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13.03.2012

11:58 Uhr

Gewinn sinkt deutlich

Weidmann verteidigt die Bundesbank gegen die Euro-Retter

VonJan Mallien

Bundesbank-Chef Weidmann sorgt sich wegen der Geldpolitik der EZB. Die niedrigen Sicherheitsanforderungen für Zentralbankgeld erhöhten das Risiko. Die Bundesbank verdoppelt ihre Rückstellungen - zu Lasten des Gewinns.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einem neuen Schuldenschnitt für Griechenland.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einem neuen Schuldenschnitt für Griechenland.

Düsseldorf/FrankfurtDie Bundesbank fürchtet erhebliche Risiken durch die Geldpolitik der EZB. Wegen hoher Rückstellungen zur Risikovorsorge verzeichnete sie im Geschäftsjahr 2011 einen Gewinneinbruch: Ihr Jahresüberschuss sank von 2,2 auf 0,6 Milliarden Euro. „Der Grund für den Rückgang des Gewinns findet sich vor allem in der Erhöhung der Risikovorsorge“, erklärte Bundesbankpräsident Jens Weidmann am Dienstag auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Bundesbank.

Die Bundesbank hat ihre Rückstellungen für allgemeine Wagnisse fast verdoppelt - von 4,1 auf 7,7 Milliarden Euro. Bereits im Vorjahr hatte sie die Rückstellungen um 1,6 Milliarden aufgestockt. Weidmann begründete den Anstieg mit den Risiken aus den geldpolitischen Geschäften der Notenbank - diese hätten im Zuge der Staatsschuldenkrise deutlich zugenommen. „Die Ausfallrisiken des Staatsanleihekaufprogramms und der Refinanzierungskredite haben sich durch den ausgeweiteten Umfang und durch den gestiegenen Risikogehalt deutlich erhöht“, sagte Weidmann.

Zuletzt hatte die EZB mit zwei langfristigen Refinanzierungsgeschäften fast eine Billion Euro für drei Jahre an die Banken im Eurosystem verliehen. Gleichzeitig hatte sie die Sicherheitsanforderungen für Notenbankkredite mehrfach gelockert: Im Dezember legte sie beispielsweise fest, dass die nationalen Notenbanken des Eurosystems selbst bestimmen können, welche Sicherheiten sie für Notenbankkredite akzeptieren.

In einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ forderte Weidmann eine schnelle Rückkehr zur konventionellen Geldpolitik. Die Sondermaßnahmen der Notenbanken der Eurozone seien begrenzt und befristet und sie dürften keinesfalls einen Vorwand liefern, die notwendigen Reformen aufzuschieben, schrieb Weidmann. „Für mich ist es ein zentrales Anliegen, dass hierdurch keine Stabilitätsrisiken entstehen, etwa wenn der Eindruck entstünde, die Geldpolitik gerate ins Schlepptau der Finanzpolitik.“ Weidmann verlangte ein zügiges Konzept, wie die derzeit sehr umfangreiche Unterstützung der Banken wieder zurückgefahren werden kann. „Die Risiken, die das Eurosystem übernimmt, sind zu einem gewissen Grad unvermeidlich, aber wir setzen uns mit Nachdruck dafür ein, dass sie in vertretbaren Grenzen bleiben“, erklärte Weidmann.

Während Weidmann die Risiken durch die lockeren Sicherheiten hervorhob, ruderte er in der Debatte um die so genannten Target2-Forderungen zurück.

Das Problem der „Target II“-Salden in der Euro-Zone

Schuldenkrise bedroht gesamtes Geldwesen

Glaubt man Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, rollt auf die Bundesbank wegen der Schuldenkrise ein Mega-Problem zu, das zu einem Zusammenbruch unseres gesamten Geldwesens führen könnte. Dabei geht es um die
sogenannten „Target“-Forderungen der deutschen Zentralbank gegenüber den Zentralbanken Portugals, Italiens, Irlands, Griechenlands und Spaniens - also der Länder, die im Fokus der Schuldenkrise stehen. Worin genau besteht das Problem und welche Lösungsansätze werden zurzeit diskutiert?

Was ist Target?

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Am einfachsten lässt sich seine Funktion an einem Beispiel erklären: Ein griechischer Lebensmittelhersteller kauft bei einem deutschen Unternehmen eine Verpackungsmaschine. Den Kaufpreis leitet der griechische Käufer (Importeur) über seine Geschäftsbank, die griechische Notenbank, die Bundesbank und eine deutsche Bank an den Verkäufer (Exporteur) weiter.

Wo liegt das Problem?

Eigentlich ist jetzt alles gut: Der griechische Importeur hat die Verpackungsmaschine, der deutsche Exporteur sein Geld. Das Problem entsteht hinter der Kulisse: Die Bundesbank hat den Betrag an die deutsche Geschäftsbank und damit letztlich an den Exporteur ausgezahlt und nun ihrerseits eine Forderung an die griechische Zentralbank. Aber was ist diese Forderung wert? Denn was wäre, wenn Griechenland aus der Euro-Zone ausscheiden würde?

In früheren Zeiten des Goldstandards hätte die griechische Seite der Bundesbank nun Gold gutgeschrieben - der Saldo wäre ausgeglichen. Heute besteht die Forderung nur auf dem Papier. In normalen Zeiten wäre das Problem nicht so gravierend, weil die Geschäfte in beide Richtungen liefen. Wegen ihrer tiefen Krise importieren die Problem-Länder aber mehr als sie exportieren.

Die Dimension

So lange die Euro-Zone existiert, sind die Unterschiede in der Zahlungsbilanz an sich kein großes Drama. Der denkbare Euro-Austritt Griechenlands oder gar ein Zerfall des gemeinsamen Währungsraums und die schieren Summen, um die es geht, stellen aber nach Meinung vieler Experten mittlerweile ein enormes Risiko dar: Die „Target“-Forderungen der Bundesbank haben sich bis Juni 2012 auf fast 727 Milliarden Euro summiert. Bei einem Zusammenbruch des Euro-Systems bliebe die Bundesbank auf diesen Forderungen sitzen - und damit letztlich die deutschen Steuerzahler.

Welche Lösungen gibt es?

Die USA haben ein ähnliches Zahlungsverkehrssystem namens Fedwire, in dem die Differenzen zwischen den regionalen Filialen der US-Notenbank Fed ausgeglichen werden: Die Ungleichgewichte werden einmal im Jahr durch Wertpapiere korrigiert, die in den Beständen der Fed-Niederlassungen liegen. Das ließe sich auch in Europa so machen. Hier stellt sich aber die Frage nach der Güte der Wertpapiere, die in den Bilanzen der Zentralbanken stehen.

Denn mittlerweile akzeptieren die Euro-Notenbanken wegen der Schuldenkrise Papiere von fraglicher Qualität, die die Banken bei ihnen als Sicherheiten für Kredite hinterlegen. So reicht derzeit sogar aus, wenn eine Bank im Gegenzug für Zentralbank-Geld, einzelne Unternehmenskredite an die Notenbank verpfändet.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fordert deshalb eine Rückkehr zu den höheren Qualitätsanforderungen der Zentralbanken an hinterlegte Papiere, die vor der Finanzkrise gegolten hatten.

Kommentare (12)

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Radiputz

13.03.2012, 13:43 Uhr

Das "Absurde", hier das Ende oder eine Modifizierung der Währungsunion als Denkfigur nicht in Betracht zu ziehen, weil es als "Absurdes" eben dem Denken nicht zgänglich erscheint, ist in diesem Fall absurd, weil der Begriff Absurdität nicht in Anwendung gebracht werden kann.
Es ist immer möglich, dass Ereignisse eintreffen, die zumindest eine Modifizierung der Währungsunion, hin etwa zu einem Kern-Euro als nicht vollständig außerhalb aller denkbaren Szenarien erscheinen lassen.
Auch für diesem Fall, wenn Target2 zu einem echten Problemfall mutieren würde, müssen Überlegungen angestellt werden und sei es auch zunächst nur für die Schublade.
Wie die Erfahrung zeigt, gibt es "Nicht-Denkbares" also Absurdes sehr wohl, wie uns Fukoshima in einem gänzich anderem Zusammenhang sehr wohl gezeigt hat, bis hin zu massiven Auswirkungen auf die Energiepolitik im fernen Deutschland.

Account gelöscht!

13.03.2012, 14:08 Uhr

Dann handelt die Commerzbank und andere deutsche Institute also absurd, wenn sie ihre Investitionen in Südeuropa in vollem Umfang mit Krediten aus Südeuropa abdecken, um einen Währungsverlust zu neutralisieren.

Es ist verständlich dass die Bundesbank nicht öffentlich behaupten kann, dass sie ein Zusammenbruch des Euro in ihre Risikobetrachtung aufnimmt. Man muss so tun, als ob das nie passieren würde. Ansonsten schafft man noch mehr Unruhe. Allerdings ist jedem Unternehmen nur zu empfehlen, die eigenen Investitionen in Südeuropa genauso abzusichern, wie es die Banken bereits tun. Ob da 1 Billion von der EZB ausreichen werden, ist allerdings fraglich.

dongens

13.03.2012, 14:10 Uhr

> weil ich ein Auseinanderbrechen der
> Währungsunion schlichtweg für absurd halte

Hehe. Dann träumen Sie mal schön weiter, Herr Weidmann. Solange Sie nicht aufwachen bleibt alles knorke, nicht wahr?

Der passende Stuttmann dazu:
http://www.stuttmann-karikaturen.de/karikaturarchiv_4332_rss.html

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