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14.08.2016

08:03 Uhr

Globale Finanzmärkte

Wie der Irrsinn anfing

VonFrank Wiebe

Vor 150 Jahren startete die Globalisierung der Finanzmärkte – mit einem Unterseekabel. Seitdem hat die Verflechtung der weltweiten Börsen und Handelsplätze immer weiter zugenommen und hält uns alle gefangen.

Eine Reihe von Bankpleiten ließ damals die Aktienkurse abstürzen. Ein transatlantisches Unterseekabel verbreitete die Nachricht rasch nach Europa. picture alliance / Everett Colle

Wall Street im Jahr 1873

Eine Reihe von Bankpleiten ließ damals die Aktienkurse abstürzen. Ein transatlantisches Unterseekabel verbreitete die Nachricht rasch nach Europa.

New YorkDie Schweizer Bank Vontobel macht auf ein historisches Datum aufmerksam: Vor 150 Jahren veröffentlichte die Londoner „Times“ erstmals einen Wechselkurs von Pfund zu Dollar, der über ein transatlantisches Unterseekabel übertragen worden war. Damit schloss sich eine Lücke zwischen den beiden Kontinenten, und der Finanzmarkt wurde wahrhaft global.

Neben den Devisenkursen konnten auch die Preise von Aktien und Rohstoffen in Echtzeit übertragen werden. Niemand musste abwarten, bis ein Schiff die Nachrichten brachte. Und noch heute heißt der Wechselkurs Pfund zu Dollar bei den Devisenhändlern „Cable“ – Sprache bewahrt Geschichte auf.

Kurz zuvor hatten sich wichtige Lücken im Telegraphennetz innerhalb der Kontinente geschlossen – mit einigen phantasievollen Zwischenstationen. Der berühmte Pony-Express, bei dem junge Reiter ihre Pferde durch die Weiten Amerikas hetzten, wurde 19 Monate nach seinem Start bereits durch ein Kabel zwischen der Ostküste der USA und Kalifornien ersetzt. Mitte des Jahrhunderts wurde das erste Untersee-Kabel überhaupt zwischen Dover und Calais gelegt. Paul Reuter, Gründer der Nachrichtenagentur Reuters, schloss eine Lücke im Netz zwischen Brüssel und Aachen zeitweilig mit Brieftauben, um so die Börsen Paris und Berlin zu verbinden, bis auch dort der Telegraph fertig war. 1863 legte Reuter ein Kabel bis an die Westküste von Irland, um dort Nachrichten abzufangen, die von Schiffen aus den USA in Containern ins Wasser geworfen wurden – auch das war nur kurze Zeit von Bedeutung.

Schon Jahrhunderte und Jahrtausende lang hat es Versuche gegeben, den Nachrichtenfluss zu beschleunigen. In Deutschland gab es Türme, die mit optischen Zeichen Signale über eine Kette auf Sichtweite versendeten; in der Nähe des Kölner Flughafens steht noch einer davon. Während früher bei Nachrichten-Netzen häufig militärische Zwecke im Vordergrund standen, spielen seit dem 19. Jahrhundert die Kapitalmärkte eine immer größere Rolle. Damit deutete sich früh eine Umkehrung der Gewichte an: Während früher häufig Macht Geld bedeutete, bedeutet heute immer deutlicher Geld Macht.

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Die Vorgeschichte der Globalisierung ist freilich noch älter. Schon seit dem späten Mittalter war es möglich, bargeldlos über weite Entfernungen hinweg zu bezahlen – mit Kreditbriefen oder Wechseln, die von einem Bankier ausgestellt und einem anderen, häufig hunderte von Kilometern entfernt, ausbezahlt wurden. Der frühe deutsche Roman-Autor Grimmelshausen beschreibt so, wie inmitten des 30jährigen Krieg seine Heldin mit Namen Courasche (das Vorbild von Brechts „Mutter Courage“) Kriegsbeute aus Oberitalien ins heimatliche Prag transferieren ließ. Während sich in der letzten Finanzkrise zum Teil Banken misstrauten, die in der derselben Straße residierten, gab es offenbar mitten im brutalsten Krieg der europäischen Geschichte ein Netz des Vertrauens unter den Bankiers den Kontinents.

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