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14.07.2011

09:40 Uhr

Griechenland

"Die Märkte wären über einen Default erleichtert"

VonRolf Benders

ExklusivIn den USA macht sich die Haltung breit, ein "Ende mit Schrecken" sei in der Krise das beste für die EU. Fondsmanager David Kotok ist sogar der Ansicht, eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands würde den Märkten gut tun.

David Kotok, Fondsmanager und Gründer der Fondsgesellschaft Cumberland Advisors.

David Kotok, Fondsmanager und Gründer der Fondsgesellschaft Cumberland Advisors.

New York„Griechenland kann nicht mehr gerettet werden. Das Land ist insolvent und muss Zahlungsunfähigkeit anmelden“, sagte David Kotok, Chefstratege der US-Fondsgesellschaft Cumberland Advisors, im Interview mit dem Handelsblatt. „Wenn das passiert, würden die Märkte mit Erleichterung reagieren. Es würde eine Erleichterungsrally geben, die hilft, die Folgen abzumildern."

Seit über einem Jahr bekommt die EU die Griechenlandkrise nicht in den Griff. Die Folge: Selbst wirtschaftlich viel besser dastehende Länder wie Italien gelten in den Märkten plötzlich als ausfallgefährdet. Um eine vollständige Ansteckung nicht nur Italiens, sondern auch anderer europäischer Länder zu verhindern, fordern immer mehr Experten, den Offenbarungseid der Griechen nicht mehr länger herauszuzögern.

„Ohne einen solchen Schritt würde auch Italien mit in den Abgrund gerissen, so Kotok. „Die Politik der Eindämmung der Griechenlandkrise ist gescheitert.“ Denn obwohl Italien, Spanien, Irland und selbst Portugal in einer viel besseren Lage als Griechenland seien, führe die Unsicherheit in den Märkten dazu, dass sie in Sippenhaft genommen würden. Die Folgen seien immer weiter steigende Renditen ihrer Anleihen. „Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, werden diese Länder mit in den Abgrund gerissen“, sagte Kotok.

In einem Default von Griechenland liegt aus Kotoks Sicht die größte Chance für Italien. „Im ersten Schock würden die Refinanzierungskosten Italiens natürlich weiter steigen. Aber wenn die italienische Regierung gleichzeitig glaubhaft machen kann, dass sie eine Balance von Einnahmen und Ausgaben anstrebt, werden sich die Märkte beruhigen.“

Prominente Stimmen zur Schuldenkrise

Axel Weber, Ex-Chef der Bundesbank

„Ab einem bestimmten Punkt muss man seine Verluste einschränken und das System neu starten“

Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident und einst Chef des IWF

„Die Euro-Gruppe und das ganze europäische Projekt stehen wegen gravierender politischer Versäumnisse in der Vergangenheit vor einer nie dagewesenen Zerreißprobe.“

George Soros, Großinvestor und Präsident von Soros Fund Management

„Seien wir mal ehrlich: Wir stehen am Rand des Zusammenbruchs, der - sagen wir mal - mit Griechenland anfängt, aber sich leicht ausweiten kann.“

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister

„Wir stehen vor dem realen Risiko der ersten ungeordneten Staatsinsolvenz innerhalb der Euro-Zone.“

Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pacific Investment Management Co (Pimco)

„Griechenland hat zu viele Schulden und kann nicht wachsen, solange diese Probleme nicht gelöst sind. [...] Das Land wird um eine Umschuldung nicht herumkommen.“

Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung

„Also das Geld ist verloren. Die Griechen können ja jetzt schon nicht zurückzahlen. Griechenland war im Grunde schon vor einem Jahr pleite.“

Barack Obama, US-Präsident

„Eine Spirale der Zahlungsunfähigkeit wäre eine Katastrophe.“

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank

„Solidarität darf nicht in der Weise missverstanden werden, dass die europäischen Partner und die internationale Gemeinschaft keine andere Wahl hätten, als die Finanzierung fortzusetzen. Niemand ist erpressbar und niemand darf erpressbar sein. [...] Das Schicksal des Euro hängt nicht an Griechenland.“

Warren Buffett, Investmentlegende

„Ein Kollaps des Euro ist nicht undenkbar.“

Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und ehemaliger Chefökonom des IWF

„Die EU schiebt das Schuldenproblem nicht nur vor sich her, sondern wie einen Schneeball den Berg hinunter.“

Jean-Claude Juncker, luxemburgischer Premier und Eurogruppenchef

„Es wird keine vollständige Umschuldung Griechenlands geben. Auch der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist niemals ein Thema gewesen“.

Jim Rogers, Börsenexperte

„Lasst Griechenland pleitegehen!“

Jim O'Neill, Chef der Vermögensverwaltung bei Goldman Sachs

„Es wäre besser für die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Währungsunion, die Restrukturierung Griechenlands schnell über die Bühne zu bringen. Wenn nicht, wird die Krise immer schlimmer und breitet sich womöglich auch auf andere Länder aus.“

Bill Gross, Manager des größten Anleihefonds der Welt

„Die Währungshüter versuchen, das Ungleichgewicht von zu hohen Schulden und zu attraktiven Zinsen auf Ersparnisse auszugleichen. Man könnte das als finanzielle Repression bezeichnen. Wir nennen es Taschendiebstahl.“

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Wenn der Euro als Ganzes in Gefahr ist, ist es das deutsche Interesse zu helfen, um den wirtschaftlichen Aufschwung nicht zu gefährden.“

Die größte Last eines Default Griechenlands würde aus seiner Sicht das Land selbst tragen. „Die Banken würden ausgelöscht, die Einlagen würden verschwinden, wenn der Staat sie nicht garantieren kann“, so Kotok. Den Schaden etwa für Deutschland hält er für überschaubar. „Ein paar deutsche Banken würden hart getroffen. Aber sie würden nicht umfallen.“

Kommentare (7)

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wahnsinn

14.07.2011, 14:07 Uhr

er hat ja so recht...nur leider sind Schäuble und Merkel völlig resistent gegen jegliche Einsichten der Vernunft

C.Rath

14.07.2011, 16:45 Uhr

Dieser Standpunkt ist intelligent, fair und angemessen und wird der Situation in der sich Griechenland und alle übrigen Staaten der EU befinden, gerecht.Es ist zu hoffen, dass diejenigen, die politische Verantwortung tragen, ihn zur Kenntnis nehmen und entsprechend verfahren.

Moika

14.07.2011, 17:09 Uhr

Kotok sagt genau daß, was wir seit einem Jahr apostrophieren. Denn wenn der Bankrott eines wirtschaftlichen Leichtgewichtes wie Griechenland nicht mehr halbwegs kontrolliert ablaufen kann, brauchen wir uns an anderen Staaten erst gar nicht zu versuchen. Die wirtschaftliche Inkompetenz der Politiker verbunden mit staatlichen Eitelkeiten hat diesen einzig richtigen Schritt bis heute leider verhindert.

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