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14.09.2015

10:31 Uhr

Geldpolitik

Ökonomen hoffen auf Draghi

Die Europäische Zentralbank hat ihre Wachstumsprognosen gesenkt. Wird EZB-Chef Mario Draghi das Aufkaufprogramm für Staatsanleihen ausweiten, um die Konjunktur zu stützen? Viele Volkswirte halten das für geboten.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank betont, dass Umfang und Dauer der quantitative Lockerung flexibel sei. Reuters

Mario Draghi

Der Präsident der Europäischen Zentralbank betont, dass Umfang und Dauer der quantitative Lockerung flexibel sei.

FrankfurtDas Versprechen von Mario Draghi, wonach die Europäische Zentralbank (EZB) bereit ist, die Konjunktur, wenn nötig, noch stärker zu stimulieren, trifft bei Volkswirten auf Anklang. Die Ökonomen halten die Erholung des Euro-Raums für zu kraftlos, um nachhaltig zu sein.

Über zwei Drittel der Teilnehmer einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg rechnen damit, dass der EZB-Präsident das 1,14-Billionen-Euro-Programm zur quantitativen Lockerung der Geldpolitik (Quantitive Easing, QE) entweder ausweiten oder verlängern wird. Fast alle stimmen darin überein, dass dies innerhalb der nächsten neun Monate geschehen wird. Zwar sieht eine wachsende Anzahl der Befragten derzeit eine stärker werdende Konjunktur – gleichzeitig sind sie jedoch davon überzeugt, dass diese nicht von Dauer sein wird.

Der EZB-Rat hat sich bereits besorgt gezeigt über das Abflauen des Welthandels. Dies dürfte die für Wirtschaft des Euro-Raums wichtigen Exporte schwächen, bevor die Binnennachfrage stark genug ist, die Verluste wettzumachen. Die Notenbank hat im September ihre Prognosen für Wachstum und Inflation bis in das übernächste Jahr gesenkt. Draghi hat vor Reportern erklärt, die quantitative Lockerung sei in Umfang, Dauer und Zusammensetzung flexibel.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

„QE-Risiken werden zu einem fast schon permanenten Merkmal“, sagte Gianluca Sanna, Portfolio-Manager bei Banca Monte dei Paschi di Siena in Mailand. „Es ist durchaus richtig, dass die Euro-Zone eine Phase anständigen (...) Wachstums der Wirtschaftsleistung durchläuft; aber wahrscheinlich trägt das, was wir derzeit erleben, sich nicht selbst, und die Euro-Zone findet sich in einem Umfeld niedrigen Wachstums wieder, wo die Inflation gefährlich nahe bei Null liegt.“

68 Prozent der 41 Umfrageteilnehmer sagen, die EZB werde ihr QE-Programm ausweiten. Von denjenigen, die sich auf eine zeitliche Prognose einließen, erwarten 65 Prozent eine Ankündigung bis Dezember. 87 Prozent rechnen bis März mit einer Zusage verstärkter Stimulierung. Fast vier Fünftel derjenigen, die eine Ausweitung des QE- Programms vorhersagen, rechnen auch mit einer zeitlichen Streckung über den vorgesehenen Endpunkt September 2016 hinaus. Rund 43 Prozent sagen, dass die monatlichen Ankäufe über das derzeitige Niveau von 60 Milliarden Euro hinaus aufgestockt werden. 29 Prozent vermuten, dass die Palette der angekauften Aktiva ausgeweitet wird.

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Die Notenbank hat andere Optionen, deren Umfang sie allerdings kaum kontrollieren kann. In der kommenden Woche steht die fünfte Runde ihrer gezielten längerfristigen Refinanzierungsoperationen (TLTRO) an, mit denen die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte in Gang gebracht werden soll. Die Ökonomen schätzen das Volumen der Kredite, die die Banken aufnehmen werden, auf 70 Milliarden Euro. Im Juni liehen die Geldhäuser sich 73,8 Milliarden Euro. Die in der aktuellen Runde vergebenen Kredite werden zum Zinssatz von 0,05 Prozent vergeben und haben eine Laufzeit bis September 2018.

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