Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.03.2014

13:03 Uhr

Geldpolitische Lockerung

EZB-Hardliner geben sich weich

Vor der nächsten EZB-Sitzung schlagen zwei Hardliner einen neuen Ton an. Bundesbank-Chef Weidmann äußert sich konziliant zu EZB-Wertpapierkäufen – sein finnischer Kollege Liikanen liebäugelt mit einem Banken-Strafzins.

Bundesbank-Chef Weidmann: Der geldpolitische Falke äußert sich ungewohnt konziliant zu möglichen EZB-Wertpapierkäufen. AFP

Bundesbank-Chef Weidmann: Der geldpolitische Falke äußert sich ungewohnt konziliant zu möglichen EZB-Wertpapierkäufen.

Er gilt als größter Gegner von möglichen Wertpapierkäufen der EZB. Doch nun lässt Bundesbank-Chef Jens Weidmann trotz aller Bedenken die Tür hierfür einen Spalt offen. Zwar seien zahlreiche rechtliche Fragen noch nicht beantwortet und das Bundesverfassungsgericht habe der Europäischen Zentralbank (EZB) kürzlich ihre Grenzen aufgezeigt. "Das heißt aber nicht, dass ein derartiges Programm grundsätzlich außer Frage stünde", sagte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Market News. "Aber wir müssen sicherstellen, dass das Verbot der Staatsfinanzierung respektiert wird."

Market News zufolge wäre für Weidmann zum Beispiel der Kauf privater Anleihen mit bester Bonität eine Option, um die Geldpolitik weiter zu lockern und eine ruinöse Spirale fallender Preise und sinkender Nachfrage zu verhindern, wie sie von manchen Ökonomen derzeit befürchtet wird. Anleihekäufe mit dem Ziel, die Geldmenge aufzublähen und so die langfristigen Zinsen zu drücken, können eine solche Spirale - in der Theorie - verhindern. Allerdings gibt es in der Euro-Zone keinen Markt mit nichtstaatlichen Wertpapieren, der so groß wäre, dass Aufkäufe durch die Notenbank einen durchschlagenden Effekt hätten.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Weidmann bekräftigte in dem Interview seine Zweifel am Sinn einer solchen - im Fachjargon Quantitative Easing genannten - Aktion, mit der unter anderem die Federal Reserve in den USA und die beiden Notenbanken von Großbritannien und Japan in den vergangenen Jahren gegen die Krise vorgegangen waren. "Die jetzt debattierten Maßnahmen sind großteils unbekanntes Terrain. Deshalb brauchen wir eine Diskussion über ihre Effektivität und über ihre Kosten und mögliche Nebenwirkungen." Ein Sprecher der Bundesbank sagte auf Nachfrage von Reuters, Weidmann habe seine Position nicht geändert.

Weidmanns Äußerungen kommen zu einem kritischen Zeitpunkt. Zuletzt hat der Euro deutlich gegenüber dem US-Dollar aufgewertet. Dies verstärkt Sorgen über die niedrige Inflation der Eurozone. Ein höherer Wechselkurs des Euro drückt die Importpreise und schwächt tendenziell die Wirtschaftsentwicklung. Im Gespräch mit Market News sagte Weidmann, wenn der Euro so stark steige, dass er die Inflation spürbar beeinflusse, würde er einer weiteren Zinssenkung den Vorzug gegenüber anderen unkonventionellen Maßnahmen geben. "Um den Folgen einer starken Euro-Aufwertung für den Inflationsausblick entgegenzuwirken, wären negative Zinsen angemessener als andere Maßnahmen", sagte Weidmann.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

26.03.2014, 13:15 Uhr

"Weidmann bekräftigte in dem Interview seine Zweifel am Sinn einer solchen - im Fachjargon Quantitative Easing genannten - Aktion, mit der unter anderem die Federal Reserve in den USA und die beiden Notenbanken von Großbritannien und Japan in den vergangenen Jahren gegen die Krise vorgegangen waren. "

Sie sind damit nicht gegen die Krise vorgegangen sondern haben mehr schlecht als recht versucht, die Symptome zu unterdrücken. Gleichzeitig haben sie durch die damit verbundene Kreditverschlechterung –jeder Dödel bekommt für jeden Unsinn Geld praktisch geschenkt- einen zunehmenden deflationären Druck aufgebaut, der wieder neues Gelddrucken erfordert. Wie man aus dieser Deflations-Inflationsspirale wieder herauskommt und wer letztlich die am „Tag der Wahrheit“ zwangsläufig notwendige Abschreibung der faulen Kredit vornimmt, wird einfach verdrängt und offen gelassen. Wenn diese Falschgeldbombe platzt, möchte ich nicht in der Näher der Verantwortlichen stehen, die das auf dem Gewissen haben.

Account gelöscht!

26.03.2014, 13:23 Uhr

"sein finnischer Kollege Liikanen liebäugelt mit einem Banken-Strafzins"

Schlägt man die Marge der Banken "drauf", werden alle die Bürger hart bestraft, die Altersvorsorge betrieben haben. Altersvorsorge zu betreiben geht in der Folge wohl nicht mehr.

Eine sehr interessante Herausforderung auf die sich die Bundesregierung einstellen muss. Mit einer solchen Entscheidung werden wohl die Sozialkosten des Staates ins astronomische steigen.

Soweit das Thema Haushaltshoheit des Parlaments im Sinne des Bundesverfassungsgerichts.

Account gelöscht!

26.03.2014, 13:28 Uhr

Es ist auch notwendig, daß die EZB-Hardliner weich werden im Hinblick darauf, daß die EU in den nächsten Jahrzehnten die Ukraine finanzieren will. Ich schätze, daß da mindestens 100 Milliarden notwendig sein werden. Zu befürchten ist, daß es sich dabei um einen sog. "Verlorenen Zuschuß" handeln wird. Es ist anzunehmen, daß die Finanzierung so laufen wird, daß die Ukraine Anleihen in entsprechendem Umfang begeben wird, die von den Großbanken gekauft werden, die dafür von der EZB Darlehen zu einem Niedrigzins oder sogar zinslos und mit Ausfallgarantien erhalten werden. Im Endeffekt werden dafür natürlich die EU-Bürger, vor allem die der nächsten Generationen bezahlen(in Form stark ansteigender Inflation).

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×