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19.06.2014

09:31 Uhr

Geldspritze

US-Notenbank schiebt Zinswende auf

Die US-Notenbank Federal Reserve fährt ihr Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen und Hypothekenpapieren weiter zurück. Die Zinsen sollen aber für eine „erhebliche Zeit“ niedrig bleiben. Das freut die Finanzmärkte.

Fed-Chefin Janet Yellen belässt den Leitzins auf dem historisch tiefen Niveau von null bis 0,25 Prozent. ap

Fed-Chefin Janet Yellen belässt den Leitzins auf dem historisch tiefen Niveau von null bis 0,25 Prozent.

WashingtonDie US-Notenbank sieht die Erholung der amerikanischen Wirtschaft weiterhin auf einem guten Weg und streicht ihre Konjunkturhilfen weiter zusammen. Die Konjunktur habe sich in den letzten Monaten nach einem schwachen Winter wieder erholt, teilte die Federal Reserve (Fed) am Mittwoch in Washington mit. Die monatlichen Geldspritzen werden um zehn Milliarden Dollar gekürzt, wie der für die Zinspolitik zuständige Offenmarktausschuss entschied. „Wir haben weitere Zuwächse auf dem Arbeitsmarkt gesehen“, sagte die Vorsitzende Janet Yellen.

Zwar werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr deutlich weniger zulegen als zuletzt erwartet. Dafür sinke aber die Arbeitslosenquote schneller als bisher gedacht. Ihre monatlichen Anleihekäufe zur Stützung der Konjunktur reduziert die Fed daher planmäßig weiter. Schnelle Zinserhöhungen sind aber weiterhin vorerst nicht zu erwarten.

Der Erwerb von langfristigen Staatsanleihen und Immobilienpapieren wird zum fünften Mal in diesem Jahr um 10 Milliarden Dollar (7,4 Mrd Euro) pro Monat zurückgefahren. Damit sinkt die Summe von ursprünglich 85 auf künftig 35 Milliarden Dollar monatlich. Experten hatten mit dem Schritt gerechnet. Die Fed bekräftigte, sie wolle sich schrittweise von dieser außergewöhnliche Konjunkturmaßnahme verabschieden.

Was die Federal Reserve vorhat

Was machte diese Zinssitzung der Fed so spannend?

Nicht so sehr die konkreten Entscheidungen nach der zweitägigen Sitzung des Offenmarktausschusses. Historische Beschlüsse wie zuletzt bei der EZB hatte niemand erwartet – und sie kamen auch nicht. Aber es sind die Aussagen zwischen den Zeilen, auf die Analysten weltweit gebannt achteten. Nur ein verdächtiges Wort kann die globalen Finanzmärkte in helle Aufregung versetzten und Turbulenzen verursachen.

Wie kann so etwas passieren?

Die Zentralbanker gaben etwa ihre Bewertung der wirtschaftlichen Zukunft zu Protokoll. Änderungen zu früheren Einschätzungen lassen erkennen, ob sie zwischenzeitlich optimistischer oder pessimistischer geworden sind. Das kann letztlich auch Auswirkungen auf ihre Geldpolitik haben. Sie ließen aber kaum Veränderungen erkennen – zwar reduzierten sie ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr deutlich, verbesserten aber zugleich die Erwartung für die Arbeitslosigkeit. Zudem erneuerten sie ihren Tipp, wie sich der Leitzins auf lange Sicht entwickelt.

Und? Steigen die Zinsen jetzt bald?

Dass die US-Notenbank den Leitzins nicht ewig bei fast null Prozent halten will, wo er seit Ende 2008 liegt, machte sie bereits klar. Ebenso gibt es aber auch für eine Anhebung vor Mitte 2015 keine Hinweise. Die Fed-Vertreter rechnen nun für nächstes Jahr durchschnittlich mit einem leicht höheren Zins als bisher. Das kann ein Zeichen sein. Aber auch die Fed-Vorsitzende Janet Yellen ließ bei ihrer Pressekonferenz zunächst nicht genau durchblicken, worauf sich die Märkte einstellen sollen. So blieben die Börsen erstmal ruhig.

Was hält die Fed von Zinserhöhungen ab?

Sie hat zwei Ziele: für Vollbeschäftigung sorgen und die Inflation im Zaum halten. Solange sie die Arbeitslosigkeit in der größten Volkswirtschaft der Welt für zu hoch hält und die Teuerungsrate unproblematisch ist, sieht sie keinen Anlass für Zinserhöhungen. Schließlich soll der niedrige Zins helfen, die Konjunktur zu stärken. Die jetzige Erwerbslosenquote von 6,3 Prozent ist im historischen Vergleich sehr hoch, zudem besteht ein Problem mit der Langzeitarbeitslosigkeit. Das Minus beim Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal war ebenfalls kein gutes Signal.

Warum rechnen einige Experten dennoch mit einer früheren Zinswende?

Ein Grund ist der deutliche Anstieg der Inflation. Im Mai ist die jährliche Teuerungsrate auf 2,1 Prozent geklettert – und damit erstmals seit Oktober 2012 über den Zielwert der Fed. Das erhöht den Druck auf ihre Mitglieder, über Zinserhöhungen nachzudenken. Zwar arbeitet die Zentralbank mit einem anderen Inflationswert, der meist etwas niedriger ausfällt, aber dennoch lässt sich ein schnellerer Preisauftrieb nicht von der Hand weisen. Auch ist die Arbeitslosenquote schneller gesunken, als es die Zentralbank bisher prognostizierte: Bei 5,5 Prozent gilt ihr Ziel quasi als erreicht.

Und was könnte bei einer Anhebung passieren?

Die größte Sorge ist, dass höhere Zinsen das Wachstum abwürgen könnten. Teurere Kredite für Firmen und Hauskäufer könnten Investitionen verhindern, ein stärkerer Dollar könnte Exporte schwächen. Auch an den Aktienmärkten dürfte das nicht spurlos vorbeigehen. Denn bislang wurde die Rally an den Börsen hauptsächlich vom billigen Geld der Notenbanken angetrieben. Auch könnten Investoren Kapital aus Schwellenländern abziehen, um es wieder einträglicher zu Hause anzulegen – gefährlich für Staaten, deren Wachstum von Liquidität aus dem Ausland abhängt. Der Internationale Währungsfonds riet der Fed daher jüngst, bei Zinserhöhungen lieber ganz vorsichtig zu sein.

Der Leitzins hingegen werde noch „erhebliche Zeit“ unverändert zwischen null und 0,25 Prozent bleiben, da eine sehr lockere Geldpolitik vor allem wegen der erhöhten Arbeitslosigkeit unverändert angemessen sei. Auf diesem Rekordtief liegt der Zinssatz seit Ende 2008, als sich weltweit die schwere Finanzkrise ausgebreitet hatte. Eine deutliche Mehrheit der maßgeblichen Fed-Vertreter schätzt, dass er erst 2015 steigen werde. Yellen betonte erneut, dass es „keine mechanische Formel“ gebe, wann es zu Zinserhöhungen kommen könnte.

Zugleich beurteilt die Fed nach dem kältebedingt schwachen Start ins Jahr die Wachstumsaussichten nicht mehr ganz so rosig. Sie veranschlagt für dieses Jahr beim Bruttoinlandsprodukt ein Plus von maximal 2,3 Prozent. Noch im März hatte sie mit bis zu drei Prozent gerechnet. „Natürlich gibt es in dieser Prognose noch Unsicherheiten“, sagte Yellen.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

18.06.2014, 21:00 Uhr

Zinswende?? ;-)
Yeah, das wäre doch wirklich mal der Knaller: Yellen wie Paul Volcker anno 1980/ 81, und am besten auch gleich mit einer Anhebung der Prime Rate auf über 20%.
Damit "rettete" Volcker bekanntlich den Dollar vor der Totalentwertung und beendete die Stagflation in den USA.
Und was würde bei einer (starken) Zinsanhebung heute passieren?
Die Explosion der ca. 1 Billiarde USD-Derivatebombe würde man vermutlich noch bis in die nächste Galaxie hören können...

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