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13.04.2012

11:25 Uhr

Geldpolitik

Euro-System-Bilanzsumme seit Krisenbeginn um 160 Prozent gestiegen

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Euro-Krise hinterlässt ihre Spuren auch in den Notenbank-Bilanzen. Das Bundesfinanzministerium hat jetzt eine drastische Bilanzausweitung registriert. Unklar ist, wie die Risiken für den Euro-Raum einzuschätzen sind.

EZB-Tower in Frankfurt. dpa

EZB-Tower in Frankfurt.

BerlinDie Euro-Notenbanken und die Europäische Zentralbank (EZB) haben ihre Bilanzsumme krisenbedingt massiv ausgeweitet. Das geht aus einer Handelsblatt Online vorliegenden Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine FDP-Anfrage hervor. Als Grund nennt Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter die „zahlreichen Sondermaßnahmen als Reaktion auf die schwerwiegende Krise an den Finanzmärkten“. Dadurch habe sich die Bilanzsumme des Euro-Systems gegenüber dem Vorkrisenniveau (1. Januar 2007) um etwa 160 Prozent erhöht, heißt es in dem Schreiben. Das Euro-System umfasst neben der EZB die nationalen Zentralbanken der Mitgliedstaaten der EU, die den Euro eingeführt haben.

Nach Ministeriumsangaben ist die Bilanzsumme des Euro-Systems mit 2,9 Billionen Euro (Anteil am Bruttoinlandsprodukt: 32 Prozent; Stichtag: 16.03.2012) größer als die der US-Notenbank mit 2,8 Billionen US-Dollar (Anteil am BIP: 19 Prozent; Stichtag: 21.03.2012). Das ist insofern ungewöhnlich, als die Federal Reserve mit ihrem Programm der quantitativen Lockerung durch einen massiven Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren als Inbegriff der ultra-expansiven Geldpolitik durch Geldvermehrung gilt.

Hilfen der EZB

Staatsanleihekäufe

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit Mai 2010 auf dem Sekundärmarkt - also von der Finanzbranche - Staatsanleihen oder Peripherieländer Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien im Wert von 214 Milliarden Euro gekauft und damit die Risikoprämien für Bonds dieser Länder gesenkt.

Dreijahrestender

Im Dezember und Februar haben die Frankfurter Währungshüter den Bankensektor mit mehr als einer Billion Euro geflutet. Der Zins auf die Kredite beträgt ein Prozent bei einer Laufzeit von drei Jahren. Die Banken investierten die Gelder teilweise in höher verzinste Anleihen.

Sicherheiten

Die Anforderungen an die Sicherheiten, die von Banken für EZB-Kredite von der Notenbank zu hinterlegen sind, wurden im Verlauf der Krise sukzessive gesenkt und erhöhten so die Liquidität der Banken im Euro-Raum.

Auch bei anderen Zentralbanken wird eine kräftige Bilanzausweitung registriert. So hätten die Zentralbankenbilanzen des Federal Reserve Systems und der Bank of England im Vergleich zum Vorkrisenniveau „sogar um 230 Prozent bzw. 285 Prozent zugenommen“, schreibt Kampeter in seiner Antwort auf die FDP-Anfrage.

Eine Bewertung darüber, ob durch die größere Bilanzsumme des Euro-Systems auch die Risiken für den Euro-Raum zunehmen, wollte der CDU-Staatssekretär unter Hinweis auf die Unabhängigkeit der EZB nicht abgeben. Das frühere EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi hatte dagegen jüngst die Angst der Deutschen vor zunehmenden Risiken der kräftigen Bilanzausweitung als übertrieben bezeichnet. Letztlich sei die Ausweitung der EZB-Bilanzsumme vor allem eine Folge des Misstrauens der Banken, sich gegenseitig grenzüberschreitend Geld auszuleihen, erklärte Bini Smaghi im März in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Milliarden für die Banken fließen zurück zur EZB

Übernachteinlagen auf Rekordstand

Nach der zweiten Geldspritze der EZB an die Banken sind die Übernachteinlagen bei der EZB erneut drastisch gestiegen. Drei Tage nach der Ausgabe des Tranchen an die Banken legten sie um 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro zu, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Das war ein Rekordstand. Der Anstieg entspricht in etwa der zusätzlichen Liquidität, die die EZB mit ihrer zweiten großen Geldspritze binnen drei Monaten in den Bankensektor gepumpt hatte.

Was sind die eintägigen EZB-Einlagen?

Mit den Übernacht-Einlagen kann die Notenbank die umlaufende Geldmenge feinsteuern. Für gewöhnlich nehmen die Banken das kaum wahr, weil die Verzinsung vergleichsweise schlecht ist. Vielmehr leihen sie sich das Geld lieber gegenseitig auf dem sogenannten Interbankenmarkt aus. Dieser Handel ist seit der Finanz- und Schuldenkrise aber gestört. Die Angst ist, das verliehene Geld zu verlieren. Vor allem südeuropäischen Banken, die stark in Staatsanleihen angeschlagener Länder investiert haben, schlägt hohes Misstrauen entgegen.

Was ist die Ursache für den Ansprung der Einlagen?

Für den drastischen Sprung dürfte die jüngste Geldspritze der EZB verantwortlich sein. Die Notenbank verlieh den Geldhäusern die Rekordsumme von knapp 530 Milliarden Euro für drei Jahre. Damit will sie einer Kreditklemme vorbeugen, die wegen der Schuldenkrise im Euroraum befürchtet wird.

Schulden mindern Liquidität

Die zusätzliche Liquidität, die die Banken erhalten, liegt aber niedriger. Denn zeitgleich zu der großen Geldspritze waren andere Geschäfte mit der Notenbank ausgelaufen. Experten veranschlagen den Effekt unter dem Schnitt auf rund 310 Milliarden Euro. Und dieser Betrag entspricht in etwa dem Anstieg der Bankeinlagen vom Freitag.

Wieso fließt die Geldspritze zurück zur EZB?

Offensichtlich benötigen viele Banken das zusätzliche EZB-Geld nicht sofort. Vielmehr leihen sie es sich für spätere Geschäfte. Ein Beispiel: Auch Banken haben eigene Anleihen ausgegeben. Und wenn diese fällig werden, müssen die Schulden bedient und zurückgezahlt werden. Mit dem frischen Zentralbankgeld schaffen sich die Banken also ein Sicherheitspolster.

Kommentare (8)

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Rainer_J

13.04.2012, 11:57 Uhr

Die EZB sollte die Frankfurter Stadtwerke übernehmen. Niemand kann besser Müll sammeln.

Account gelöscht!

13.04.2012, 11:58 Uhr

Es gibt ein Unterschied.Die Operationen der EZB konzentrieren das Risiko in bestimmten Felder.Die Fed dagegen hat das 'Geld' dafür genutzt das System vom faulen Krediten zu bereinigen also das Risiko zu streuen und praktisch zu tarnen.Genau wie die BoE welche heute schon 36% der Staatsanleihen Britanniens aufgekauft hat.Die EZB und ihre LTRO haben dazu geführt, dass Spanische und Italienische Banken mehr Anleihen ihrer Länder kaufen und somit noch anfälliger geworden sind, während Banken aus dem Norden nicht dazukaufen-das kommt einer gewissen Entflechtung gleich.Ob das alles aufgeht,wie es sich die Herren in Frankfurt vorstellen, wissen wir noch immer nicht aber es ist logischer und besser die Billanzsumme dafür auszuweiten und nicht wie es die Fed macht mit 2.8 Billionen für US Staatsanleihen.Die Eurokrise wäre vorbei aber der Euro wird 30% and Wert verlieren gegen alle Währungen,wie der Dollar.

Rainer_J

13.04.2012, 12:13 Uhr

Das größte Problem ist das diese "Operationen" illegal sind, denn sie haben immer eine politische Seite und in der EZB sitzen aber keine gewählten Personen. So wird sich bald Land C darüber beschweren das Land A und Land B geholfen wurde und ihnen nicht und man wird der EZB die Neutralität absprechen. Genau deshalb war es auch ein Tabubruch, als die EZB Mai 2010 anfing Staatsanleihen zu kaufen. So war der Euro nicht geplant und die EZB war nicht als politische Einrichtung geplant. Das ist sie jetzt aber und nimmt mit den "Operationen" Einfluß auf die Reformen in den betroffenen Ländern.

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