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20.11.2015

14:36 Uhr

Geldpolitik der Zentralbanken

Fed will kein Außenseiter sein

Fed-Vizechef Stanley Fischer glaubt, dass auch andere Notenbanken bald die Leitzinsen anheben könnten. Doch ist das realistisch? Die Europäische Zentralbank dürfte in dieser Hinsicht wohl kein Mitstreiter werden.

Der Fed-Vize glaubt, dass auch andere Notenbanken die Zinsen anheben wollen. dpa

Stanley Fischer

Der Fed-Vize glaubt, dass auch andere Notenbanken die Zinsen anheben wollen.

DüsseldorfWichtige Entscheidungen zu treffen ist nicht einfach, auch nicht als Zentralbanker. Und es sieht so aus, als würde die US-amerikanische Fed nur ungerne die einzige Bank sein, welche den kommenden Monaten die Zinsen anhebt. Das zumindest legen die Äußerungen des Fed-Vizechefs Stanley Fischer nahe. „Einige große Notenbanken werden wahrscheinlich in relativ naher Zukunft damit beginnen, sich schrittweise von Zinsraten nahe null zu entfernen”, sagte Fischer am Donnerstag bei einer Konferenz in San Francisco.

Fraglich bleibt allerding, welche der „großen Zentralbanken” Fischer nun gemeint hat. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte jedenfalls nicht unter den Kandidaten sein. Ihr Chef Mario Draghi hat in den vergangenen Wochen immer wieder das Gegenteil deutlich gemacht, zuletzt an diesem Freitag. Auf einem Bankenkongress bekräftigte Draghi seine Bereitschaft, die europäische Geldpolitik weiter zu lockern: „Wir werden das tun, was wir machen müssen, um die Inflation so schnell wie möglich zu erhöhen”, so Draghi. Die Notenbank könne und werde es nicht ignorieren, dass die Teuerungsrate im Währungsraum schon länger niedrig liege.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Im Oktober waren die Preise in der Euro-Zone um gerade einmal 0,1 Prozent gestiegen. Das ist bei weitem zu wenig, denn eigentlich strebt die EZB eine Teuerungsrate von etwa zwei Prozent pro Jahr an. Mit ihrem großangelegten Anleihenkaufprogramm von Anfang dieses Jahres will die EZB die Inflation beschleunigen – bislang allerdings ohne besonders großen Erfolg. Die niedrigen Energiepreise lassen halten die Teuerungsrate niedrig.

Draghi hält es inzwischen offenbar für notwendig, härtere Geschosse zur Inflationssteigerung aufzufahren: „Insbesondere erachten wir das Anleihen-Kaufprogramm als mächtiges und flexibles Instrument”, so der EZB-Chef. Umfang, Dauer und Zusammensetzung des Programms ließen sich ändern. Konkrete Maßnahmen besprechen die Währungshüter am 3. Dezember. Und – was sicherlich gegen Fischers Hoffnungen auf Notenbank-Nachahmer bei Zinsanhebungen spricht – auch eine Änderung des Einlagezinses ist für Draghi eine Option.

EZB: Draghis missglückter PR-Coup

EZB

Draghis missglückter PR-Coup

Gerade hat die EZB angekündigt, dass sie die Terminkalender ihrer Direktoriumsmitglieder veröffentlichen will. Doch jetzt wird klar: Das geschah wohl nicht ganz freiwillig. Die Notenbank war in Bedrängnis geraten.

Doch wie sieht es mit anderen großen Zentralbanken aus? Da wäre zum Beispiel die chinesische Notenbank. Ihre Geldpolitik ist zwar noch weit von der europäischen und US-amerikanischen Nullzinspolitik entfernt. Jedoch sorgt sich die Notenbank derzeit vor allem um das schwächelnde Wachstum der Volksrepublik. Bereits fünf Mal hat sie in diesem Jahr den Leitzins gesenkt, zuletzt am 23. Oktober. Am Donnerstag dieser Woche hatte die Zentralbank zusätzlich den Zinssatz für Kurzzeitkredite, welche insbesondere für Unternehmen wichtig sind, gesenkt. Schafft es die chinesische Regierung nicht, ihre Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen, bliebe der Notenbank noch ziemlich viel Raum für weitere geldpolitische Lockerung. Im Moment liegt der chinesische Leitzinssatz bei satten 4,35 Prozent.

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