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18.11.2016

13:14 Uhr

Geldpolitik und Wachstum

Draghis einfache Rechnung – Cryans Kritik

VonJan Mallien

Geld bleibt vorerst wohl weiter billig. Die Rechnung von EZB-Chef Draghi ist ebenso bekannt wie umstritten: Ohne billiges Geld gibt es noch lange Zeit nicht genug Wachstum. Der Bankensektor erneuert die Kritik.

Geldpolitik und Wachstum

EZB weiter im Krisenmodus: Konjunktureller Aufwind trägt sich nicht selbst

Geldpolitik und Wachstum: EZB weiter im Krisenmodus: Konjunktureller Aufwind trägt sich nicht selbst

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FrankfurtWer auf ein Statement von Mario Draghi zu den Folgen der US-Wahl gehofft hatte, wurde enttäuscht. Über Donald Trump verlor der EZB-Präsident in seiner Rede am Freitagmorgen in der Frankfurter Alten Oper kein einziges Wort. Wie schon nach dem Brexit-Votum im Juni hielt sich Draghi erstaunlich zurück.

Doch fast alle Themen, die Draghi letztlich anspricht, werden durch den Wahlausgang beeinflusst – Bankenregulierung, politische Unsicherheit, Inflation. Die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum hält er nach wie vor für schwach. „Wir können nicht zuversichtlich sein, was den ökonomischen Ausblick angeht“, so Draghi. Zwar habe sich die Situation im Vergleich zum Vorjahr verbessert – die Konjunktur sei allerdings stark abhängig von der lockeren Geldpolitik der Notenbank. Das, so Draghi, werde auch vorerst so bleiben. „Die Geldpolitik bleibt in den kommenden Jahren eine Hauptstütze für das Wachstum“, sagte der Notenbankpräsident.

Besorgt zeigte sich Draghi auch über die Ertragsschwäche der Banken im Euroraum und die weiterhin geringe Inflationsentwicklung. Zwar seien die Aktienkurse der Banken nicht per se ein Thema für die politischen Entscheider. Niedrige Kurse würden jedoch die Finanzierungskosten der Geldhäuser erhöhen – und dies wiederum könne die Kreditvergabe der Banken an die Realwirtschaft bremsen.

Später äußerte sich auch Deutsche-Bank-Chef Cryan dazu – und erneuerte seine Kritikpunkte. Die Geldpolitik arbeite gegen die europäischen Banken, sagte Cryan. Das Bankensystem sei zwar noch immer nicht gut genug kapitalisiert – im aktuellen Umfeld sei es für die Institute aber schwer, ausreichend Gewinne zu erwirtschaften. Auch Commerzbank-Chef Zielke hatte vehement für eine „Rückkehr zur Normalität“ plädiert.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Die EZB versucht, Wachstum und Inflation mit einer gewaltigen Flut billigen Geldes anzuheizen. Seit März 2015 kauft die Notenbank im großen Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Seit Juni stehen auch Unternehmensanleihen auf dem Einkaufszettel. 80 Milliarden Euro fließen derzeit monatlich, insgesamt sollen es 1,74 Billionen Euro werden. Unklarheit herrscht nach wie vor über die Dauer dieser Maßnahme: Nach den bisherigen Plänen soll das Programm mindestens bis Ende März 2017 laufen.

Viele Volkswirte rechnen hingegen damit, dass die EZB das Kaufprogramm über März 2017 hinaus verlängern wird. Die Notenbank will darüber auf ihrer Sitzung im Dezember entscheiden. In seiner Rede lässt Draghi eher durchklingen, dass er noch keine schnelle Wende in der Geldpolitik sieht.

Erst am Donnerstag hatte EZB-Direktor Yves Mersch eine vorsichtige Abkehr von der ultralockeren Zinspolitik angedeutet. „Wir sind wahrscheinlich nicht mehr weit von dem Zeitpunkt entfernt, an dem wir eine solche Aussage machen können“, sagte Mersch. Im Augenblick sei dies aber „in Anbetracht der Fragilität des europäischen Wachstumspfades noch leicht verfrüht“.

Zentralbanken und Negativzinsen

Japan

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,1 Prozent

Schweiz

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,75 Prozent (15.01.2016)

Einlagenzinssatz für Banken: gestaffelt -0,75 Prozent

Dänemark

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,05 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,65 Prozent

Schweden

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,5 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,5 Prozent

Euro-Zone

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,4 Prozent

Ähnlich positionierten sich auch Bundesbank-Chef Jens Weidmann und EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger: Auch sie plädieren für ein baldiges Auslaufen der Anleihekäufe. Weidmann warnte auch am Freitag erneut vor den schädlichen Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik. „Geldpolitik darf nicht die Augen davor verschließen, wenn die geringe Ertragskraft der Banken Probleme für die geldpolitische Übertragung verursacht“, sagte er. Denn dies könnte in der Zukunft Zentralbanken Schwierigkeiten bereiten, Preisstabilität sicher zu stellen.

In ihrem aktuellen Finanzstabilitätsbericht warnt die Bundesbank vor Risiken der Banken bei schnell steigenden Zinsen. Eine schnelle Zinserhöhung könne zu fallenden Preisen auf dem Immobilienmarkt und höheren Kreditausfallraten führen, heißt es dort.

Kommentare (18)

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Frau Lana Ebsel

18.11.2016, 12:17 Uhr

Dragi wird so lange weiter machen, bis auch der letzte Italiener ein eigenes Haus besitzt und dreimal so viel Barvermögen hat, wie ein deutscher Sparer oder bis wir ihn entmachten.

Herr Heinz Keizer

18.11.2016, 12:38 Uhr

Draghi betreibt Staatsfinanzierung. Wirtschaftswachstum kann er mit seinen Maßnahmen nicht generieren.

Herr Peer Kabus

18.11.2016, 13:00 Uhr

Mafio Draghi arbeitet doch nur mit den südländischen Interessenvertretern zusammen, um gemeinsam Deutschland weiter via Haftung auszuplündern.

Glaubt jemand, dass es ein Zufall ist, wenn dieser französische Raubritter-Kommissar in Brüssel aktuell fordert, die EU-Länder müssten die Staatsverschuldungsquote um 0,5 % erhöhen und damit Schäuble zeigt, was ihn der Stabi-Pakt interessiert?

Jede zusätzliche Erhöhung der Staatsschulden benötigt natürlich weiteres „billiges“ Geld.

Und die EZB unter Führung dieser vampirähnlichen Visage braucht selbstredend vor allem „sichere“ Staatsanleihen, an denen es ja mehr als mangelt, wie man an der Mandatsausdehnung der EZB auf Unternehmensanleihen sehen kann.

Wie unauffällig sich doch die Interessen decken. Gab es nicht mal einen Film „Unter Geiern“ oder so ähnlich?

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