Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.09.2011

16:55 Uhr

Geringe Inflationsgefahr

EZB warnt vor Konjunkturflaute

Jean-Claude Trichet wechselt die Argumentation: Die Inflationsgefahr sei gesunken. Dafür beeinträchtigen die Marktturbulenzen die Wachstumsaussichten der Wirtschaft. Zinserhöhungen sind damit vorerst ausgeschlossen.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. dpa

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Düstere Konjunkturaussichten zwingen die EZB zu einer längeren Zinspause. „Die Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum haben sich verstärkt“, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) beließ den Leitzins im Euro-Raum bei 1,5 Prozent. Auch in den kommenden Monaten dürften die Währungshüter die geldpolitischen Zügel nicht anziehen. Einige Beobachter fordern bereits eine Zinssenkung. 

„Vor einem Monat waren die Wachstumsrisiken aus unserer Sicht ausgeglichen. Jetzt sehen wir Abwärtsgefahren für das Wirtschaftswachstum“, sagte Trichet und nannte unter anderem die jüngsten Marktturbulenzen als Konjunkturrisiken. Den Inflationsgefahren sehe die Notenbank hingegen gelassener entgegnen als zuletzt. Das nimmt den Druck von der EZB, erneut an der Zinsschraube zu drehen. Die EZB hatte den Leitzins im April und Juli um je 0,25 Punkte auf aktuell 1,50 Prozent erhöht. Das waren die ersten Zinsschritte nach der Finanzkrise. 

Deutlich düsterer als noch im Juni beurteilt die EZB die Konjunkturaussichten für den Euro-Raum. Die Notenbank rechnet nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 Prozent (Spanne von 1,4 bis 1,8 Prozent) in laufenden Jahr. Im Sommer war sie noch von einem Plus von 1,9 Prozent ausgegangen. Auch für 2012 die Notenbank pessimistischer. 

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Im kommenden Jahr soll die Wirtschaft im gemeinsamen Währungsraum nur noch um 1,3 Prozent (Spanne 0,4 bis 2,2 Prozent) zulegen. Zuletzt hatte die EZB noch ein Plus von 1,7 Prozent erwartet. Die Inflationsprognosen blieben unverändert bei 2,6 Prozent in diesem und 1,7 Prozent im kommenden Jahr. 

Zwar ließ der Preisdruck zuletzt infolge sinkender Ölpreise nach. Noch liegt die Inflation im Euro-Raum mit 2,5 Prozent immer noch weit über dem Zielwert der Notenbank, die eine Jahresteuerung knapp unter zwei Prozent anstrebt. Höhere Zinsen helfen im Kampf gegen die Inflation: Kredite werden tendenziell teurer, das mindert die Neigung von Unternehmen und Verbrauchern, auf Pump zu investieren und zu konsumieren. 

EZB-Projektionen für die Euro-Zone

HVPI

Im Hinblick auf den Harmonisierten Verbraucherpreisindex wird für 2011 eine Bandbreite von 2,5 bis 2,7 Prozent (Juni-Projektion: 2,5 - 2,7 Prozent) projiziert, für das kommende Jahr eine Bandbreite von 1,2 bis 2,2 Prozent (Juni-Projektion: 1,1 - 2,3 Prozent).

Reales BIP

Was das durchschnittliche Jahreswachstum des realen BIP angeht, so wird eine Bandbreite von 1,4 Prozent bis 2,1 Prozent für das laufende Jahr, und von 0,4 Prozent bis 2,2 Prozent für das kommende Jahr projiziert. In der Juni-Projektion galten für 2011 die Werte 1,5 bis 2,3 Prozent, für 2012 die Werte 0,6 bis 2,8 Prozent.

Privatkonsum

Der Privatkonsum soll der aktuellen Projektion zufolge 2011 zwischen 0,3 Prozent und 0,7 Prozent (Juni-Projektion: 0,6 - 1,2 Prozent) betragen, im nächsten Jahr zwischen null und 1,6 Prozent (Juni-Projektion: 0,4 - 2,2 Prozent).

Staatskonsum

Für den Staatskonsum wurde für 2011 ein Wert zwischen minus 0,2 und plus 0,8 Prozent ermittelt. In der Projektion von Juni zog sich die Bandbreite noch von minus 0,4 Prozent bis plus 0,6 Prozent. Die Einschätzung für 2012 liegt zwischen minus 0,7 Prozent und plus 0,5 Prozent (Juni-Projektion: minus 0,5 Prozent bis plus 0,9 Prozent).

Importe

Die Wachstumsaussichten für Importe schätzten die EZB-Experten für das laufende Jahr auf zwischen 4,7 und 7,3 Prozent (Juni-Projektion: 4,3 - 7,9 Prozent), für 2012 auf zwischen 2,0 und 9,2 Prozent (Juni-Projektion: 2,6 - 10,0 Prozent)

Exporte

Im Hinblick auf den Export wird der aktuellen Einschätzung zufolge eine Bandbreite von 5,6 bis 8,4 Prozent für 2011 erwartet (Juni-Projektion: 5,8 - 9,6 Prozent), für das kommende Jahr liegt der projizierte Wert zwischen 2,3 und 9,7 Prozent (Juni-Projektion: 2,6 bis 10,6 Prozent)

Bruttoanlageinvestitionen

Im Rahmen der gesamtwirtschaftlichen Projektionen sollen den Experten zufolge die Bruttoanlageinvestitionen in diesem Jahr ein Wachstum von zwischen 2,2 und 3,6 Prozent erreichen (Juni-Projektion: 2,0 bis 4,2 Prozent), im nächsten Jahr 0,8 bis 5,4 Prozent (Juni-Projektion: 1,1 bis 5,9 Prozent).

Doch höhere Zinsen verteuern auch Kredite. Daher könnten sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft sein, nicht nur in Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Schon fordern erste Ökonomen angesichts der steigenden Rezessionsängste eine Zinswende. So empfahl etwa Julian Callow von Barclays Capital in London der EZB, den Leitzins wieder auf das Rekordtief von 1,0 Prozent zu senken. Damit könne das Risiko eines Rückfalls in die Rezession gesenkt werden.

Kommentare (17)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.09.2011, 14:15 Uhr

Mir ist es eh schleierhaft wie Zentralbanker den optimalen Zinssatz für einen heterogenen Wirtschaftsraum erraten wollen.

Das ist doch so als würde man versuchen mit einem Hammer einen Bypass zu legen.

Account gelöscht!

08.09.2011, 14:45 Uhr

@jneugebauer
geht bestimmt mit dem Hammer. Nur dann ist der Patient eben tot. Das nimmt man ofensichlich in Kauf!

Account gelöscht!

08.09.2011, 15:26 Uhr

"Inflationsrisiken gesunken"?? Wenn ich bedenke, dass es noch ca. ein Jahr dauert, bis die ersten Rettungsgelder seit Lehman auf die Realmärkte sickern und ich mir jetzt schon selbst bei Aldi vorkomme, als würde ich in dänischen Kronen zahlen, dann sind wir schon mittendrin in der galoppierenden Inflation! Leider gibt es keine neutrale Instanz mehr auf dieser Welt, die den Überblick behält und Urteile nach Wahrheit ausspricht. Man solle sich jedoch jede Aussage dieser ganzen Augenwischer-Experten merken und sie nach dem Systemreset dafür haftbar machen. Neulich wurde ich hier als "Querschläger" von Blinse tituliert. Schonmal daran gedacht, dass solche "Querschläger" vielleicht einer der wenigen Personen mit nüchterner Sichtweise sind und dass alle anderen Experten an Agnosie leiden, die eigentlichen Tatsachen sich immer schönschreiben!??

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×