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01.09.2011

11:57 Uhr

Gottfried Heller im Interview

„Es ist noch viel Gift im Finanz-System“

VonHenrik Mortsiefer
Quelle:Tagesspiegel

Die globalen Märkte sind zu mächtig, obwohl ihre Erfolgsbilanz miserabel ist, klagt Börsen-Altmeister Gottfried Heller. Im Interview spricht er über mächtige Spekulanten, hilflose Politiker und Chancen für Anleger.

Gottfried Heller. Fiduka

Gottfried Heller.

Herr Heller, die Aktienkurse steigen wieder. Ist der Spuk an den Börsen schon wieder vorbei?

Gottfried Heller: Ein Spuk? Das klingt wie ein Sommergewitter, das vorbeigezogen ist – wie jeden Sommer. Dieser Absturz war aber etwas anderes, und es liegt noch sehr viel Unsicherheit in der Luft. Wir haben noch einiges vor uns in der Schuldenkrise.

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan sieht den Euro zusammenbrechen, auch Großinvestor George Soros warnt vor einem Kollaps. Sind Sie auch so pessimistisch?

Nicht für die nächsten ein bis zwei Jahre. Danach wird der Euro auch nicht völlig verschwinden. Aber vielleicht schon in fünf Jahren wird er nicht mehr die gleichen Mitglieder wie heute haben.

Anders als frühere Finanzkrisen wird diese also noch Jahre dauern?

Es ist noch viel Gift im Finanz-System. Damit meine ich staatliche und private Schulden. Darunter befinden sich eine Menge Ramschanleihen oder auch Giftmüll. Die lassen sich nicht wie bei einer Diät in wenigen Monaten beseitigen. Inflation lässt sich leichter mit steigenden Zinsen bekämpfen. Schulden sind wie ein Gift, das über Jahre ausgeschwemmt werden muss. Man kann es auch so beschreiben: 2008/2009 lag die Finanzwelt auf der Intensivstation, jetzt befindet sie sich in der Rekonvaleszenz, gesund sein wird sie bestenfalls in einigen Jahren.

Was macht Staatsschulden so giftig für den Finanzmarkt in der Euro-Zone?

Die Menschen haben das ungute Gefühl, dass die Politik nicht mehr funktioniert. Der Euro-Stabilitätspakt wurde verletzt und der vertraglich vereinbarte Haftungsausschluss („No Bail-out“) wurde gebrochen; die Europäische Zentralbank hat ihre Unabhängigkeit verloren. Und die Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen wollen nun – nachdem der Euro-Beitritt ihnen rekordtiefe Zinsen beschert hatte – auch noch ein weiteres Geschenk: Euro-Bonds. Diese wären die europäische Version der amerikanischen „Subprime“-Ramschanleihen, an denen das Land noch heute leidet. Man stärkt die Schwachen nicht, indem man die Starken schwächt. Mit der finanziellen Überbelastung droht auch Deutschland, seine Bestnote als Schuldner zu verlieren.

Volatile Finanzmärkte, eine fragile Währung, hilflose Regierungen und wilde Spekulation – haben Sie eine solche Konstellation schon einmal erlebt?

In dieser Häufung und globalen Vernetzung habe ich es in den gut 40 Jahren, in denen ich am Finanzmarkt bin, noch nicht erlebt. Frühere Finanzmarktkrisen gingen von der Wall Street aus, von Ölpreisschocks oder Überspekulation. Das konnte jeweils nach kräftigen Kurseinbrüchen wieder geheilt werden. Heute haben wir es mit einem Schuldenproblem aller wichtigen Industrieländer zu tun. Und mit einer Politik, die ja nicht nur in Europa hilflos und funktionsunfähig ist, sondern auch in den USA.

Ist die Politik auch deshalb hilflos, weil sie zu sehr auf die Märkte schaut?

Die Märkte sind wie ein Rudel Wölfe, das ein waidwundes Tier angreift. Italien und Spanien wurden lange umkreist und schließlich angegriffen. Von solchen Attacken wird die Politik immer wieder überrascht. Sie reagiert dann nur und handelt nicht vorausschauend.

Lässt sich dieses Rudel Wölfe, wie Sie sagen, nicht zähmen?

Nein. Das sind die Nebenwirkungen der Globalisierung. Die Politik kann zwar, wie jüngst geschehen, Leerverkäufe in einigen Ländern verbieten. Dann machen die Spekulanten aber diese Geschäfte eben woanders.

Kommentare (14)

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POPPER

01.09.2011, 12:46 Uhr

Einfach immer die gleichen Lügen: Schuldenkrise. Natürlich sind die Staaten in Europa verschuldet, aber nicht, weil sie falsch gewirtschaftet hätten, sondern weil sie das Bankensystem vorm Totalabsturz retten mussten. Insoweit redet Herr Heller den gleichen Unsinn nach, den Neoliberale bewußt in die Welt setzen, um von den eigentlichen Fehlern abzulenken. Zur Vermeidung deises Totalabsturzes musste Irland seine Schulden vervierfachen, Spanien verdoppeln und in Portugal und Griechenland sind die Schulden um 50% gestiegen und bei Deutschland um 20%. Dennoch wird munter abgelenkt und so argumentiert, als sei die Ursache der Krise die Staatsschuldenkrise. Auch, wenn das noch so viele verschleiern wollen, es bleibt eine Finanzkrise. Zum Dank, erpressen die Geretteten die Retter und verdienen mit ihren CDS vom Elend ihrer Retter. Da muss man sich an den Kopf greifen, wenn man solche Artikel liest.

atinak

01.09.2011, 12:49 Uhr

Nach all dem kenntnislosen Unsinn, den hier ideologisch verblendete Fachfremde wie Trittin, Nahles oder Özdemir hier abgesondert haben, endlich mal wieder ein kompetentes Highlight und ein höchst kluger, nüchterner, differenzierter Beitrag. Aber gut, das ist die vom HB wohlverstandene Demokratie, die es jedem möglich macht, sich seine Meinung zu bilden. Einverstanden. Nur wäre es dann auch gut, wenn unter den Beiträgen von Politikern ebenfalls deren Ausbildung und Praxiserfahrungen im konkreten Wirtschaftsleben angebeben werden würde.

atinak

01.09.2011, 12:56 Uhr

Das ist sachlich schlicht falsch. Die Staatsschulden sind nicht durch die Banken, sondern durch eine unsachgemäße und verschwenderische, teilweise korruptionsbedingte Ausgabenpolitik der Staaten entstanden. Die wieder unsachgemäße Bankenrettung, die Herr Heller hier sehr klug kritisiert, war nur ein verschärfendes Moment, nicht die Ursache. Wenn Sie ihn aus mangelnder Sachkenntnis nicht verstanden haben, sollten Sie sich lieber erst mal kundig machen und genauer lesen.

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