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10.12.2014

14:45 Uhr

Gewerkschaft schlägt Alarm

Tränen in der EZB

VonJan Mallien, Jens Münchrath

Das Ergebnis eines Burnout-Tests wirft ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen der EZB-Mitarbeiter. Ein Insider berichtet von weinenden Kollegen. Die EZB kündigt eine detaillierte Ursachenforschung an.

Die neue EZB-Zentrale in Frankfurt: Viele Mitarbeiter leiden unter Burn-Out und Erschöpfung.

Die neue EZB-Zentrale in Frankfurt: Viele Mitarbeiter leiden unter Burn-Out und Erschöpfung.

DüsseldorfMit ihrem großangelegten Stresstest wollte die Europäische Zentralbank (EZB) die Banken im Euroraum gegen Stress wappnen. Sie sollten so viel Kapital vorhalten, dass sie selbst starken Stress wie eine schwere Wirtschaftskrise durchstehen. Die meisten Banken haben den Test bestanden. Ganz anders sieht es bei den Mitarbeitern der EZB aus. Deren Stresslevel ist erheblich gestiegen.

In einem Test im September hat der Betriebsrat abgefragt, wie viele Mitarbeiter an Burn-Out leiden. Das Ergebnis: Von 903 teilnehmenden Mitarbeitern war knapp ein Drittel (279 Mitarbeiter) von einem Burnout-Syndrom betroffen oder akut bedroht. Ein weiteres Drittel der Befragten litt unter starker Erschöpfung. 2.500 Mitarbeiter hatte der Betriebsrat angeschrieben. Der Test nennt sich „Maslach Burnout Inventory“ und gilt als gängiges Messinstrument für Burn-out. Jörn Paulini, Vizechef der EZB-Gewerkschaft Ipso, sprach gegenüber dem Hessischen Rundfunk von „alarmierenden Zahlen“.

Die Gewinner des EZB-Krisenkurses

Aktionäre

Seit Jahren ist das extrem billige Geld der Notenbanken wichtigster Schmierstoff der Börsen. Im Juni hievte eine EZB-Zinssenkung den Dax erstmals über 10.000 Punkte.

Banken

Für sie ist Zentralbankgeld günstig wie nie. Zudem entlastet die EZB über den Kauf von Kreditpaketen. Das soll Freiräume für neue Kredite schaffen und die Konjunktur ankurbeln.

Bundesfinanzminister

Zeitweise verdiente Deutschland mit der Aufnahme neuer Schulden Geld, weil Investoren negative Zinsen für Staatspapiere in Kauf nahmen. Letztlich profitieren davon auch die Steuerzahler.

Konsum

Auch wegen der mickrigen Sparzinsen sitzt Verbrauchern das Geld locker. Das freut Einzelhändler und hilft der Konjunktur.

Kreditnehmer

Auch wenn Banken die rekordniedrigen Leitzinsen von derzeit 0,05 Prozent nicht 1:1 an Kunden weitergeben – selten war es so günstig, die eigenen vier Wände oder eine neue Fabrikhalle zu finanzieren. Laut FMH-Finanzberatung sank der Effektivzins für Baugeld mit zehnjähriger Laufzeit von rund 4,9 Prozent im November des Krisenjahres 2008 auf rund 1,9 Prozent im November 2014.

Krisenstaaten

Die EZB kauft für sie Zeit, um Reformen umzusetzen.

Ein EZB-Insider berichtet von teilweise dramatischen Szenen: „Mitarbeiter kommen weinend zum Betriebsrat.“ Einige fühlten sich ihrer Arbeit aber so stark verpflichtet, dass sie einfach nicht zum Arzt gingen. Ein anderer erzählt, er habe „vier Monate unter Burn-out gelitten“. Angefangen habe es mit Bauchschmerzen. Dann kamen Schlafschwierigkeiten hinzu. Er konnte nicht mehr richtig essen, habe sich häufig übergeben müssen. „Zuletzt brauchte ich Medikamente.“

Auf den ersten Blick hat die EZB ein Vorsorgeangebot, von dem viele Arbeitnehmer träumen können. So gibt es zum Beispiel Trainings zu Zeit-, Stress - und Konfliktmanagement, medizinische Betreuung, Sprachkurse und Sozialberatung. Andererseits erfasst die Zentralbank die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter nicht. Deshalb gibt es keinen Überblick, wie lange die Mitarbeiter tatsächlich arbeiten. Die EZB teilte auf Anfrage mit, sie nehme die „Testergebnisse sehr ernst“. Bevor gezielte Gegenmaßnahmen getroffen werden könnten, sei für das 1. Halbjahr 2015 eine detaillierte Ursachenforschung geplant.

Kommentare (11)

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Herr C. Falk

10.12.2014, 14:54 Uhr

Ist das einfache Arbeitsüberlastung oder wird den EZB-Mitarbeitern einfach schlecht in Anbetracht dessen, was sie da für eine Art von Tätigkeit zu erbringen haben?

Herr Uwe Reissner

10.12.2014, 15:13 Uhr

Hehe, kein Wunder. Jedesmal wenn ich die drei Buchstaben "EZB" lese, treibt es mir auch die Tränen in den Augen.

Herr Josef Schmidt

10.12.2014, 15:16 Uhr

Wenn sie den ganzen Müll als Bankbilanzen bearbeiten müssen, ist das auch kein Wunder. Die Banken bezahlen Tausende "Berater" wie sie es nennen, um ihre Leichen im Keller zu verbergen, da reichen einige huntert Heinis um diese auszugraben nicht aus.

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