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12.02.2013

15:03 Uhr

Gemeinsame Erklärung

G7-Staaten stemmen sich gegen einen Währungskrieg

Zuletzt hat es am Devisenmarkt ein mittleres Beben gegeben. Der Euro hat stark aufgewertet. Nun haben die führenden Industrienationen reagiert. In einer gemeinsamen Erklärung bekennen sie sich zu freien Wechselkursen.

Der Dollar hat gegenüber dem Euro zuletzt kräftig an Wert verloren. dpa

Der Dollar hat gegenüber dem Euro zuletzt kräftig an Wert verloren.

LondonDie führenden Industrie-Nationen (G7) bekennen sich zu freien Wechselkursen und wollen so einen Währungskrieg abwenden. Die Kurse sollten von den Märkten bestimmt werden, bekräftigten die G7-Länder am Dienstag. Zugleich suchen die USA, Japan, Kanada, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien den Schulterschluss: "Wir werden uns weiter eng zum Thema Devisenmärkte abstimmen und entsprechend zusammenarbeiten." Laut Weltbank besteht aber auch Handlungsbedarf im größeren Kreis der Industrie- und Schwellenländer (G20), die sich am Wochenende in Moskau treffen: "Wir befinden uns nicht im Währungskrieg, könnten aber darauf zusteuern", warnte der Chefökonom des Instituts, Kaushik Basu, im Reuters-Interview.

Pikanterweise hatte mit Japan ein Land aus dem G7-Kreis die Debatte mit einer Geldschwemme seiner Notenbank ausgelöst. Sie schickte den Yen auf Talfahrt und verschaffte japanischen Firmen Wettbewerbsvorteile im Ausland. Dies löste weltweit Furcht aus, andere Staaten könnten nachziehen. Japans Finanzminister Taro Aso betonte, sein Land stehe nicht am Pranger: "Die G7 haben voll anerkannt, dass die von uns unternommenen Schritte zur Bekämpfung der Deflation nicht darauf gerichtet sind, die Devisenmärkte zu beeinflussen."

Die Kursentwicklung des Euro seit Einführung

1. Januar 1999

1. Januar 1999: Der Euro wird von den elf Gründerländern der Europäischen Währungsunion (EWU) aus der Taufe gehoben. Der Umrechnungskurs zur D-Mark beträgt 1,95583 DM je Euro.
Am 4. Januar startet der Handel in Sydney - der ersten großen Börse, die nach dem Datumswechsel öffnet - mit 1,1747 Dollar.

Dezember 1999

Der Euro fällt erstmals auf 1,00 Dollar.

Frühherbst 2000

Bei Kursen unter 0,85 Dollar wächst die Befürchtung, der schwache Euro könnte die Weltwirtschaft destabilisieren. Mit Unterstützung der Zentralbanken Japans und der USA greift die EZB der jungen Währung unter die Arme. Doch die Interventionen verpuffen rasch: Am26. Oktober ist ein Euro noch 0,8225 Dollar wert. Eine weitere Interventionsrunde im November hievt ihn wieder auf 0,86 Dollar.

Januar 2002

Die reibungslose Einführung des Euro-Bargelds honorieren die Finanzmärkte mit Euro-Käufen. Im Juli erreicht der Euro wieder die Ein-Dollar-Marke.

März 2003

Der Beginn des Irakkrieges geht zu Lasten des Dollar. Der Euro erreicht wieder sein Einführungsniveau.

September 2003

Finanzminister und Notenbanker der sieben führenden Industrieländer (G7) fordern flexiblere Wechselkurse, was an den Märkten als Signal für den Wunsch nach einem schwächeren Dollar interpretiert wird. Am 28. November 2003 steigt der Euro erstmals über 1,20 Dollar.

September 2007

Nach einer deutlichen US-Zinssenkung im Zuge der Subprime-Krise steigt der Euro über 1,40 Dollar.

Juli 2008

Der Euro erreicht mit 1,6038 Dollar ein Rekordhoch. Nur wenige Tage zuvor - am 11. Juli - hatte übrigens auch der Ölpreis mit 147,50 Dollar je Fass sein Allzeithoch erreicht.

Oktober 2008

Im Sog der Lehman-Pleite ziehen US-Investoren ihre Euro-Gelder ab und drücken ihn bis zum 28. Oktober auf 1,2328 Dollar ,den niedrigsten Stand seit April 2006.

Oktober 2009

Mit den Aktienmärkten steigt zwar auch der Euro - erstmals seit einem Jahr klettert er am 21. Oktober über 1,50 Dollar. Doch das Comeback ist von kurzer Dauer: Griechenland schockiert die Märkte mit der Ankündigung eines etwa doppelt so hohen Haushaltsdefizits wie bislang gedacht.

Dezember 2009, Januar 2010

Mit ersten Herabstufungen Griechenlands durch die Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's sowie Moody's beginnt der Euro seine Talfahrt.

Frühjahr und Sommer 2011

EZB-Chef Jean-Claude Trichet signalisiert am 3. März überraschend für April eine Zinserhöhung. Im Juli folgt sogar eine zweite Zinsanhebung. Am 4. Mai notiert der Euro zeitweise über 1,49 Dollar. Spekulationen über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone bremsen die Gemeinschaftswährung aber für den Rest des Sommers aus. Sie pendelt meist in einer Spanne von etwa 1,40 bis 1,45 Dollar.

Ende Februar 2012

Eine zweite EZB-Geldspritze lässt den Euro wieder steigen. Er schafft es fast bis auf 1,35 Dollar. Banken können sich bei der EZB für drei Jahre zum historisch niedrigen Leitzins von einem Prozent Geld leihen. Zusammen mit der ersten derartigen Aktion vom Dezember greifen die europäischen Banken rund eine Billion Euro ab.

Juni 2012

Die Angst der Investoren vor einer Eskalation der Staatsschuldenkrise ist größer denn je und belastet den Euro. Vor allem Spanien ist wegen seines taumelnden Bankensektors angezählt. Im Juni fällt der Euro bis auf 1,21 Dollar.

Juli 2012

Vor Investoren in London kündigt EZB-Chef Draghi am 26. Juli an, die EZB werde „alles nötige tun, um den Euro zu erhalten.“ Der vorläufige Wendepunkt in der Euro-Krise. Sofort steigt der Euro deutlich. Innerhalb eines Tages von 1,2118 auf 1,2287 US-Dollar. Wenige Wochen später machte Draghi klar, was das bedeutet: Im Notfall kauft die EZB unbegrenzt Anleihen der Krisenländer. Der Euro startet einen neuen Höhenflug.

Februar bis März 2013

Die Erleichterungs-Rally geht weiter: Anfang Februar steigt der Euro bis auf 1,37 Dollar. Das Hoch hält allerdings nicht lange vor. Wegen Unsicherheiten in Italien und Zypern fällt die Gemeinschaftswährung und notiert aktuell bei knapp unter 1,30 Dollar.

September 2014

Die EZB überrascht die Märkte mit einem neuen Zinssenkungszyklus. Der Euro nimmt seine Talfahrt wieder auf. Signale von EZB-Chef Mario Draghi für weitere Geldspritzen drücken den Euro bis zum Jahresende auf rund 1,21 Dollar.

06. Januar 2015

Der Euro fällt auf 1,1853 Dollar und erreicht damit das Tief von Februar 2006. Zugleich nimmt die Talfahrt der Ölpreise weiter Fahrt auf. Nordseeöl der Sorte Brent verbilligt sich um bis zu 1,7 Prozent auf 50,22 Dollar je Barrel (159 Liter).

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte in Brüssel, er hoffe, dass sich alle G7-Länder an die Vereinbarung hielten. Im übrigen gebe es in Europa kein Wechselkursproblem, sondern "anderswo". Auch die ultralockere Geldpolitik der USA steht in der Kritik: Sie treibt Kapital in Schwellenländer wie Brasilien, wo noch deutlich höhere Renditen zu erzielen sind und die Landeswährung unter Aufwertungsdruck gerät. Laut Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem wird das Thema Wechselkursdumping auf dem bevorstehenden G20-Treffen in Moskau zur Sprache kommen, wo auch die großen Schwellenländer mit am Tisch sitzen.

Anleger am Aktienmarkt und Euro-Investoren zeigten sich von der G7-Erklärung unbeeindruckt: Der Dax blieb leicht im Minus, der Euro notierte weiter knapp unter 1,34 Dollar. Vor allem Frankreich hatte beklagt, die derzeitige Euro-Stärke habe Nachteile für die europäische Wirtschaft. Finanzminister Pierre Moscovici hatte das Thema zu Wochenbeginn auch in der Eurogruppe zur Diskussion gestellt. Der Wechselkurs sei zwar Sache des Marktes, dennoch könne die Politik in abgestimmter Weise alle Instrumente nutzen, um für Stabilität zu sorgen.

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Kommentare (20)

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econo-mist

12.02.2013, 15:33 Uhr

Einfach den Krieg beenden und den "Globo" einführen.

Pequod

12.02.2013, 16:33 Uhr

Die EZB soll's richten?
-------------------------
Mit was? Mit welchem Waffenarsenal? Etwa mit einer nicht
vorhandenen Dicken Berta? Wurde jemals eine Revision
durchgeführt? Der große Knall wird spätestens kommen,
wenn der reguläre Kapitalmarkt merkt, daß das Finanz-
potential der EZB aus heißer Luft besteht und sich die
geballte Finanzkraft auf Druckmaschinen reduziert, die
nichts anderes als bedrucktes Papier für wertlose Staats-
anleihen produziert!

Rechner

12.02.2013, 16:53 Uhr

Einen Währunhskrieg sehe ich nicht.

Sondern eine positive Leistungsbilanz der Eurozone:

2010 Q3: 35.877 Mrd
2010 Q4: 33.104 Mrd
2011 Q1: 20.565 Mrd
2011 Q2: 30.215 Mrd
2011 Q3: 39.985 Mrd
2011 Q4: 45.303 Mrd
2012 Q1: 44.626 Mrd
2012 Q2: 63.920 Mrd
2012 Q3: 73.379 Mrd


Die Eurozone ist ein Wirtschaftsraum mit hoher Wettbewerbsfähigkeit - natürlich spiegelt sich das über kurz oder lang in einer stärkeren Währung wieder.

...

Die Aktion der japanischem Notenbank fällt durch ihre Abruptheit hier etwas aus dem Rahmen.

Aber Japan ist schon lange nicht mehr der Nabel der Welt.

Wenn die Japaner ihre Waren unbedingt verschenken wollen - bitte sehr.

Für klug halte ich das nicht, was mich aber nicht daran hindert zuzugreifen.

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