilien oder auch die Türkei darunter leiden. Sowohl die Staaten, als auch private Unternehmen haben ihre Schulden in US-Dollar aufgenommen. Eine Zinsanhebung in den Vereinigten Staaten würde den Dollar im Vergleich zu anderen Währungen weiter stärken, die Schuldenlast in Relation zur Landeswährung stiege automatisch. Einfuhren, die oft in US-Dollar gehandelt werden, würden teurer. Außerdem würden Investoren ihr Kapital tendenziell wieder eher in den USA anlegen, weil dort die Zinsen steigen. Weltbank und Internationaler Währungsfonds mahnen aus Sorge um Schwellenländer deshalb zur Vorsicht.

Warum muss die Fed überhaupt einen Zinsschritt ins Auge fassen?

Die Notenbank hat ihre Zinsen zum letzten Mal 2006 erhöht. Im Herbst 2008 senkte sie die Zinsen auf praktisch Null und ließ sie seitdem dort. Zusätzlich wurden Billionen Dollar als zusätzliche Stimulanz über die sogenannte Quantitative Lockerung in die Märkte gepumpt - de facto ein Gelddrucken der Zentralbank. Dieser ungeheuren Geldschwemme müssen die Währungswächter irgendwann wieder Einhalt gebieten. Ansonsten droht auf Dauer eine Geldentwertung. Zudem steigt durch allzu billiges Geld die Gefahr von ungewollten Effekten wie etwa Preisblasen auf dem Immobilienmarkt.

Wann hat die US-Notenbank erneut die Chance zu einer Anhebung?

Die nächsten Sitzungen des für den Leitzins zuständigen Offenmarktausschusses sind im Dezember 2015 und dann wieder im März 2016. Experten in den USA gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen in kleinen Schritten anheben wird, beginnend mit einer Steigerung um 0,25 Prozentpunkte. Dies hätte zunächst mehr Signal- als tatsächliche Wirkung und man könnte die Auswirkungen rund um den Globus zunächst einmal ganz vorsichtig ausbalancieren.

Was bedeutet eine Zinsanhebung für Deutschland?

Die Zinsen in Deutschland bleiben zunächst unangetastet. Die Europäische Geldpolitik hinkt zeitlich rund zweieinhalb Jahre hinter der US-amerikanischen her. Die Europäische Zentralbank hat ihre Politik gerade erst gelockert und pumpt monatlich bis zu 60 Milliarden Euro frisches Geld in die Märkte. Allerdings dürfte im Falle einer Anhebung in den US der Euro im Vergleich zum Dollar noch schwächer werden, könnte sogar unter die Paritätsgrenze fallen. Dies würde die Ausfuhren im Exportland Deutschland weiter verbilligen und exportierenden Unternehmen Vorteile bringen. Importe in US-Dollar würden dagegen teurer.

Mit der Konzentration auf die Unterbeschäftigung steuert Yellen die Geldpolitik in ein kühnes Experiment: Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve wird das große stumpfe Instrument niedriger Zinsen nutzen, um die Arbeitslosenquote stark genug zu drücken, sodass mehr Personen, die aus dem Arbeitsmarkt herausgefallen sind oder Teilzeit arbeiten, wieder in Vollzeit-Jobs kommen können.

Sie hofft, dass dies einen positiven Kreislauf aus Investitionen, höherer Produktivität und besserer Bezahlung schaffen wird, der die Überbleibsel der seit der Weltwirtschaftskrise schlimmsten Rezession beseitigen wird.

Es handelt sich um eine „neue Sicht der Reichweite der Geldpolitik“, sagt Laurence Meyer, der in den 1990er–Jahren zusammen mit Yellen im Gouverneursrat der Fed saß. Es „widerspricht allem, was ich seit 27 Jahren an der Universität lehre.“

Die traditionelle Ökonomie geht davon aus, dass die Geldpolitik langfristig die Preise, aber nicht den Umfang des Arbeitskräftepotenzials beeinflusst. Letzteres wird von langfristigen Faktoren wie dem Bevölkerungswachstum bestimmt.

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Dem Konjunkturbericht der amerikanischen Notenbank zufolge wächst die Wirtschaft des Landes weiter - zumindest auf kleiner Flamme. Im Zeitraum von August bis Anfang Oktober mache sich aber mehr Anspannung bemerkbar.

Sollte es der Fed gelingen, die Nachfrage nach Arbeit stark genug anzukurbeln, um die Unterbeschäftigung zu drücken, wäre „das eine fantastische Leistung und ein Wagnis, das sich einzugehen lohnt“, sagt Meyer. Das größte Risiko sei, dass die Inflation das 2-Prozent-Ziel der Notenbank „mehr als ein wenig“ überschreitet.

Die US-Notenbank hat am Dienstag mit ihrer zweitägigen Sitzung begonnen und wird am heutigen Mittwochabend ihren Zinsentscheid verkünden. Ökonomen gehen davon aus, dass sie die Zinsen nahe Null belassen wird, da die Währungshüter auf weitere Informationen warten, wie das schwächere Wachstum in China die Aussichten für den US-Arbeitsmarkt und die Inflation beeinflusst.

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